Shirin David und ihr Debütalbum : Grellster Brilli am Himmel

Youtube-Star Shirin David stilisiert sich mit ihrem Debütalbum „Supersize“ zum hyperfemininen Luxusprodukt. Ihre R'n'B-Songs sind solide gemacht und gut gesungen.

Die Sängerin Barbara Shirin Davidavicius alias Shirin David, 24.
Die Sängerin Barbara Shirin Davidavicius alias Shirin David, 24.Foto: Universal

Ein neues Produkt aus seiner Verpackung nehmen, es vor eine Kamera halten und dabei ein bisschen erzählen, wie es sich anfühlt und funktioniert. Keine große Sache, doch auf Youtube sind solche „Unboxing“-Videos unglaublich beliebt.

Es ist ein eigenes Genre und ein lukratives Geschäftsfeld. Denn nicht nur Teenager, die mit ihrem neuen Mobiltelefon angeben wollen oder ein Schminkset ausprobieren, laden solche Videos hoch. Es ist vor allem die Domäne der sogenannten Influencer, meist junger Leute, deren Kanäle sehr viele Menschen abonniert haben.

Die bekannteste deutsche Influencerin heißt Shirin David. Sie ist 24 Jahre alt, kommt aus Hamburg und ihr Youtube-Kanal hat 2,6 Millionen Abonnenten, auf Instagram folgen ihr weit über 4 Millionen Menschen. Sie ist mit Beauty- und Comedyvideos bekannt geworden, war Jurorin bei „Deutschland sucht den Superstar“ – und sie hat dem „Unboxing“- Genre gerade eine Sternstunde beschert.

Wobei das 16 Minuten lange Video mit dem Titel „Supersize Unboxing“ zugleich der Abschied von ihrer Influencerinnenkarriere ist, denn der Clip zeigt David, beim Auspacken ihrer Deluxe-Box, die sie zusammen mit ihrem ersten Album herausgebracht hat. Es markiert ihren Wechsel ins Popstar-Fach und den vorläufigen Höhepunkt ihrer eigenen Produktwerdung.

Im ersten Teil des innerhalb einer Woche über eine Million mal angeklickten Videos zeigt David ihren Fans die Fabrik, in der die Box hergestellt wird – es ist also gleichzeitig ein Ein- und Auspackvideo. Den zweiten Teil zelebriert sie auf einem Hotelzimmer-Bett. Zärtlich streicht sie über den schwarzen Karton und spricht davon, wie „wertig“ er sich anfühle. Sie möchte, dass das Auspacken „eine Experience“ für die Käuferinnen wird.

Auf dem Album ist Shirin David nackt abgebildet

Diese Erfahrung enthält eine transparente Plastiktasche, nebst transparentem Schminktäschchen, Stickern, Parfümprobe, Kalender und natürlich ihrem Album, das ohne Booklet in einer Klarsichthülle an der Außenseite der Tasche steckt. „Auf CD, wie man es noch von früher kennt. Ein richtiges Album“, jubiliert Shirin David, während sie die Scheibe in ihren Händen mit den superlangen Fingernägeln hält.

Das „von früher“ weißt auf die Absurdität einer CD-Veröffentlichung hin, denn kaum ein Shirin-David-Fan dürfte einen CD-Spieler besitzen. Und im elterlichen Wohnzimmer – so die entsprechende Technik denn dort vorhanden sein sollte – werden ihre Anhängerinnen das bei Universal Music erscheinende Album kaum auflegen. So dürfte es für die allermeisten wohl lediglich ein bedrucktes Objekt sein, auf dem die nackte Künstlerin an einem Pool zu sehen ist. Als Blickfang der Plastiktasche macht sich das natürlich sehr gut.

Die Hälfte der zwölf Songs der CD waren ohnehin schon verfügbar. Die erste Single „Gib ihm“ erschien vor sieben Monaten, und das Video schnellte auf Youtube sofort in den zweistelligen Millionenbereich. Inzwischen steht es bei über 43 Millionen Klicks. Man kann Shirin David dabei zuschauen, wie sie sich leicht bekleidet auf einem rosa Bett neben Hundebabys räkelt und mit einer Tänzerinnenschar zwischen überdimensionalen Markenlogos herumtanzt. Weitere Edelmarken zählt sie im gerappten Text auf, in dem sie ihren Körper als das größte Luxusgut stilisiert. „Zehn Zentimeter Stoff, Baby, gib ihm! (wouh)/ Die Nägel länger als die Shorts, Baby, gib ihm!“, heißt es im Refrain.

Sie hat schon Zehntausend Euro für Schönheits-OPs ausgegeben

Song und Video sind eine recht deutliche Hommage an die US-Rapperin Nicki Minaj, die in der ersten Zeile erwähnt wird und der Shirin David auch in der kurvenbetonten Umgestaltung ihres Körpers nacheifert. Mehrere Zehntausend Euro hat die Hamburgerin bereits dafür ausgegeben. Bei Barbara Shirin Davidavicius – die Mutter ist Litauerin, der Vater Iraner – geht es immer übertrieben laut, teuer und groß zu. Nicht umsonst hat sie das Album „Supersize“ genannt. In ihre extrem selbstbezogene Überaffirmation von Markenfetischismus und Konsumkultur eine subtile Systemkritik hineinzulesen, wie es derzeit mitunter geschieht, ist jedoch eine komplette Fehlinterpretation. Bei Shirin David gibt es keine zweite Ebene oder Ironie (Humor schon). Sie meint alles genau so, wie es auf den ersten Blick aussieht.

Dabei repräsentiert sie ein stereotypes Frauenbild, es rekurriert auf das seit Marilyn Monroe schon millionenfach kopierte Sexbomben-Image. Dass sie sich aus eigener Entscheidung zum Objekt macht und als selbsterklärte „Boss Bitch“ immer die Kontrolle hat, kann man als weibliche Selbstermächtigung sehen. Feministisch ist an ihrer allein an materiellen Werten orientierten Haltung allerdings nichts.

Tumulte bei der Autogrammstunde

Was sich auch in den Songtexten spiegelt, in denen Männer wie der ferne Geliebte, der zu beeindruckende Macker oder der abwesende Vater zentrale Rollen spielen. Frauen, die David gern als Nutten, Bitches und Huren bezeichnet, kommen hingegen nur als Konkurrentinnen oder als Dekoration vor. In „Gib ihm“ heißt es etwa: „Shirin David, Bitch, welche Ho will Stress?/ Ich mache deine große Liebe heut zu deinem Ex (mh-hm-hm)“.

In der Deko-Funktion sind Frauen im Song „Brillis“ zu erleben. Dort gibt es ein „Wir“, das – so legt das Video nahe – ein weibliches ist. Freundinnen ziehen zusammen los und landen am Ende im KaDeWe. Aufgedrehte Teenie-Fans, die beim Dreh zufällig in der Nähe waren, sind kurz in dem Clip zu sehen. Ähnliche Szenen wiederholten sich am Samstag in einem Einkaufszentrum am Alexanderplatz, wo eine Shirin-David-Autogrammstunde wegen tumultartiger Szenen abgebrochen werden musste.

„Wir leuchten wie Brillis am Himmel“ lautet die Refrainzeile von „Brillis“. Eine Anspielung an Rihannas Hit „Diamonds“, bei dem ebenfalls Diamanten am Himmel funkeln. Das „Uh-oh, uh-oh“ scheint wiederum bei France Galls „Ella, elle l’a“ abgelauscht zu sein.

Ein Duett mit Xavier Naidoo und 90er-Vibe

Musikalische Originalität strebt Shirin David auch sonst nicht an. Das Berliner Produzenten-Team FNSHRS hat ihr einen unaufgeregten R’n’B-Sound mit soliden Trap-Beats gebaut. Mal gibt es einen Reggaeton-Ausflug („Gift“), und immer wieder blitzen Erinnerungen an die 90er auf – am stärksten ist das bei „Nur mit dir“ der Fall, einem Duett mit Xavier Naidoo. David hat keine Berührungsängste mit dem Mannheimer Verschwörungstheoretiker und Reichsbürgerfreund. Sie scheint sich bei der sehnsuchtsvollen Ballade in ihre Kindheit zurückzuträumen, als Xavier Naidoo, Sabrina Setlur und Moses Pelham noch Stars waren.

Sind die wenigen gerappten Passagen von „Supersize“ eher durchschnittlich, überzeugt Shirin David, die als Kind Klavier,- und Gesangsunterricht nahm, als Sängerin. Bei dem Stück „Unsichtbar“ muss man sogar an Helene Fischer denken. Vielleicht sollten die beiden mal über ein Duett nachdenken. Eine feministische Hymne wäre zum Beispiel eine feine Überraschung.

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