Sinnsuche in den Kunstsälen Berlin : Warten auf das Glück

Welche Rolle kann die Kunst in Zeiten gesellschaftlicher Neuorientierung übernehmen? Die Berliner Kunstsäle empfehlen ein bewusstes Leben ohne Sinn.

Krise auf dem Balkon. Skulptur von Böhler & Orendt.
Krise auf dem Balkon. Skulptur von Böhler & Orendt.Foto: Kunstsäle, Frank Sperling

Welche Armut betrifft Sie? Wann haben Sie zuletzt das Handy ausgeschaltet? Und wie geht es Ihnen, wenn Sie aus Versehen eine Ikea-Tüte geklaut haben? Im „Haus der Sinnsuche“ müssen Besucher zunächst einen Anamnesebogen ausfüllen, wie beim Arzt. Der Eingangsraum in den Kunstsälen sieht aus wie ein Wartezimmer. Sessel stehen bereit, Zeitschriften liegen aus. Eine nette Empfangsdame gibt eine Empfehlung ab, in welcher Reihenfolge man die Institutionen im Sinnsuchehaus abklappern soll. Zur Verfügung stehen: das „Lab“, der „Festsaal“, das „Selbsthilfezentrum“ und der „Club Fortuna“.

An den Kategorien kann man schon erahnen, wo Menschen üblicherweise den Sinn des Lebens suchen: In der Arbeit, in Gemeinschaft, in der Hilfe für sich und andere, in Verein und Konsum. Nichts davon wird auf Dauer funktionieren, so die These der Ausstellung. Stattdessen verspricht das „Haus der Sinnsuche“, ein Projekt der Berliner Kuratorin Ellen Blumenstein, vormals Chef-Kuratorin an den Kunstwerken, „ein gutes Leben durch Kultur“. 34 Künstler hat Blumenstein zusammengetrommelt, deren Werke beim Gewahrwerden und Aushalten der Sinnlücke helfen sollen.

Im „Lab“, einem Raum mit Schreibtischen und Computern, der als Co-Working-Space genutzt werden darf, wird nach dem Verhältnis von Arbeit und Sinn gefragt. Auf den Rechnern laufen Videos rund um das Thema Arbeit, etwa ein Film von Alexander Kluge zu „Arbeit - Anti-Arbeit - Industrie“. Die Wahlberlinerin Helga Wretman hat sich auf Fitness-Workouts mit Künstlern spezialisiert. Diese erklären keuchend ihre Kunst, während sie gemeinsam mit Wretman eine Fitnessstunde durchlaufen.

Rückkehr der Lebensfreude durch Malerei

Im „Festsaal“ sieht man sich selbst im Spiegel, während die Familienporträts von Katharina Mayer Familienzusammenhänge reflektieren, samt aller Abhängigkeiten und Skurrilitäten. Die Künstlerin Kurdwin Ayub performt in einem YouTube-Video einen Song von Adele und befragt den Sinn der Selbstdarstellung im Netz. In einem Extra-Raum läuft ein Auftritt des Kabarettisten Rainald Grebe, der in dem Lied „Oben“ den eigenen sozialen Aufstieg ironisiert. Mit dieser fein austarierten Mischung zwischen Kunst und Unterhaltung werden die Sinnkonstrukte Zugehörigkeit, Status und Klasse sehr beleuchtet. Konsum und Hedonismus ist dann im „Club Fortuna“ angesagt, dort hat das gleichnamige Künstlerkollektiv, bestehend aus Xenia Lesnewski, Julia Rublow und Sarah Sternat eine Eislaufbahn installiert – samt realer Bandenwerbung für Facelifting und Co. Wer will darf seine Eislaufrunden ziehen, im Berliner Frühsommer, in einer Altbauwohnung. Das macht eigentlich keinen Sinn, ist aber trotzdem schön.

Ob Künstler denjenigen helfen, die sie in ihrer Arbeit zum Gegenstand machen oder ob die Protagonisten in Videos und auf Bildern eher die Karriere des Künstlers befördern, darüber kann man im „Selbsthilfezentrum“ nachdenken. Eine schöne Arbeit stammt von Katerina Šedá. Šedá ermunterte ihre Oma, die nach dem Tod ihres Mannes nur noch lethargisch herumsaß, Erinnerungen aus ihrem Beruf als Verkäuferin aufzumalen. Die einfachen Zeichnungen von Kochgeschirr bis Napfkuchenform bedecken eine ganze Wand, während ein Film zeigt, wie die Oma wieder Freude am Leben gewinnt.

Die ansprechen, die nicht regelmäßig mit Kunst zu tun haben

Das Thema Sinnsuche ist im Moment besonders virulent. Die Ausstellung bezieht sich, bei aller Ironie, auch auf die Realität: Brexit, Trump, Fremdenangst, Europakrise, prekäre Arbeitsstrukturen – welche Rolle können Kulturschaffende in Zeiten gesellschaftlicher Neuorientierung übernehmen? Zu oft ist Kultur auch Konsum und Geschäft, verspricht ein gutes Gewissen durch gute Taten, durch partizipative Projekte und kritische Analysen, die dann oft nur im Galerieraum versimmern. Und genug Menschen fühlen sich von der Kultur, insbesondere von elitärer Konzeptkunst, sowieso ausgeschlossen. Grade die, die nicht regelmäßig mit Kunst zu tun haben, wolle man mit dem „Haus der Sinnsuche“ ansprechen, sagt Blumenstein. Ein Transparent an der Hausfassade soll Passanten schon in der vorbeifahrenden S-Bahn aufmerksam machen. Psychologen, Mediziner und Pfarrer sind eingeladen, um bei Ausstellungsrundgängen ihren Blick auf die Sinnsuche darzustellen.

Für Kuratorin Ellen Blumenstein findet das gute Leben übrigens im Moment in Hamburg statt. Dort ist sie seit Kurzem für Kulturprojekte in der neuen Hafencity zuständig. Das „Haus der Sinnsuche“ hat sie noch in ihrer Berliner Zeit auf den Weg gebracht. Ein Glück. Denn selbst wer nicht recht daran glauben mag, das die Kunst das Leben besser macht, hat doch eine tolle Ausstellung gesehen.

Bis 22.7., Kunstsäle Berlin, Bülowstr. 90, Schöneberg, Mi–So 11–18 Uhr, So 27.5., 11 Uhr, „Sinnsuche mit...“, eine Ausstellungsführung mit dem Psychoanalytiker Karl-Josef Pazzini

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