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Erinnerung an die Schrecken des Holodomor. Ein ukrainisches Weizenfeld nach russischem Beschuss in der Region Charkiw.
© dpa

Historische Altlasten: Und Stalin sandte Hunger

Chronist des ukrainischen Holodomor: Miroslaw Wlekly porträtiert den walisischen Journalisten Gareth Jones.

Am 29. März 1933 hält ein junger Brite, Gareth Jones, in Berlin eine Pressekonferenz ab. Was er aus der von ihm kurz zuvor bereisten Sowjetunion zu berichten hat, können seine Zuhörern kaum glauben: „Überall hört man es rufen, ,Es gibt kein Brot. Wir sterben.’ Dieser Schrei dringt aus jeder Ecke Russlands, aus der Wolgaregion, Sibirien, Weißrussland, dem Kaukasusvorland, Zentralasien.“

Zwei Tage später erscheint im „London Evening Standard“ ein großer Artikel von Jones unter der Überschrift „Hunger regiert Russland. Der Fünfjahresplan hat die Versorgung mit Brot abgewürgt“. Doch am selben Tag bringt die „New York Times“ einen Artikel ihres Moskauer Korrespondenten Walter Duranty unter der Titelzeile „Russen hungrig, aber nicht hungernd“, in dem es heißt: „Es gibt keine wirkliche Hungersnot oder Todesfälle durch Hunger, aber verbreitete Sterblichkeit durch hungerbedingte Krankheiten.“

[Miroslaw Wlekly: Gareth Jones. Chronist der Hungersnot in der Ukraine 1932 - 1933. Aus dem Polnischen von Benjamin Voelkel. Osburg Verlag, Hamburg 2022. 327 Seiten, 26 €.]

Diese „verbreitete Sterblichkeit“ lässt sich bis heute nicht in exakte Zahlen fassen. Der Hunger der Jahre 1931-33 in der Ukraine, aber auch in anderen Gebieten der damaligen Sowjetunion wie vor allem Kasachstan, hat Millionen von Opfern gefordert; seriöse Schätzungen reichen bis zu zehn Millionen.

Lange beschwiegenes Kapitel der Geschichte

Eine noch größere Zahl nannte der englische Historiker Robert Conquest in seinem Buch „The Harvest of Sorrow“ (Ernte des Todes) von 1986 , das erstmals eine breitere Öffentlichkeit im Westen mit der Hungersnot und ihren Ursachen in der Politik Stalins bekannt machte. Seither ist eine Reihe weiterer Untersuchungen zu diesem jahrzehntelang beschwiegenen Kapitel der Geschichte erschienen, zunächst ein Themenheft der Zeitschrift „Osteuropa“ 2004, später, 2017, von der renommierten Gulag-Forscherin Anne Applebaum das Buch „Roter Hunger. Stalins Krieg gegen die Ukraine“.

Auf die Forschungen Applebaums beruft sich der polnische Journalist und Autor Miroslaw Wlekly in seiner Biografie von Gareth Jones, die der Geschichte der Ukraine eine wichtige Facette hinzufügt. Denn die Geringschätzung der Ukraine als einer eigenständigen Nation, die mit Putins Angriffskrieg auf das Nachbarland furchtbare Gestalt angenommen hat, datiert zurück in jene Jahre, als die Kornkammer des Zaren- wie des Sowjetreichs ausgeplündert wurde, ohne dass die Welt davon Notiz nahm, mit Ausnahme jener wenigen Berichte, die Jones von seinen Reisen mitbrachte und die ihn schließlich zum Mordopfer des sowjetischen Geheimdienstes werden ließen.

Gareth Jones, das macht der eingangs zitierte Text von Walter Duranty deutlich, stand mit seinen Berichten allein. Wer war er überhaupt? Geboren 1905, mit hervorragender Ausbildung versehen, wurde er im Alter von nur 25 Jahren Berater des früheren Premierministers Lloyd George, von der Herkunft Waliser wie er selbst. Mit dessen Empfehlung versehen, standen Jones die Türen offen – nicht nur zur Sowjetunion, die er mehrfach bereiste, sondern auch zu Hitler und Konsorten in der Agoniephase der Weimarer Republik und dem Beginn des NS-Regimes.

Später Ruhm

Dass Wleklys biografische Studie mit einem kurzen Kapitel über Jones’ Mitreise in Hitlers Flugzeug am 23. Februar 1933 beginnt, gibt dem Buch eine gewisse Schieflage. Zwar berichtete Jones über die Machtübernahme der Nazis, doch war seine journalistische Arbeit wieder und wieder auf die Sowjetunion gerichtet, die er, der durch die lange in Russland tätige Mutter fließend Russisch sprach, erstmals 1930 besuchte. Und von wo er unablässig berichtete, zunächst in Briefen und Postkarten an die Eltern, dann mehr und mehr in Artikeln für Zeitungen; nicht zuletzt in seinen Tagebüchern.

Der schriftliche Nachlass ist auf einer eigenen Webseite verzeichnet, und in jüngerer Zeit sind mehrere Studien zu und über Jones erschienen, so „Gareth Jones. Eyewitness to the Holomodor“ von Ray Gamache (2013).

Miroslaw Wlekly unternimmt es in seinem spannend geschriebenen und bis auf kleine Mängel flüssig aus dem Polnischen übersetzten Buch, die Reiseschilderungen von Jones mit den notwendigen Erläuterungen zur sowjetischen Geschichte und Stalins Politik zu versehen. Dabei bleibt es nicht aus, dass etwa der Beginn der Kollektivierung der Landwirtschaft – zurecht als „eine radikalere Veränderung als die bolschewistische Revolution“ bezeichnet – auf einer einzigen Seite abgehandelt wird. Jones’ Berichte sind es, die in ihrer schonungslosen Deutlichkeit beeindrucken. Und die Situation in der Sowjetunion verschlimmert sich von Monat zu Monat.

Davon wollen die westlichen Korrespondenten nichts wissen. Neben Walter Duranty, der mit seiner Propagandagläubigkeit das Gegenbild zu Jones’ Augenzeugenschaft abgibt, hätte Wlekly die Schar der literarischen Sowjet-Versteher erwähnen können, von Shaw bis Dos Passos, von Gide bis Feuchtwanger, die in den Jahren um 1930 eine Fülle von schönfärberischen Reiseberichten veröffentlichten, deren Zustandekommen sich der geschickten Regie der Geheimpolizei GPU verdankte.

Reisen mit Vorzugsvisum

Als Westlern mit der Zunahme der ukrainischen Hungersnot Reisen außerhalb Moskaus verboten werden, macht sich Jones, gestützt auf sein Vorzugsvisum als Sekretär Lloyd Georges – der er zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr ist –, im März 1933 in die Ukraine auf, Richtung Charkiw, doch verlässt er zuvor schon den Zug und wandert zu Fuß zu den Bauern, um ihr Leiden unmittelbar zu erleben.

Die genauen politischen Zusammenhänge der von Stalin mit der Zwangskollektivierung und der forcierten Industrialisierung verursachten Hungersnot konnte Jones seinerzeit nicht erkennen. Sie sind bis heute Gegenstand der Diskussion um den Charakter des „Holodomor“, als der die Hungersnot von ukrainischer Seite bezeichnet wird. Als Genozid im strengen Sinne wird man die Hungerkrise nicht bezeichnen können, denn sie fand ihre Opfer zwar vornehmlich unter ukrainischen Bauern, traf aber unterschiedslos alle Ethnien, die in den heimgesuchten Gebieten lebten.

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Vielerlei kam zusammen, etwa die Sicherstellung der Versorgung der Industriearbeiterschaft auf Kosten der Bauern, die Unfähigkeit der bolschewistischen Zentrale, die durchaus erkannten Folgen zu mildern, aber eben auch die paranoide Furcht Stalins vor dem ukrainischen Nationalismus. Man erkennt die Saat, die in unseren Tagen beim Geheimdienstmann Putin aufgegangen ist.

Nach den Veröffentlichungen vom Frühjahr 1933 wird Jones für die Sowjets zur Unperson, in den USA hingegen zum gefragten Journalisten. Zeitungszar Hearst überredet ihn zu einer hochdotierten Weltreise „auf der Suche nach Informationen“, die er im Januar 1935 beginnt – um ein halbes Jahr später den japanischen Marionettenstaat Mandschuko zu durchqueren. Jones wird entführt und ermordet, unmittelbar vor seinem 30. Geburtstag. Wie man heute weiß, waren seine Reisebegleiter und wohl auch die Entführer Agenten des sowjetischen GPU.

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