Tutenchamun in Paris : Die Abschiedsreise des kindlichen Königs

Tutenchamun, Popstar der Archäologiefans: Eine spektakuläre Schau in Paris zeigt Artefakte aus der Grabkammer – zum letzten Mal außerhalb Ägyptens.

Auf der Hut. Pharao Tutenchamun muss sich während der Reise durch die Unterwelt vieler Gefahren erwehren. Dafür muss er bewaffnet sein.
Auf der Hut. Pharao Tutenchamun muss sich während der Reise durch die Unterwelt vieler Gefahren erwehren. Dafür muss er bewaffnet...Foto: imago images / IP3press

Er war sehr jung und kleinwüchsig, als er König wurde, und 18 oder 19, als er bei einem Unfall starb, wahrscheinlich geschwächt durch Malaria. Ein kurzes Leben, in dem er nicht viel erreichen konnte. Nach seinem Tod taten seine Nachfolger alles, um seinen Namen zu löschen. Und dennoch ist Tutenchamun, der Mann mit der Goldmaske, einer der berühmtesten Pharaonen Ägyptens, der Popstar der Ägyptologie. So berühmt wurde er, weil der britische Archäologe Howard Carter bei seiner allerletzten Ausgrabung am 4. November 1922 das seit 3200 Jahren verschlossene komplette Grab Tutenchamuns mit über 5000 Artefakten entdeckte. Ein Fund, der eine wahre Ägyptomanie auslöste.

Auf diese Magie des großen Namens und seiner unermesslichen Schätze setzt die Ausstellung „Tutenchamun. Der Schatz des Pharao“ in der Grande Halle in La Villette im Norden von Paris. Ausgestellt werden 150 Objekte, 60 davon sind erstmals außerhalb Ägyptens zu sehen. Die ehemalige Große Halle des Schlachthofes von Paris ist die zweite Station dieser wahrhaft immersiven Ausstellung, die das ägyptische Antikenministerium mit der Eventfirma IMG Exhibitions unter fachlicher Beratung des Louvre bis 2022 zum letzten Mal auf Weltreise schickt, um an Carters Jahrhundertfund zu erinnern.

Der Schatz des Pharao
Tutenchamun als Wächterstatue in Überlebensgröße. Sie verkörpert das Ka, das kurz davor ist, sich mit der Seele Ba zu vereinen. Schwarz symbolisiert den fruchtbaren Nil und Gold die Göttlichkeit.Weitere Bilder anzeigen
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19.03.2019 12:48Tutenchamun als Wächterstatue in Überlebensgröße. Sie verkörpert das Ka, das kurz davor ist, sich mit der Seele Ba zu vereinen....

Der Ort mag überraschen, doch die Ausstellungsmacher IMG verstehen es, Dinge zu inszenieren. Und der Ort lässt ihnen alle Freiheit, ein ungewöhnliches Konzept zu verwirklichen. Die Besucher erleben keine rein kulturhistorische Vitrinenausstellung, sondern begleiten den toten Pharao auf vier Stationen bei seiner Reise durch die Unterwelt. Sie erleben, wie er gelebt, was er auf seine Reise mitgenommen und wer ihn begleitet hat. Die letzte Station in hellerem Licht endet mit Mumifizierung und Wiedergeburt.

Im Halbdunkel stimmt ein 180-Grad- Film aus dem Tal der Könige auf die Entdeckungsgeschichte und die rituelle Behandlung des Leichnams ein. Bevor Tutenchamuns Seele, Ba, mit der Lebenskraft des Körpers, Ka, wiedervereint werden kann, müssen rituelle Vorkehrungen für die Reise durch die Unterwelt ins Jenseits getroffen werden. So, wie der Sonnengott Re über den Himmel fliegt und abends in die Unterwelt eintaucht, um nach zwölf Stunden am Morgen wieder neugeboren am Himmel aufzusteigen. Nach der Vorstellung der alten Ägypter wird der tote Pharao so seine Reise antreten, um gottgleich ewiges Leben zu erlangen.

Nach dem Film tritt man durch Tore und sieht die prächtige Statue „Der Gott Amun schützt Tutenchamun“ aus dem Louvre. Amun trägt die Züge Tutenchamuns, während man dem kleinen König zu seinen Füßen den Kopf abgeschlagen hat, ein Werk seines Nachfolgers Horemheb, der den König noch im Nachhinein für seinen Vater Echnaton, den Begründer des Monotheismus, bestrafen wollte. Zwar hatte Tutenchamun die alten Götter rehabilitiert, aber seine Nachfolger wollten auch seinen Namen tilgen.

Modelle der Sonnenbarken für die reise durch die Unterwelt.
Modelle der Sonnenbarken für die reise durch die Unterwelt.Foto: REUTERS/Benoit Tessier

Die uns so fremde Vorstellungswelt des alten Ägypten wird in der Ausstellung vorbildlich und nachvollziehbar entschlüsselt. Vier Stationen durchläuft der Besucher im Halbdunkel auf der Reise durch die Unterwelt, die nach Ansicht der Ägypter genauso gefährlich war wie das Verlassen des fruchtbaren Niltals und der Zug in die gefahrvolle Wüste. Dazu muss man gut gerüstet sein und die Zaubersprüche aus dem Buch der Toten kennen, um sich wehren zu können. Reiste ein König, hatte er viel Gepäck, das Priester zusammenstellten: ein prächtiger Kinderstuhl mit Einlagen aus Ebenholz, Elfenbein, Gold – wie klein er doch war. 50 Boxen und Schächtelchen mit Schmuck und Kleidung fand Carter in dem Grab. Faszinierend sind die über 3200 Jahre alten gewebten Handschuhe, als hätte sie der König gerade in der Vitrine liegen lassen. Alabastergefäße und ein kleines feines Elfenbeinspiel fürs Jenseits nötigen Respekt vor dem hohen handwerklichen Können ab. Das relativiert schnell europäische Überheblichkeit. Die Ägypter verfügten auch über hölzerne runde Container zur Aufbewahrung von Proviant für die Reise ins Jenseits – Tupperware für den Pharao.

Jede Vitrine hat eine zweisprachige Erklärung auf Englisch und Französisch nebst kleinen Videos und einem zum Objekt passenden Zauberspruch. So steht über zwei zeitlos schönen kobaltblauen Wassergefäßen, die man zum Ritual des Mundöffnens brauchte: „Man hat mir den Mund gegeben, um damit in der Gegenwart des Großen Gottes zu sprechen.“ Zaubersprüche mussten nicht nur geschrieben, sondern auch gesprochen werden. Zwei wunderbare blaue Kopfstützen aus Glas und Fayence sowie ein goldüberzogenes rituelles Totenbett zeigen den hohen Grad der Qualität der Objekte. Für die Reise ins Jenseits war nichts wertvoll genug. Zwei Modelle einer Sonnenbarke zeigen, wie der Tote gleich dem Sonnengott Re seine Reise antrat.

„Oh, die Ihr das Tor wegen Isis bewacht, ich kenne Euch und ich kenne Euren Namen“, möchte man nachsprechen, wenn man im Halbdunkel das nächste Tor durchschreitet, über dem „Gefahr“ steht. Die Reise ins Jenseits war kein Kinderspiel. Der tote Pharao musste bewaffnet sein, mit Keulen, Messern, Schwertern, großartig verzierten Kompositbögen und sogar Bumerangs. Zwei kunstvoll durchbrochene Holzschilde, wohl eher zeremonieller Natur, mit einer Jagd- und einer Kriegsszene zeigen Tutenchamun, der allen Gefahren gewachsen ist. Natürlich sind diese Schilde vergoldet. Es herrscht eine faszinierende Atmosphäre in diesen halbdunklen Räumen mit ihren tiefblau gehaltenen Wandtexten und den prächtigen, angestrahlten goldenen Statuen und Artefakten. Völlig verständlich, dass Carter der Atem stockte, als er dieses Grab fand.

Tutenchamun als Wächterfigur (Detail). Diese Statue ist erstmals außerhalb von Ägypten zu sehen.
Tutenchamun als Wächterfigur (Detail). Diese Statue ist erstmals außerhalb von Ägypten zu sehen.Foto: AFP/Stéphane de Sakutin

Die berühmte Goldmaske darf Ägypten nicht mehr verlassen, dafür aber zum ersten Mal eine überlebensgroße Statue aus Holz, die das Ka des Königs, seine Lebenskraft, darstellt. Er trägt das königliche Kopftuch Nemes in Gold als Symbol von Sonne und Göttlichkeit. Tutenchamuns Gesicht ist schwarz angemalt, Symbol für den fruchtbaren Nil und das ewige Versprechen der Wiedergeburt. Selbst diese Holzfigur – golden und schwarz – strahlt Selbstbewusstsein und Überlebenswillen aus. Der König steht jetzt kurz vor der Vereinigung von Ka und Ba.

Im letzten großen Raum, der heller gehalten ist, dreht sich alles um die Mumie und die Wiedergeburt. Auf einem Mumiendummy liegen in der Mitte des Raumes der goldene Schmuck, Bänder, Amulette, Sandalen, Fingerspitzen aus Gold. Der ausgestellte Schmuck mit Lapislazuli und Karneol in Goldeinfassung wirkt zeitlos schön und zeugt von der großen Meisterschaft ägyptischer Handwerker. Großformatige Fotos an den Wänden wiederholen Szenen aus der Grabkammer, die nicht so prächtig geschmückt war wie sonst, da niemand mit dem plötzlichen Tod des jungen Pharaos gerechnet hatte.

Ein Mumiendummy von Tutenchamun mit dem goldenen Schmuck, wie ihn Howard Carter 1922 fand. Die Goldene Maske darf allerdings Ägypten nicht mehr verlassen.
Ein Mumiendummy von Tutenchamun mit dem goldenen Schmuck, wie ihn Howard Carter 1922 fand. Die Goldene Maske darf allerdings...Foto: REUTERS/Benoit Tessier

In einem Annex wird die Geschichte der Entdeckung mit den großartigen Fotos von Harry Burton erzählt. Bedeutend für die Entdeckung war der Wasserjunge Hussein, der für seine Amphore wie immer ein Loch grub, um sie abzustellen, und dabei auf eine Steinplatte stieß, die in Wirklichkeit die erste Stufe zur Grabkammer war. Horemheb wollte Tutenchamuns Namen tilgen, doch durch Carter wurde er zur Pop-Ikone, zierte Streichholzschachteln und Seifenreklame und wurde immer wieder in Filmen verewigt.

150 000 Tickets sind vorab für die Pariser Ausstellung verkauft. Danach geht sie nach London, bis 2022 alle Funde für immer im Großen Ägyptischen Museum in Kairo ausgestellt werden und nie mehr auf Reisen gehen. Die Erlöse der Welttournee sind für das neue Great Egyptian Museum in Kairo bestimmt, das Ende 2020 eröffnen soll, wie Antikenminister Khaled al Anan versichert. In Berlin, wo Tutenchamun 1980 schon einmal erfolgreich gastierte, könnte die Schau auch gezeigt werden, sagt John Norman, General Manager von IMG. Doch Pläne, die Ausstellung im Gropius Bau zu zeigen, habe man fallen gelassen, da sich das Konzept aufgrund der Raumsituation nicht umsetzen lasse. Man muss also nach Paris oder im Herbst nach London reisen, um die Schätze des Pharaos in dieser grandiosen Inszenierung noch einmal in Europa zu sehen. Die hohe handwerkliche Qualität der über 3200 Jahre alten Artefakte nötigt auch heute allergrößten Respekt ab.

bis 15. September, Grande Halle de la Villette, tägl. 10–20 Uhr. Eintritt 22 €, Sa und So 24 €. Tickets auf expo-toutankhamon.en, Katalog (Französisch) 50 €.

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