"The Square"-Regisseur Ruben Östlund : „Ich sehe gern, wie die Maske fällt“

Ruben Östlund gewann für seine Satire „The Square“ die Goldene Palme. Ein Gespräch über die Kunstszene, die Vorurteile der Liberalen – und warum ihm der Oscar zusteht.

Szene aus "The Square": Der russische Aktionskünstler Oleg (Terry Notary) crasht mit seiner Affenperformance das Gala-Dinner.
Szene aus "The Square": Der russische Aktionskünstler Oleg (Terry Notary) crasht mit seiner Affenperformance das Gala-Dinner.Foto: Alamode

Christian bringt nichts aus der Ruhe. Selbst als der Starkurator einer Journalistin die Konzepte „Ausstellung“, „Nicht-Ausstellung“ und „Mega-Ausstellung“ erklären soll, gerät er kaum aus der Fassung. Ruben Östlund skizziert in seinem in Cannes preisgekrönten Film „The Square“ die Blasiertheit des Museumsbetriebs mit bissigen, konfrontativen Szenen. In den Hauptrollen: Claes Bang, Elisabeth Moss, Dominic West. Als Christian das Handy gestohlen wird, gerät sein Leben aus den Fugen – ausgerechnet kurz vor der Präsentation des Kunstwerks „The Square“, einem in den Boden eingelassenen Quadrat, das hilfsbedürftigen Menschen Schutz bieten soll. Wir trafen den Regisseur zum Interview in Hamburg.

Herr Östlund, der Titel „The Square“ bezieht sich auf eine Installation, die Sie 2015 im Museum Vandalorum gezeigt haben. Was war der Hintergrund der Arbeit?

Der „Square“ war inspiriert von zwei jüngeren Phänomenen in Schweden. Zum einen die wachsende Zahl an „Gated Communities“, die auf aggressive Weise definieren, wo soziale Verantwortung endet. Zum anderen eine Gruppe namens „Mafia“, die gesellschaftliche Regeln ablehnt. Welche Handlungsmöglichkeiten bleiben zwischen solchen extremen Positionen? Von dieser Frage ausgehend, schufen Kalle Boman und ich einen symbolischen Ort, an dem Menschen Schutz finden und Verantwortung zeigen können. Selbst in einem liberalen Land wie Schweden ist es wieder nötig, an solche Selbstverständlichkeiten zu erinnern.

Ihr Film macht sich über die Kunstwelt lustig, um deren vermeintliche Aufgeklärtheit zu entlarven, stellvertretend für die liberale schwedischen Gesellschaft. Ist die Vorstellung, dass Kunst auch eine gesellschaftliche Funktion hat, wirklich so naiv?

Ich wollte die humanistischen Fragen unserer Installation aufgreifen. Nachdem ich mit „Square“ in einige Museen für zeitgenössische Kunst eingeladen worden war, kam mir die Idee, den Film in diesem Kontext anzusiedeln. Der white cube ist die perfekte Projektionsfläche, um den Zustand der Welt zu hinterfragen. Ich hatte bei meinen Besuchen allerdings zunehmend das Gefühl, dass Museen sich damit schwertun, eine Verbindung zwischen ihren Kunstwerken und der Realität herzustellen. Eine Steilvorlage für eine Satire.

Zur Person

Ruben Östlund, 1974 in Göteborg geboren, drehte kurze Skifilme, bevor er an der Hochschule für Fotografie und Film in Göteborg studierte. Sein dritter Spielfilm "Play" (2011) über eine Diebesbande von migrantischen Jugendlichen wurde in Schweden kontrovers diskutiert. Den internationalen Durchbruch feierte er mit dem Drama "Höhere Gewalt", in dem eine Lawine in einem Ski-Ressort ein heile Familienwelt aus den Angeln hebt.

Entsteht da nicht ein Widerspruch? Im Film führt der „Square“ gerade die Mechanismen der Kunstwelt vor, jede humanistische Geste in eine Ware zu verwandeln.

Darum habe ich auch große Probleme damit, den „Square“ ein Kunstwerk zu nennen. Ich vergleiche ihn lieber mit einem Zebrastreifen: unausgesprochene Übereinkünfte, die das Miteinander regeln. Verkehrsregeln sind fantastisch. Schweden wechselte 1964 über Nachtvon Links- auf Rechtsverkehr. In dieser Nacht ereigneten sich damals die wenigsten Unfälle im gesamten Jahr.

Ihre Hauptfigur wirkt anfangs wie eine Karikatur, arrogant, lächerlich. Christian scheitert an seinen moralischen Ansprüchen. Steht er für einen bestimmten Typus?

Die Position des Chefkurators in einem Kunstmuseum ist faszinierend, weil er letztlich nur eine Marionette vieler teils gegenläufiger Interessen ist. Du musst die Mäzene bei Laune halten, bist an einen staatlichen Auftrag gebunden, präsentierst und repräsentierst Kunstwerke und sollst auch noch einen Kunstdiskurs pflegen. Ich habe mir Kuratoren an großen Museum in New York, Göteborg und Hamburg angesehen. Alle spielen diese Rolle, vom öffentlichen Auftreten bis zur Sprache. Menschen verstehen es, sich in Rollen zu fügen. Nichts macht mir mehr Spaß, als zu sehen, wie diese Maske fällt.

Das Thema „gesellschaftliche Verantwortung“ zieht sich durch Ihre Filme. In „Play“ filmen Sie eine Gruppe Jugendlicher, die andere Jugendliche überfallen. Die Erwachsenen laufen unbeteiligt daran vorbei.

„Play“ war der Beginn meines behavioristischen Zugangs zum Filmemachen. Ich beobachte Menschen in einem Dilemma, mit der Frage im Hinterkopf: Wie würde ich in dieser Situation reagieren? Ich maße mir jedoch nie an, über sie zu urteilen.

In „Play“ sind es migrantische Jugendliche, die weiße Mittelstandskids überfallen...

...wir wissen nichts über ihren kulturellen Hintergrund.

Sie implizieren es aber durch die Besetzung. Auch in „The Square“ spielen Sie mit Ressentiments. Die Spur des gestohlenen Handys führt in eine Vorstadtsiedlung voller Migranten. Also schickt Christian seinen schwarzen Assistenten vor. Sie testen ständig die Toleranz des Publikums.

Es geht in meinen Filmen definitiv darum, soziale und kulturelle Vorurteile herauszufordern. Warum ist es so kontrovers, wenn drei schwarze Kids eine Gruppe weißer Jungen überfallen? Wenn wir anfangen, darüber zu reden, kommen wir schnell auf Ausschlussmechanismen und ökonomische Faktoren zu sprechen. Das ist die eigentliche Provokation, aber darüber will niemand reden, weil man dann die Gesellschaft verändern müsste. Leichter ist es, das Bild der fünf kriminellen Migrantenjungen als rassistisch zu bezeichnen, weil man es so von sich fernhält. Ich finde es spannend, Bilder zu finden, die uns mit unseren Vorurteilen konfrontieren.

Der neue Morgenlage-Newsletter: Jetzt gratis anmelden!

0Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben