• „The Peanut Butter Falcon“ im Kino: Eine moderne Mark-Twain-Geschichte um einem Helden mit Down-Syndrom

„The Peanut Butter Falcon“ im Kino : Eine moderne Mark-Twain-Geschichte um einem Helden mit Down-Syndrom

Zack Gottsagen ist als junger Wrestlingfan das Herz des Feelgoodmovies „The Peanut Butter Falcon“. Shia LaBeouf und Dakota Johnson spielen nur die zweite Geige.

Auf den Spuren Huckleberry Finns schippern Zack Gottsagen (l.) und Shia LaBeouf die Küste entlang.
Auf den Spuren Huckleberry Finns schippern Zack Gottsagen (l.) und Shia LaBeouf die Küste entlang.Foto: Tobis

„Salzwasser-Redneck“ ist ein guter Name für einen Wrestler, mit dem sich allerdings kaum eine aussichtsreiche Karriere aufbauen lässt. Wer mit diesem Nom de Guerre in den Ring steigt, kommt über regionalen Ruhm nicht hinaus, dessen Arena ist bestenfalls eine selbst gezimmerte Konstruktion in irgendeinem gottverlassenen Landstrich Amerikas, zwischen Hühnerställen und verrosteten Wohnwagen. Der Name „Salt Water Redneck“ klingt besser als eine nostalgische Erinnerung, die man sich auf einer abgenudelten VHS-Kassette ansieht.

Zak (Zack Gottsagen) hat dieses Tape mindestens hundert Mal gesehen, für ihn ist „Salt Water Redneck“ ein Held. Er hat sonst aber auch niemanden, zu dem er aufblicken kann. Seine Familie kennt er nicht, das Zimmer teilt er sich mit dem über 80-jährigen Carl (Bruce Dern), dem immerhin immer noch derselbe Schalk im Nacken sitzt, der auch in Zaks Gesicht aufblitzt – wenn der wieder mal versucht, aus dem Pflegeheim abzuhauen (mit Schmierseife flutscht es sich besser durch die Gitterstäbe im Fenster), um bei seinem Wrestlingvorbild in die Lehre zu gehen. Er meint das ernst, auch wenn seine Umwelt ihn nicht für voll nimmt. Denn Zak lebt mit dem Down-Syndrom.

Das von Robert Redford gegründete Sundance Institute, das seit 1985 das gleichnamige Filmfestival in Park City ausrichtet, war einst die Rettung des amerikanischen Independentkinos, nachdem die Exzesse der jungen Wilden New Hollywoods die US-Filmindustrie in eine Krise gestürzt hatten. Produktionen außerhalb der Studios waren kaum noch möglich. Steven Soderberghs „Sex, Lügen und Video“, der dort 1989 den Hauptpreis gewann, verwandelte das US-Indiekino über Nacht in eine profitable Industrie, angetrieben vom Nachwuchs aus den Workshops und Förderprogrammen des Instituts. Um die Jahrtausendwende war der sogenannte „Sundance-Film“ aber zur Formel verkommen: Außenseitergeschichten à la „Little Miss Sunshine“ mit viel Herz und Pathos, auf Festivals überschüttet mit Publikumspreisen, aber auch viel zu nett und beliebig.

Zack Gottsagen ist ein Naturtalent

„The Peanut Butter Falcon“, das Debüt des Regieduos Tyler Nilson und Michael Schwartz, erfüllt eigentlich alle Kriterien eines „Sundance-Films“, bis hin zu seinem Star Zack Gottsagen, der natürlich Herz und Seele des Films ist. Die Besetzung von Darstellern mit Beeinträchtigungen ist immer eine Gratwanderung, ihre Behinderung kann leicht zum bloßen Spezialeffekt werden, eine skurrile Eigenart. Gottsagen aber ist ein geborener Schauspieler, er besteht selbst neben den beiden nominellen Stars Shia LaBeouf und Dakota Johnson.

LaBeouf zeigt mal wieder, dass er sich neben Laien, vielleicht sollte man aber auch besser „Naturtalenten“ sagen (siehe Sasha Lane in „American Honey“), am wohlsten fühlt. Die Chemie zwischen ihm und Gottsagen ist unwiderstehlich, ohne je einen falschen Ton anzuschlagen – und das bei einem Drehbuch, das nicht unbedingt auf feine Zwischentöne setzt. Es sind dann auch weniger die gefühligen Momente oder die Action-Szenen, in denen das „Buddy Movie“ überzeugt, sondern die Szenen, in denen LaBeouf nur auf Gottsagen, der über einen trockenen Sarkasmus verfügt, reagieren muss.

Zak landet auf seiner Flucht aus dem Heim im Fischerboot von Tyler (LaBeouf), der mit der abgelaufenen Lizenz seines toten Bruders (Jon Bernthal) die Jagdgründe der anderen Fischer in einer Brackwassersiedlung an der Küste Virginias unsicher macht. Als seine Konkurrenten (John Hawkes und der ganzkörpertätowierte Rapper Yelawolf) Tyler zusammenschlagen, brennt er aus Rache deren Bestände nieder und flieht in seiner Jolle die Küste hinunter. Auf der Flucht kotzt ihm Zak, der sich unter einer Plane versteckt, erst mal ins Boot.

Aus dem Märchenreich jenseits der Mason-Dixon-Linie

Nilson und Schwartz mischen ihrer Geschichte viel Mark Twain und etwas magischen Realismus bei. Der amerikanische Süden (LaBeouf liebt es, Charaktere mit schwerem Dialekt zu spielen) ist ein Sehnsuchtsort des US-Indiekinos, neben „Huck Finn“ ziehen sich auch Einflüsse aus „Beasts of the Southern Wild“, dem Überraschungserfolg aus dem Märchenreich jenseits der Mason-Dixon-Linie, durch den Film. Zum Repertoire moderner Südstaaten-Americana gehören auch Charaktere wie der blinde schwarze Einsiedler – denn sogar ein Blinder erkennt, dass der Outlaw Tyler ein Guter ist – und der arglose Tankstellenwärter.

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Bei solch einer Überdosis männlichen Buddytums kommt Dakota Johnson als Pflegerin Eleanor, die auf die Suche nach Zak zu den beiden stößt, fast etwas zu kurz. Dass die drei schließlich „Salt Water Redneck“ (Thomas Haden Church) in seiner heruntergekommenen Wrestlingschule finden, ist für den Wohlfühlfaktor von „The Peanut Butter Falcon“, Zaks Kampfname, unerlässlich. Das Happy End fungiert als zuckersüße Glasur über einem Drehbuch, über dem Zack Gottsagen in seiner weißen Feinrippunterhose wie ein weiser Buddha thront.
Korrektur: In einer früheren Version wurde das Down-Syndrom als Krankheit bezeichnet. Unter medizinethischen Gesichtspunkten gilt es jedoch als Behinderung.

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