• Skandal im Filmhaus: Dffb-Direktor Ben Gibson entblößt sich vor Studierenden – und wird suspendiert

Skandal im Filmhaus : Dffb-Direktor Ben Gibson entblößt sich vor Studierenden – und wird suspendiert

Der Berlinale-Empfang der Deutschen Film- und Fernsehakademie findet ohne Direktor Ben Gibson statt. Er hat sich vor Studierenden entblößt und ist beurlaubt.

Hickhack gab es schon vor seiner Ernennung. Der britische Produzent Ben Gibson ist seit 2016 Direktor der Dffb.
Hickhack gab es schon vor seiner Ernennung. Der britische Produzent Ben Gibson ist seit 2016 Direktor der Dffb.Foto: Mike Wolff

Mitten in der Berlinale erschüttert ein Skandal eine der wichtigsten deutschen Filmhochschulen. Der Chef der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (Dffb), Ben Gibson, hat sich am Freitag während eines Streits teilweise vor Studierenden ausgezogen. Das Kuratorium der Dffb hat ihn deshalb am Montag beurlaubt. In einer Mail an die Studierenden schrieb Gibson am Freitag, er habe sich „provozieren lassen“ und sich daraufhin „entblößt“. Das Schreiben liegt dem Tagesspiegel vor.

Aus der Studierendenschaft hieß es, Gibson habe sich mit einer Studentin auf der Terrasse des Filmhauses gestritten – die Akademie hat ihren Sitz im Hochhaus des Sony-Centers am Potsdamer Platz. Die Studentin soll Gibson angeschrien haben, weil sie mit seiner Arbeit als Direktor unzufrieden gewesen sein soll. Daraufhin soll Gibson seine Hose heruntergelassen und der Studentin den nackten Hintern gezeigt haben. Es soll sich nicht um eine Absolventin der Dffb, sondern der Potsdamer Filmuniversität Babelsberg gehandelt haben.

Zu dem Vorfall kam es, während auf der Terrasse eine Party der Kamera- und Filmausrüstungsfirma Arri vorbereitet wurde. Laut Gibsons Mail waren Arri-Mitarbeiter und eine kleine Gruppe Studierender anwesend, als er seine Hose herunterzog. Er nannte sein Verhalten einen „schweren Fehler“. Er schäme sich und bat um Entschuldigung. Arri wollte sich zu dem Vorfall nicht äußern, auch die Dffb sagte dem Tagesspiegel, zu Personalangelegenheiten äußere man sich nicht.

Studentische Mitbestimmung auf den Fahnen

Die Hochschule wird vom Land Berlin getragen, der Staatssekretär der Senatskanzlei, Christian Gaebler, ist Vorsitzender des Kuratoriums. Das heißt, das Land entscheidet nicht selbst über die Causa Gibson. Er habe „einen Dienstvertrag mit der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin GmbH geschlossen; er ist kein Angestellter des Landes Berlin“, teilte die Senatskanzlei mit. Was mit Gibson geschieht, entscheidet das Kuratorium am 6. März. Dem Gremium, das Gibson 2016 auch berufen hatte, gehören auch Medienboard-Chefin Kirsten Niehuus, ZDF-Redakteurin Claudia Tronnier, RBB-Programmbereichs-Chefin Martina Zöllner, die ProduzentInnen Regina Ziegler, Eberhard Junkersdorf und Fabian Gasmia sowie Iris Brockmann vom Finanzsenat an.

„Die Dffb-Saga geht weiter, Ben Gibson wurde beurlaubt“, schreibt der Nutzer „orcival“ auf Twitter. Allmählich taugt das Dauertrauerspiel in der Akademie tatsächlich zur Saga, denn schon die Vorgeschichte zum Gibson-Eklat ist lang und betrüblich. Als der britische Produzent, der in den neunziger Jahren in Großbritannien Autorenfilme von Derek Jarman oder Terrence Davies mit realisierte und von 2001 bis 2014 die London Film School geleitet hatte, im Februar 2016 an der Dffb startete, war dem ein zähes Hickhack vorausgegangen. Und ein leidenschaftlicher Zwist.

Mehr als die anderen deutschen Filmhochschulen gilt die Dffb als Ausbildungsstätte der Filmkünstler und Autorenregisseure, mit hochkarätigen Absolventen von Emily Atef über Wolfgang Becker, Detlev Buck, Wolfgang Petersen und Christian Petzold bis zu Helke Sander. Ihrem Ruf als streitlustige Akademie macht sie seit ihrem Gründungsjahr 1966 alle Ehre. Schon der erste Jahrgang – zu dem neben Petersen und Sanders auch Holger Meins und Harun Farocki gehörten – war in jenen politisch turbulenten Zeiten komplett relegiert worden. Seitdem hat sich die Schule weitreichende studentische Mitbestimmung auf die Fahnen geschrieben. Das prägt sie bis heute.

Viele Kandidaten verschlissen

Die jetzige „Saga“ wiederum fing 2005 an, mit dem Ende der nicht komplett störungsfreien, aber vergleichsweise friedlichen Amtszeit von Regisseur Reinhard Hauff. Über Monate blieb der Posten vakant; auf den glücklosen Hartmut Bitomsky folgte ab 2010 der Regisseur Jan Schütte, der seinerseits schnell umstritten war. Es gab anonyme Beschwerdebriefe an den Regierenden Wowereit, im Sommer 2014 nahm Schütte überraschend den Hut und wechselte nach L.A..

Bei der Nachfolgersuche wurden dann mehrere Kandidaten zerschlissen, bevor sie überhaupt bestätigt worden waren. Immer wieder focht der Rat der Studierenden das Procedere der Senatskanzlei an, immer wieder wurde mehr Beteiligung und Transparenz eingefordert. Sophie Maintigneux – die Kamerafrau galt als Favoritin der Studierenden – erwirkte eine einstweilige Verfügung, weil ihre Bewerbung übergangen worden war. Irgendwann entschied sich das Kuratorium dann aber doch für Ben Gibson.

Ende gut? Nicht alles gut: Die beiden Studierenden in der eigens installierten sechsköpfigen Findungskommission hatten für andere Bewerber votiert. Zur Wahl standen neben Gibson die Produzentin Dagmar Jacobsen, die Filmemacher Béla Tarr und Romuald Karmakar sowie Pavel Jech, der Leiter der Prager Filmschule.

„Es geht um den Mut zum Scheitern“

Trotzdem schien mit dem Start von Ben Gibson zunächst Ruhe einzukehren. Für eine Kulturrevolution sei er nicht zu haben, meinte Gibson zwar, als er zum Start auf die Basisdemokratie im Haus angesprochen wurde. Ein halbes Jahr später bestätigte er anlässlich des 50. Geburtstags der Dffb aber ihre Tradition als Hort der Filmkunst, verteidigte die Schule als Freiraum, das Recht auf Fehler eingeschlossen: „Es geht um den Mut zum Scheitern“, sagte er im Tagesspiegel-Interview. „Jedes Mal wenn du einen neuen Film machst, weil der letzte nichts taugte, scheiterst du ein bisschen weniger. Du bildest einen Muskel aus, der irgendwann kräftig genug ist.“

Seitdem scheint es aber zunehmend Probleme mit dem heute 62-Jährigen gegeben zu haben. Es heißt, die Studierendenvertretung habe sich dagegen ausgesprochen, seinen Vertrag zu verlängern. Es geht wohl um einen alten Zwist: Gegen Marktgängigkeit und enge TV-Kooperation haben sich Dffb-Absolventen schon in den achtziger Jahren gewehrt.

Die Studierendenvertretung selbst wollte nichts zu dem Fall sagen. Klar ist, der Berlinale-Empfang der Akademie an diesem Mittwoch findet ohne den Direktor statt. Und bei der DffB-Saga steht wohl die nächste Folge ins Haus.

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