Über den neuen Nationalismus : Die Rückkehr des Stammesdenkens

Rechtsradikale, Islamisten und Erdogan-Bewunderer vereint die Wut auf die offene Gesellschaft. Aber Abschottung hilft nicht. Ein Gastbeitrag.

Zafer Şenocak
Auf dem Weg in die Sackgasse. Anhänger der rechtsgerichteten Bewegung „Görlitz wehrt sich“ demonstrieren.
Auf dem Weg in die Sackgasse. Anhänger der rechtsgerichteten Bewegung „Görlitz wehrt sich“ demonstrieren.Foto: picture alliance/dpa

Zafer Şenocak lebt als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschien von ihm in der Edition Körber der Essay „Das Fremde, das in jedem wohnt: Wie Unterschiede unsere Gesellschaft zusammenhalten“.

Unsere Köpfe werden immer mehr auf Ausschluss programmiert. Wer sich jenseits des Konsenses verhält, stört das geistige Ordnungsgefüge. Solche Störungen wurden früher politisch eher links verortet. Ich erinnere mich noch an den Radikalenerlass in den siebziger Jahren, mit dem sich der westdeutsche Staat das Recht vorbehielt, Kommunisten vom öffentlichen Dienst fernzuhalten.

Jetzt wird das geistige Ordnungsgefüge von rechts herausgefordert. Dabei geht es gleich ums Ganze, um das Deutschsein an sich, um unser Geschichtsbild, um unseren Umgang mit der Vergangenheit.

Die Gruppe, die nicht mehr dazugehört, scheint immer stärker zu werden, und sie ist bemerkenswerterweise weniger homogen, als wir annehmen. Die Homogenität des Verfassungsfeindes und des rechtsradikalen deutschen Nationalisten wird in unserem Kopf formuliert und verkennt dabei eine noch breitere, deutlich gewichtigere Entwicklung.

Unsichtbare Koalition der Rückwärtsgewandten

Der auffrischende radikale Nationalismus auf deutschem Boden ist aber längst nicht mehr ausschließlich deutsch. In ihm wohnen auch die Anhänger des türkischen Präsidenten Erdogan, ebenso wie radikalgläubige Muslime. Es gibt eine unsichtbare Koalition jener Kräfte, die ein Problem mit der offenen Gesellschaft und mit dem kritischen Blick auf die eigene Geschichte haben. Auch wenn sie sich gegenseitig auszuschließen scheinen.

Der neue deutsche Nationalismus und die Wiedererweckung des islamischen Glaubens und des Türkentums als Abwehrkraft und Angriffswaffe scheinen sich auf den ersten Blick auszuschließen. Doch sie befeuern sich auch gegenseitig und führen vor allem geistig zu einer nicht näher definierten und unbenannten Koalition der Vorurteile.

Längst ist die Erzfeindschaft als politische Strategie aus der Mottenkiste des autoritären Denkens hervorgekramt worden. Angeprangert wird der „Westler“, der „Russe“, der „Serbe“, der „Türke“ – beliebig fortsetzbar, je nach Standpunkt und Konflikt.

Extremisten sehen sich gern als Opfer

Gegen den festgläubigen, kulturell sich abschottenden Muslim kann der rechtsgesinnte deutsche Nationalist als Aufklärer auftreten. Er scheint die Rechte der Frauen zu verteidigen und im Bund mit der offenen Gesellschaft zu handeln. Die Einwanderer mit abgeschlossenen, islamisch motivierten Weltbildern sehen sich gern als Opfer von rechter Gewalt und Hetze.

Sie reihen sich in den gesellschaftlich akzeptierten Kampf gegen den Rechtsextremismus ein, wenn es sich bei diesem um ein deutsches Phänomen handelt. Richtig einsam wären dann nur die deutschen Rechten, hätten sie in Europa und inzwischen auch in den USA nicht so starke Verbündete.

Oft wird dabei übersehen, dass die Anhänger beispielsweise einer Erweckung der Türkei zur Großmacht in einem Boot mit den Anhängern von Björn Höcke oder Viktor Orban sitzen. Sprache und Weltsicht decken sich und überdecken politische Differenzen.

Denn die Gruppen, die angesprochen sind, greifen auf ähnliche Bilder und Sprachversatzstücke zurück, wenn es darum geht, verlorene Größe und Erhabenheit wieder zu gewinnen. Die Deutschen in ihrer wahren Größe in der Vergangenheit – sind sie so verschieden von der Pracht des Osmanentums, das auf drei Kontinenten herrschte?

Die Legende von der verlorenen Größe

Der Griff des deutschen Geistes nach einer Weltherrschaft scheiterte katastrophal, der Osmanenstaat auf drei Kontinenten ging auch wegen seiner geistigen Armut unter. Aber kann man aus diesen Unterschieden, im Zeitalter globaler Verflechtung noch irgendeine Erkenntnis gewinnen? Kann man das alles mit Sehnsucht nach politischer Romantik abtun?

Es waren ja auch immer schon einfache Bilder in den Baukästen der Demagogen, sie zünden und zündeln halt immer noch, möchte man denken. Am Beispiel der Türkei lässt sich bereits erkennen, dass es zu weitaus mehr führen kann als nur zu Rhetorik und Propaganda. Es führt zum Krieg gegen innere und äußere Feinde.

Ausschlussverfahren enden immer im Krieg. Sind wir uns dessen bewusst, wenn wir in Gedanken ganze Gruppen und ihre Denkweisen für null und nichtig erklären? Doch was sollen wir tun, wenn wir eine aufgeklärte Gesellschaft und ihre Offenheit gegen ihre Feinde verteidigen müssen?

Diese Frage war schon immer wieder ein Kernproblem des freisinnigen Denkens in einer gegenüber dem Pluralismus zunehmend kritischen Gesellschaft. Sie stellt sich jetzt wieder, im Hinblick auf den wieder erstarkten Nationalismus. Dabei wäre es wichtig, eine Auseinandersetzung ohne oder zumindest mit eingeschränktem Ausschlussverfahren zu etablieren. Wie ist aber so etwas zu machen?

Talkshows sind auch nur ein Stammtische

Unsere Debatten werden von Talkshows geprägt und beherrscht. Eine Art der öffentlichen Belebung des Stammtisches. Wäre das Denken im 18. Jahrhundert von dem Niveau und der Geschwindigkeit dieser Talkshows gelenkt worden, hätte es niemals die große Blüte der abendländischen Philosophie deutscher Prägung gegeben, wovon unsere offene, aufgeklärte Gesellschaft immer noch zehrt.

Doch diese lässt sich auf den Kommunikationswegen, die heute unser Bewusstsein bestimmen, nicht mehr effektiv weiterentwickeln, oder gar verteidigen. Das führt zu einem Tribalismus des Geistes, der twitternden und drohenden Präsidenten Räume eröffnet, die noch vor einigen Jahrzehnten Gesichts- und Gewichtsverlust in der zivilisierten Welt bedeutet hätten. Was aber bietet sich als Denkstrategie jenseits des Beklagens herrschender Umstände an?

Wir neigen vorschnell dazu, Ausschlussverfahren anzuwenden, die unseren kulturellen Prägungen geschuldet sind. Es gehen wichtige Nuancen und vielleicht offene, zumindest brüchige Stellen zwischen zwei sich mehr und mehr abkapselnden Positionen verloren.

Ebenfalls sehr geschrumpft ist auch unsere Kapazität, Widersprüche auszuhalten, um daraus eine produktive Erkenntnis aus ihnen zu gewinnen. Die Einheit in unseren Köpfen scheitert nicht an Mangel an Einheit, sondern an einem Zuviel an Vielfalt.

Bodenständig und weltläufig sind keine Gegensätze

Ist die Heimatfrage als Gefühl des Zusammenhalts nur eine altmodische Frage, die heute keine Relevanz mehr besitzt? Was gibt es für einen sich als Deutschen empfindenden Menschen heute an Ausdrucksmöglichkeiten jenseits des Alphabets des Unmenschen, das von den Nazis geprägt worden ist.

Nein, nicht jeder Deutsche muss ein Weltbürger sein. Ist er auch nicht. Der Bodenständige und der Weltläufige sind oft genug in derselben Brust zu Hause. Diesen Widerspruch auszuhalten und nicht zu diffamieren, damit sind wir heute konfrontiert.

Und nicht jeder strenge Muslim oder Katholik muss die Homoehe für gut und machbar heißen. Tut er auch nicht. Können wir dennoch zusammenleben, ohne uns die Köpfe einzuschlagen? Dieses Zusammenleben sollte ein freiheitliches Staatsgebilde ermöglichen, hierzu sind unsere Gesetze und wäre unsere Verfassung da.

Die Verfassung regelt das Zusammenleben

Natürlich gibt es dabei erhebliche Grauzonen. Was macht die Grenze zwischen der Ablehnung der Homoehe und der Homophobie aus? Von wem wird da der Grenzverlauf festgelegt? Werden nicht die selbstverständlichen Rechte homosexueller Menschen verletzt? Ich meine, dass unser Grundgesetz solche Fragen abfangen kann.

Kann der national empfindende Deutsche heute sich freimachen von dem xenophoben Erbe seiner Gesinnung? Wo verläuft die Grenze zwischen einer Rückbesinnung auf deutsche Tugenden und des Deutschtums und der Anerkennung der freiheitsfeindlichen und verbrecherischen Tendenzen des deutschen Nationalismus?

Diese Fragen erscheinen nicht lösbar jenseits klarer Grenzziehungen und strenger Ausschlussverfahren. Doch starre Grenzen werden das Denken verengen, die Debatten ärmer machen und die Gesellschaft nicht sicherer. Vor allem nagen sie bereits jetzt an unserem Selbstverständnis als freisinnige Demokraten.

Auswege aus der Konfrontation suchen

Wir sind dazu verdammt Auswege zu suchen, aus dieser Formel der einfachen, sich gegenseitig ausschließenden Gegensätze. Wir waren in den letzten Jahrzehnten vorschnell dabei, nein zu sagen, als es darum ging, die Türkei an Europa anzunähern.

Und der Deutsche, der im Westen froh und dankbar war, die Last seiner Geschichte in das aufglitzernde Paket des Wirtschaftswunders zu packen, wie geht er heute mit dem Deutschen aus dem Osten um, der diese Erfahrung nicht teilt?

Der Versuch, daraus eine gesamtdeutsche zu machen, ist gescheitert. Deutschsein wird sich heute wieder mit all seinen Facetten beschäftigen müssen, seinem Erbe und seiner Last. Zu begreifen, dass dies nicht nur schwarze Kapitel beinhaltet, wäre ein erster Schritt.

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