"Ich finde nicht, dass zwei Jahre wenig für ein Buch mit 200 Seiten sind"

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Takis Würger und „Stella“ : „Der Vorwurf der Leichtfertigkeit trifft mich“
Stella Goldschlag 1957 als Angeklagte mit Verteidiger.
Stella Goldschlag 1957 als Angeklagte mit Verteidiger.Foto: imago/ZUMA/Keystone

Wie sind Sie zu der Geschichte überhaupt gekommen? Es wirkt lapidar, etwas breitbeinig, wie Sie das in einer Werbebroschüre erklären: Dass Sie mit einem Freund nach einem Theaterbesuch Bier getrunken und über das Musical „Cabaret“ gesprochen haben, über die deutsche Vergangenheit und er Ihnen dann von Stella Goldschlag erzählt hat?

Ja, ich habe ein Theaterstück gesehen, danach auf dem Bordstein ein Bier getrunken und über deutsche Geschichte gesprochen. Ich kann da nichts Lapidares oder Breitbeiniges dran erkennen.

Und dann machen Sie schnell mal einen Roman draus, so ist auch oft zu hören, dafür brauche man doch, um es ordentlich zu machen, viel mehr Zeit.

Ich kenne diese Vorwürfe. Ich finde nicht, dass zwei Jahre wenig Zeit für ein Buch mit 200 Seiten sind. Es waren zwei intensive Jahre meines Lebens.

Sie haben in den Roman die Zitate aus den Akten des Prozesses über Stella Goldschlag vor einem Militärtribunal der Sowjets montiert, die stehen etwas unverbunden neben Ihrer Liebesgeschichte.

Ich wollte dieser naiven Perspektive meines Erzählers eine andere hinzufügen, geschrieben in diesem kalten Polizeideutsch. Die Leser und Leserinnen sollen früher als der Erzähler begreifen, dass hier noch ganz andere Dinge passieren als eine Liebesgeschichte, dass Stella mit der Gestapo kollaboriert.

Dazu kommen Zeitachsen vor jedem Monatskapitel. Darin irritieren Geburtsdaten von Menschen, die 1942 geboren sind wie Paul McCartney, Alice Schwarzer oder Wolfgang Schäuble. Das wirkt etwas lax, so obenhin popjournalistisch.

Lange Zeit verläuft die Geschichte von Friedrich, Stella und Tristan von Appen wie ein Kammerspiel in einer Luxuskulisse. Deshalb war es mir wichtig zu zeigen, dass hier gleichzeitig ein verbrecherisches Regime am Werk ist und den Mord an europäischen Juden plant. Natürlich kann vieles an dem Roman kritisiert werden, aber ich glaube, es ist nicht meine Aufgabe, als Schriftsteller den Roman zu verteidigen.

Hatten Sie das Gefühl, beim Schreiben Stella Goldschlag näher gekommen zu sein?

Die historische Figur Stella Goldschlag hat bei mir Fragen aufgeworfen, gerade was ihre Schuld betrifft, auf die ich keine Antwort finden würde, das wusste ich früh. Zum Beispiel: Wie ist diese Frau mit ihrer Schuld umgegangen? Diese Frau, die von den Nazis zur Täterin gemacht wurde. Ich hoffe, dass dieser Roman seinen Wert hat, auch ohne dass ich diese Antworten gebe. Ich hoffe, dass nach der Lektüre ein paar mehr Menschen über den Terror der Nazis nachdenken.

Immer wieder steht in der Debatte jetzt unausgesprochen mit im Raum: Ihr Roman könnte die Relativierung von deutscher Schuld zur Folge haben.

Die Stella in meinem Roman, diese fiktive Figur, ist laut der Nürnberger Gesetze der Nazis eine Jüdin. Sie glaubt nicht an Gott, sie empfindet sich nicht als Jüdin. Ich habe versucht, deutlich zu machen, wie boshaft und grausam die Nazis waren. Ich kann in keinem Aspekt meines Romans erkennen, dass ich deutsche Schuld relativiere.

Wie ist das mit der Erinnerungskultur heutzutage, wird es mit dem Aussterben der Zeitzeugen schwieriger werden, sich authentisch und gewissenhaft zu erinnern?

Ich habe gerade eine Studie gelesen, in der es heißt, nur 59 Prozent der über 14-jährigen Schüler wissen, dass Auschwitz-Birkenau ein Vernichtungslager der Nazis war. Ich finde unbedingt, auch meine Generation muss sich dieses Themas annehmen.

Auf dem Cover bewirbt Daniel Kehlmann ihren Roman mit den Worten, dass Sie „das Unerzählbare“ erzählen. Das klingt weniger nach Sorgfalt, sondern marktschreierisch.

Ich bin dankbar dafür, dass ein so kluger und großer Schriftsteller wie Daniel Kehlmann meinen Roman gut findet. Er hat das ja im Verlauf der Debatte noch einmal bekräftigt. Dieser Satz von Kehlmann ist ein dickes Schild in diesen Tagen.

Seit zehn Tagen wird die Debatte um ihren Roman nun geführt. Haben Sie daraus schon Lehren für Ihr Schreiben abgeleitet?

Alle wichtigen Ereignisse im Leben eines Schriftstellers beeinflussen das Schreiben. Natürlich geht mir das mit dieser Debatte so, mit dem Erscheinen dieses Romans überhaupt. Ich bekomme in diesen Tagen viele anrührende E-Mails von Buchhändlern und Buchhändlerinnen, die mir sagen, ich solle das durchstehen und weiterschreiben, weiter literarische Stoffe bearbeiten. Dafür bin ich dankbar. Und weiterschreiben, das werde ich tun.

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