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Auf festen Planken. Pflanzkübel zieren die Dachterrasse der aus Hamburg zugezogenen Familie Holthausen.
© Mike Wolff

Berliner Dächer (4): Und Katzen knabbern an den Gräsern

Unten wohnen, oben gärtnern: Im vierten Teil unserer Sommerserie geht es auf die Kreuzberger Terrassen. Die atemberaubende Aussicht öffnet Blick und Herz.

Von Nicola Kuhn

Auf dem Dach von Catrin Holthausen herrscht regelrecht Betrieb. Auf ihrer kleineren Terrasse, auf gleicher Höhe mit dem Dachgeschoss, haben sich der hier bis vor Kurzem noch mit dem Ausbau beschäftigte Schreiner und eine Fotografin niedergelassen, um die neuesten Kreationen der Möbelwerkstatt für eine Werbekampagne aufzunehmen: Sitzbänke, Hocker, praktische Behältnisse für Kaminholz. Vor dem Hintergrund rankender Wicken macht sich das hölzerne Mobiliar gut. Die Terrasse liefert das perfekte Setting, schließlich dürfen die Sitzgelegenheiten auch draußen stehen.

Über eine schmale Treppe, die direkt aus der Küche aufwärts führt, hat die Hausherrin derweil ein silbernes Kaffeetablett einen Stock höher aufs Dach balanciert. Fühlte man sich auf der kleineren Terrasse noch in die Kulisse von Mary Poppins, dem fliegenden Kindermädchen, hineinversetzt: überall Dachschrägen, backsteinerne Kamine, Brandwände. So öffnen sich hier oben Blick und Herz, über dem Kopf nur noch der freie Himmel. Die Aussicht ist atemberaubend: Vorne, über die grünen Baumwipfel der Gneisenaustraße hinweg, sind die Hochhäuser am Potsdamer Platz zu sehen, dann der Fernsehturm; nach hinten, vorbei an den Hinterhöfen, der Klotz Flughafen Tempelhof, das Gasometer Schöneberg. Gleich rechter Hand prangt riesengroß die Uhr der Kirche am Südstern und sagt, wie spät es ist. Die Besucher machen „Ah!“ und „Oh!“. Catrin Holthausen genießt die Komplimente.

Weiß jetzt, wo die Leitungen liegen. Hausherrin Catrin Holthausen hat den Bau der Dachterrasse persönlich überwacht.
Weiß jetzt, wo die Leitungen liegen. Hausherrin Catrin Holthausen hat den Bau der Dachterrasse persönlich überwacht.
© Mike Wolff

Seit vergangenem September ist die 100 Quadratmeter große Terrasse vollendet und nun erstmals richtig in Benutzung. Unter einem riesigen Sonnensegel samt Lichterkette für die Abendstunden ist auf den hölzernen Planken eine Sitzlandschaft arrangiert, in weißen Pflanzkästen aus Fiberglas wiegen sich Gräser sanft im Wind, dazwischen sprießen Witwenblumen, da und dort blüht es violett, Hummeln sind auf den Dolden gern zu Gast. Der Dachterrasse mit ihren schnurgeraden Beeten ist anzusehen, dass sie gerade erst entstanden ist. Die fünfköpfige Familie wohnt noch nicht lange hier.

Die Verwandlung des ursprünglichen Trockenbodens in eine Doppelwohnung, den Terrassenbau auf dem Dach des imposanten Gründerzeit-Hauses in der Gneisenaustraße hat Catrin Holthausen höchstpersönlich überwacht. Seitdem weiß sie, wo die Leitungen liegen. Die Familie logierte derweil monatelang in einer Zwischenwohnung, und Klaus Holthausen trieb als Finanzchef die Gründung der neuen hauseigenen Mercedes-Werbeagentur Antoni voran. Für dieses berufliche Projekt folgten Ehefrau und die drei Söhne dem Vater aus Hamburg nach Berlin und ließen in Reinbek eine Villa samt Riesengarten zurück. Das Großstadtleben, der Kreuzberger Kiez, eine fulminante Dachterrasse waren der Ausgleich dafür.

Die Sonnensegel auf Entspannung gesetzt. Auf der 100 Quadratmeter großen Terrasse kann man die Zeit leicht vergessen.
Die Sonnensegel auf Entspannung gesetzt. Auf der 100 Quadratmeter großen Terrasse kann man die Zeit leicht vergessen.
© Mike Wolff

Catrin Holthausen liegt damit voll im Trend. Nicht nur für Studenten, Künstler und berufliche Neueinsteiger besitzt die Stadt eine hohe Attraktivität, auch das Establishment, das sich den Kauf großer Wohnungen, dazu den Ausbau einer Dachterrasse leisten kann, zieht es nach Berlin. Denn ganz billig ist das nicht, Mieter investieren eher selten so viel Geld in ein solches Projekt, weiß Gartenbau-Expertin Aniela Horntrich, die Familie Holthausen bei der Gestaltung ihrer Terrassen beriet.

Zuvor redete allerdings die Denkmalpflege noch ein Wörtchen mit. Das vom Maurermeister Fritz Hesse um 1889/99 errichtete Prachthaus mit dem neobarocken Stuckdekor sollte nach der Fassadensanierung auch an seiner obersten Kante aussehen wie einst. Nicht nur die ursprüngliche altdeutsche Schieferdeckung für das Vorderdach wurde gewünscht, auch ein Ziergitter als Abschluss, das eigentlich nur durch eine alte Zeichnung überliefert war, sollte wieder her. Auf der Terrasse der Holthausens dient sie nun als Ballustrade. Da sich der geschwungene Stahl des Gitters jedoch allzu weit öffnet – mit Besuchern auf dieser Ebene hatte damals noch niemand gerechnet –, steht noch ein schützendes Glas davor, das die Absturzgefahr bannt.

Beim Nachbarn blüht ein üppiger Garten

Wuchernde Wirnis.  Manfred Lamprecht, Bauunternehmer und Hausbesitzer, hat gegenüber seine Terrasse in ein kleines Paradies verwandelt.
Wuchernde Wirnis. Manfred Lamprecht, Bauunternehmer und Hausbesitzer, hat gegenüber seine Terrasse in ein Paradies verwandelt.
© Mike Wolff

Wer hier lässig am Glas lehnt, dessen Blick geht nicht nur in die Ferne auf die Skyline der Stadt, sondern auch auf die gegenüber gelegene Straßenseite, wo es auf einem Gebäude üppigst grünt und blüht. Da stehen ganze Bäume, Büsche wuchern, statt eines Dachs thront eine regelrechte Parkanlage auf dem Haus. Ja, neugierig wäre sie schon auf den Garten vis-à-vis, gesteht Catrin Holthausen ein.

Perfekt geplant, höchst akkurat, wie ihre eigene Terrasse angelegt ist, hat sich die Hamburgerin schon so manches Mal gefragt, wie sich das viele Grün da drüben hält, ob die Statik sicher ist, ob sich die Bewohner darunter wegen des enormen Gewichts ängstigen. Gesagt, geklingelt, schließlich wollen auch wir wissen, wie es drüben ausschaut. Der Gartenfreund ist glücklicherweise da und lässt uns spontan herein. Das Kontrastprogramm zu Holthausens könnte nicht größer sein. Einzige Gemeinsamkeit: Auch hier oben streichen zwei Katzen durch die Beete und knabbern die Gräser an.

Manfred Lamprecht ist Bauunternehmer. Seit 1987 gehört ihm das gesamte Haus. Vier Jahre später begann das Gärtnern auf dem Dach. Den Ausbau hat Lamprecht selbst geplant. Eine solche Terrasse gibt es kein zweites Mal in Berlin, ist der gebürtige Bayer überzeugt. Da nach dem Krieg nur ein Notdach aufgebracht worden war, konnte er frei walten. Der Boden wurde isoliert, Mutterboden aufgebracht, seitdem sprießt es. Der Besucher bewegt sich über hügeligen Rasen, unter dem sich das Wurzelwerk der Bäume seinen Weg gebahnt hat. Vögel zwitschern, Mirabellen reifen. Lamprecht hat sich hier auf 250 Quadratmetern sein Paradies geschaffen, würden da nicht auf dem Gartentisch ein Laptop und die Arbeit warten.

Auf dem über 250 Quadratmeter großen Gründach Winfried Lamprechts lässt es sich ebenfalls zur Ruhe kommen. Nur manchmal ruft die Arbeit in die Wildnis. Der Laptop steht nicht unweit auf dem Gartentisch.
Auf dem über 250 Quadratmeter großen Gründach Winfried Lamprechts lässt es sich ebenfalls zur Ruhe kommen. Nur manchmal ruft die Arbeit in die Wildnis. Der Laptop steht nicht unweit auf dem Gartentisch.
© Mike Wolff

Eine ähnliche Konstellation kennt Aniela Horntrich auch wenige Straßen weiter. Auf dem einen Dach hat sie für die neuen Besitzer adrett geplant, auf dem anderen, wenige Meter Luftlinie entfernt, wuchert es wild seit vielen Jahren, holt sich die Natur an Raum zurück, was ihr zu ebener Erde genommen wurde. Für die Stadt sind beide Modelle ein Glück, denn Gründächer haben einen kühlenden Effekt auf das Klima, entlasten die Kanalisation, wenn es in Strömen gießt und stärken die Artenvielfalt. Hierher kommen die Bienen gerne wieder zurück, die Insekten bleiben. Berlin hat sich zum Ziel gesetzt, Schwammstadt zu werden, um durch Verdunstung dem Temperaturanstieg entgegenzuwirken.

Fragt man bei der Senatsverwaltung Stadtentwicklung und Wohnen genauer nach, werden zwar eindrucksvolle Zahlen genannt: „Stadtweit summieren sich alle begrünten Dachflächen auf etwa 400 Hektar, dies entspricht einer Fläche von 400 Fußballfeldern.“ Allerdings sind damit erst drei Prozent der Dächer begrünt: 18 000 von 600 000 Gebäuden, vornehmlich in der Innenstadt. „Es ist also durchaus noch Potenzial vorhanden,“ so Sprecherin Katrin Dietl. Dafür sind vor allem Büro- und Gewerbegebäude ins Auge gefasst, die einen hohen Anteil an Flachdächern besitzen und bislang nur zu 20 Prozent „begrünt“ sind. Geplant sind jedoch keine hübschen Erholungszonen für die Mittagspausen der Arbeitnehmer, sondern eine extensive Begrünung mit Moosen und Trockengräsern.

Geht es nach Dachgarten-Expertin Aniela Horntrich ließe sich auf dem Gebiet noch sehr viel mehr machen. Sie nennt Paris als Beispiel, wo jeder Neubau als Ausgleich per Gesetz eine Bepflanzung erhält. Horntrich fordert außerdem von den Architekten, dass sie die Flächen nicht von vorneherein versiegeln. Ansonsten wird es für die Bewohner schwer, einen natürlichen Garten anzulegen. Stattdessen müssen sie teure Gefäße bauen lassen. Einen Vorteil gibt es trotzdem: Kübel machen weniger Arbeit als Beete. Dachgärtnerinnen wie Catrin Holthausen gefällt genau das daran, sie will vor allem die Aussicht genießen.

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