• Spike Lees „BlacKkKlansman“ im Kino: Der Rassismus von damals, der Rassismus von heute

Spike Lees „BlacKkKlansman“ im Kino : Der Rassismus von damals, der Rassismus von heute

In seiner Komödie „BlacKkKlansman“ schleust Spike Lee einen schwarzen Polizisten beim Ku Klux Klan ein.

Offiziell Mitglied. Ron (John David Washington) und Flip (Adam Driver) können nicht glauben, dass ihr Trick funktioniert.
Offiziell Mitglied. Ron (John David Washington) und Flip (Adam Driver) können nicht glauben, dass ihr Trick funktioniert.Foto: Paramount

Nur zu verständlich, dass Spike Lee ein Problem mit Hollywood hat. Als er Anfang der achtziger Jahre im Regie-Studiengang der prestigeträchtigen Tisch School an der New York University zu studieren begann, stand noch D. W. Griffiths rassistisches Südstaatenepos „Birth of a Nation“ von 1915 auf dem Lehrplan. Damals war der Stummfilm bereits berüchtigt, nicht zuletzt weil er seinerzeit der Renaissance des Ku Klux Klan im Süden der USA den Weg bereitete.

Griffith wurde von Lees Professoren als ein Erfinder des Kinos gepriesen, über seine Inszenierung von rassistischen Stereotypen und white supremacy sah man im Unterricht großzügig hinweg. Mit seiner Kritik, dass eben Griffiths handwerkliche Meisterschaft Rassismus gesellschaftsfähig machte, stieß Lee auf taube Ohren.

Über zwanzig Jahre später trug Spike Lee einen beef mit Clint Eastwood um dessen Weltkriegsdoppel „Flags of Our Fathers“ und „Letters from Iwo Jima“ (2005/06) über die Schlacht im Südpazifik aus. Eastwood ignoriere komplett, warf er dem Hollywood-Veteranen vor, den Beitrag afroamerikanischer Soldaten – laut US-Militärhistorikern zwischen 700 und 1000 Männer. Inzwischen befand sich Lee in der Position, die Geschichtsschreibung Hollywoods zu beeinflussen: 2008 drehte er „Das Wunder von St. Anna“ über die afroamerikanische Einheit „Buffalo Soldiers“, die 1944 an der Seite der italienischen Partisanen gegen die Deutschen gekämpft hatte. Aber er war endgültig bedient: Alles muss man selber machen.

Man kann diese Geschichte eigentlich nur als Komödie erzählen

Spike Lee muss sich wie im falschen Film vorgekommen sein, als im August vergangenen Jahres Tausende von Rassisten mit Fackeln durch Charlottesville in Virginia marschierten und der amerikanische Präsident unter den Neonazis „gute Menschen“ entdeckt zu haben glaubte. Er befand sich gerade mitten in den Dreharbeiten zu „BlacKkKlansman“, als in Charlottesville die Demonstrantin Heather Heyer durch die Amokfahrt eines Rechten starb. Sein Film basiert auf den Memoiren des afroamerikanischen Polizisten Ron Stallworth, dem ersten in der Kleinstadt Colorado Springs, der Ende der siebziger Jahre undercover Mitglied des Ku Klux Klans wurde. Nach Charlottesville war „BlacKkKlansman“ plötzlich in der Gegenwart angekommen.

Lee spannt mit „BlacKkKlansman“ zunächst einem filmhistorischen Bogen, als müsse er noch belegen, dass die Filmgeschichte maßgeblich zur Verbreitung von rassistischen Motiven beigetragen hat. Scarlett O’Hara wandelt durch die Straßen, in denen die Leichen Hunderter Konföderiertensoldaten aufgebahrt sind. Demgegenüber stellt er seine eigenen „Mockumentary“-Bilder: Alec Baldwin als KKK-Sprecher in einem historischen Imagefilm der „Organisation“ (so die offizielle Sprechweise), der sichtlich Schwierigkeiten mit seinem Textmaterial hat.

Es ist die erste von vielen Trump-Anspielungen, die Lee dem Publikum aufs Auge drückt: Vergangenes Jahr gewann Baldwin schon für seine Trump-Imitationen in der Comedyshow „Saturday Night Life“ den Emmy. Die Klammer aus „Vom Winde verweht“ und Baldwins Auftritt setzt auch den Ton für „BlacKkKlansman“, der in Cannes mit dem Großen Preis der Jury ausgezeichnet wurde.

Produziert hat der „Get Out“-Regisseur Jordan Peele. Man kann die Geschichte eines schwarzen Mitglieds des Ku Klux Klan eigentlich nur als Komödie erzählen. Der Komiker Dave Chappelle hat aus dieser Prämisse mal, ein paar Jahre vor Obama, einen frivolen kleinen Sketch gemacht, der die Absurdität der Idee bis an den Anschlag dreht. Lee wirkt dagegen seltsam verzagt.

Der Neuling Detective Ron Stallworth, gespielt von John David Washington, dem Sohn Denzels, wird bei der Polizei anfangs wie ein Maskottchen behandelt. „Ich mag den Afro“; sagt sein Vorgesetzter (Robert John Burke) – und steckt ihn ins Aktenarchiv. Als der „radikale Schwarze“ Stokely Carmichael in Colorado Springs auf Einladung der afroamerikanischen Studentenvereinigung eine Rede halten soll, wird Ron, der tatsächlich den schönsten Afro diesseits des Blaxploitationkinos hat, zu der Veranstaltung geschickt, wo er prompt mit der Präsidentin Patrice (Laura Harrier) anbändelt.

Patrice fungiert für ihn als eine Art Korrektiv: Ihre radikale Rhetorik kollidiert ständig mit seinem Pflichtbewusstsein als Repräsentant rassistischer Staatsgewalt. Ron wiederum stellt einmal seinen jüdischen Kollegen Flip Zimmerman (Adam Driver) zur Rede, der behauptet, keinen persönlichen Konflikt mit dem – eben auch antisemitischen – Ku Klux Klan zu haben. „Ich hab mir nie Gedanken über meine jüdische Herkunft gemacht“, gibt Flip zu, „neuerdings denke ich ständig darüber nach.“

Die Klan-Mitglieder kommen durchweg als Deppen weg

Man erinnert sich in solchen Szenen wieder, was für ein guter Autor Spike Lee sein kann. Die Frage ist letztlich ja, wie man mit einem solchen Stoff umgeht: Ist die Geschichte schon so absurd, dass man sie als Regisseur nur noch punktuell zuspitzen muss? Oder geht man in die Vollen und erzählt eine Farce, wie Lee es zuletzt mit „Chi-Raq“ gemacht hat, seinem Hip-Hop-Musical im Gewand einer griechischen Tragödie? Lee entscheidet sich für einen Mittelweg, die Retro-Buddy-Komödie. Washington und Driver treten in Personalunion dem Klan bei: der schwarze Cop hält telefonisch Kontakt, sein jüdischer Partner gibt sich persönlich als Stallworth aus und gewinnt das Vertrauen der Rassisten – bei Schützentreffen im Wald und in konspirativen Sitzungen, wo die Dame des Hauses Gebäck reicht.

Die Klan-Mitglieder kommen bei Lee durchweg als unterbelichtete Deppen weg, einzig Topher Grace als David Duke, Chef des Ku Klux Klans, strahlt mit seiner gespielten Arglosigkeit eine unterschwellige Bedrohung aus. Es gibt allerdings auch einige sehr komische Szenen zwischen Washington und Grace: Als der „Grandwizzard“ zu einem öffentlichen Auftritt nach Colorado reist, um den falschen Ron Stallworth kennenzulernen, luchst der echte Ron Stallworth, abgestellt zum Personenschutz des Klanführers, Duke ein Polaroid-Selfie ab.

Ein bewegender, aufwühlender Epilog

Die gelungeneren Gags in „BlacKkKlansman“ haben ihren Ursprung in der treffsicheren Situationskomik von Lee und seinem Autorenteam Charlie Wachtel, David Rabinowitz und Kevin Willmott. Ein Großteil der Witze entstammt hingegen dem Repertoire der Buddy-Komödie – oder basiert auf Trump-Anspielungen. „America First“ und „Make America Great Again“ schwingen in den hohlen Neonazi-Reden implizit und explizit mit, aber die Aktualisierungen klingen selbstzufrieden. Der Humor bleibt, gemessen an früheren Filmen wie „Bamboozled“ und „Chi-Raq“, harmlos.

Natürlich ist es reichlich anmaßend, ausgerechnet Spike Lee vorzuwerfen, sein Film über den amerikanischen Rassismus sei nicht wütend genug. Vielleicht übertreibt er es auch einfach mit seinen Parallelmontagen zwischen Vergangenheit und Gegenwart. Am deutlichsten wird das in einer Szene, in der sich Harry Belafonte vor einer Gruppe Studenten an ein Lynching im Jahr 1916 erinnert – und der Film immer wieder Szenen eines grotesken KKK-Initiationsrituals dazwischen schaltet. Mehr als einmal sabotiert sich Lee auf diese Weise selbst.

„BlacKkKlansman“ endet dann tatsächlich in der Gegenwart, mit Nachrichtenbildern aus Charlottesville, von David Duke, der Donald Trump dankt, einem Foto von Heather Heyer, wütenden Menschen. Es ist ein bewegender, aufwühlender Epilog, fast fühlt man sich ein wenig manipuliert. Weil es Spike Lee in über zwei Stunden nicht einmal gelingt, selbst einen ähnlichen Furor zu entwickeln.

Ab Donnerstag in 15 Berliner Kinos. OV: Delphi Lux, Rollberg; OmU: Babylon Kreuzberg, FT Friedrichshain, Hackesche Höfe, Kulturbrauerei, Neues Off, Odeon

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