Thomas Gaehtgens wird 80 : Ein großer Kulturdiplomat

Thomas Gaehtgens war Leiter des Getty Instituts und ist bis heute ein gefragter Kunsthistoriker. Eine Gratulation zum 80.

Weitgereist. Thoms Gaehtgens.
Weitgereist. Thoms Gaehtgens.Foto: imago

Sein neuestes Buch erscheint erst noch. Es ist der Geschichte der Pariser Kathedrale Notre-Dame gewidmet; hochaktuell angesichts des furchtbaren Brandes, der dieses Nationalheiligtum Frankreichs so schwer in Mitleidenschaft gezogen hat.

Thomas W. Gaehtgens hat ungezählte Male auf die Kirche geblickt, er hat jahrelang in Paris gelebt. Dort gründete der Kunsthistoriker 1997 das Centre allemand d’histoire de l‘art, das Deutsche Forum für Kunstgeschichte, das schon nach kürzester Zeit nicht mehr wegzudenken war aus dem geistigen Leben der Metropole.

Die Gründung war ein Ritt über den Bodensee, aber eh man sich’s versah, bezog das Institut wunderbare Räume in einem Barockbau an der Place des Victoires, auf dessen Mitte ein Reiterstandbild Ludwigs XIV. steht. Mehr Grande Nation geht nicht, und ihre Kunst aus deutscher Sicht zu erforschen und umgekehrt das französische Interesse an deutscher Kunst zu befördern, ist denn auch die Aufgabe des Forums, das mittlerweile fest verankert ist im Verbund der Deutschen Geisteswissenschaftlichen Institute im Ausland.

Da war Gaethgens bereits nach Los Angeles weitergezogen, 2007 als Direktor des Getty Research Institute, einem der Zweige des J. Paul Getty Trust. Höher hinauf kann man als Kunsthistoriker in unseren Tagen kaum klettern, denn in der luftigen Höhe des Getty-Konglomerats standen Gaethgens alle Mittel zur Verfügung, um Ideen zu Projekten werden zu lassen.

Unter seiner Ägide ist die Internationalisierung des Instituts, das in seinen Anfängen doch recht abendland-lastig war, weit vorangeschritten, mit Kooperationen naheliegenderweise nach Lateinamerika, aber ebenso nach China und Indien. Dem Institut mit Gastwissenschaftlern hat Gaehtgens mehr und mehr den Charakter eines eigenständigen Forschungsinstituts mit Ausstellungen gegeben, und die ohnehin riesige Bibliothek hat er nochmals auch baulich erweitert. So war man überrascht zu erfahren, dass Gaethgens die Leitung des GRI nach einem Jahrzehnt aufgab, um nach Berlin zurückzukehren; man dachte ihn sich irgendwie als immerwährenden Direktor.

Frankreich war seine erste Leidenschaft

An Berlins Freier Universität hatte Gaethgens seit 1980 einen Lehrstuhl für Kunstgeschichte inne, und schon da zeigte sich sein Talent zu Umzügen und Umbauten, mit dem er das Kunsthistorische Institut aus seinem längst unzureichenden Domizil in einer Dahlemer Villa befreite, um nach einer Zwischenstation in ein veritables Institutsgebäude in der Nähe zu ziehen.

Bei seiner Emeritierung im Jahr 2006 besaß er längst internationale Statur, mit Forschungsaufenthalten in Frankreich und den USA und eben der so ungemein fruchtbaren Gründung des Pariser Instituts. Frankreich war ohnehin seine erste kunsthistorische Leidenschaft, französischen Künstlern galten Dissertation in Bonn und Habilitation in Göttingen, und später forschte er ausgerechnet im Schloss von Versailles, wo es mehr zu entdecken gab, als selbst die französischen Kollegen ahnten. Dorthin vermittelte er auch eine Ausstellung Dresdner Silberschätze.

Als Kulturdiplomat sozusagen ohne Auftrag, aber mit weitreichender Wirkung bewegt sich Gaehtgens auf jedem Parkett; selbst Bundeskanzler Schröder besuchte ihn in seiner Pariser Neugründung. Zuletzt diente er Kulturstaatsministerin Grütters als Experte für das geplante deutsche Fotografie-Institut.

Aktuelle Kontroversen hat er nie gescheut

Unmöglich, alle Ehrenämter aufzuzählen; genannt sei nur der Vorsitz der Freunde der Preußischen Schlösser und Gärten, in deren Namen er 1983 die für damalige Verhältnisse sensationelle Ausstellung „Bilder vom irdischen Glück“ in Schloss Charlottenburg organisierte. Dass er später am gleichen Ort eine Ausstellung zur amerikanischen Malerei vor 1900 ausrichtete, belegt die Spannweite seiner wissenschaftlichen Interessen.

Zahlreiche Bücher tragen seinen Namen, als Autor oder Herausgeber. Aktuelle Kontroversen hat er nie gescheut, sei’s über die Museumsinsel oder zuletzt über Deutschlands Rolle im Ersten Weltkrieg („Reims on Fire“). Heute feiert Thomas Gaethgens, dessen jungenhafter Charme ihn aus so vielen ernst blickenden Kollegen heraushebt, seinen 80. Geburtstag. Im Ruhestand ist er nicht.

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