"Undine" zum Kino-Neustart : Die Elementargeister sind in Berlin gestrandet

Christian Petzold interpretiert mit dem märchenhaften Liebesfilm "Undine" einen Mythos. Paula Beer gewann für ihre Rolle einen Silbernen Bären.

Undine (Paula Beer) stellt sich Kräften entgegen, die sie nicht versteht.
Undine (Paula Beer) stellt sich Kräften entgegen, die sie nicht versteht.Foto: Piffl Medien

Unter dem Pflaster liegt der Sumpf. Dort unten befindet sich ein verlorenes Märchenreich. Eine Stadt, die der Natur mühevoll abgerungen wird, hat sich auch ihrer Mythen gründlich entledigt. Berlin, die Stadt im Sumpf, so die historische Bedeutung des Namens, der sich aus dem Slawischen herleitet, ist kein sonderlich mythischer Ort, im Gegenteil sogar ein ziemlich säkularer. Auf Sand gebaut sind hier nicht nur die kühnen Träume einer selbsterklärten Weltmetropole. Was also machen die vertriebenen Elementargeister? Sie arbeiten zum Beispiel im Stadtmuseum, als promovierte Historikerinnen.

Undine (Paula Beer), die Titelheldin von Christian Petzolds Märchenfilm, lebt nicht in ihrem Element. Und gleich zu Beginn wird sie ein zweites Mal in die Welt geworfen, in einer Szene, deren Blickwechsel und sparsame Sätze in stiller Eloquenz ein Ende vorwegnehmen: Johannes macht mit Undine Schluss. Einige Minuten dauert dieser Dialog, in dem die junge Frau um Fassung ringt und schließlich aus ihrer Rolle, die ihr die Mythologie zugewiesen hat, heraustritt.

„Wenn du mich verlässt, muss ich dich töten!“ Sie werde jetzt zurück zur Arbeit gehen, in einer halben Stunde sei ihre Pause. Und wenn er bei ihrer Rückkehr nicht mehr im Café sitzt, müsse er sterben. Der letzte Blick zurück zu Johannes (Jacob Matschenz), allein am Tisch, markiert in „Undine“ einen Perspektivwechsel. Wir sehen die Welt durch ihre Augen.

Geisterwesen bewohnen Petzolds Filme

Christian Petzold ist ein moderner deutscher Romantiker, Geister- und Halbweltwesen bewohnen fast alle seine Filme. Die Unbehaustheit der Figuren verleiht seinem Werk eine transzendente Qualität; sie streifen durch die Zeitläufe, getrieben von politischen Systemen und ihren Begehren. Schicksalsfiguren, die sich Kräften entgegenstellen, die sie nicht verstehen. Undine spricht eine Todesdrohung aus und prompt holt sie das Wasser zurück. Das Aquarium im Café explodiert, der Inhalt ergießt sich mit einem Schwall über sie.

Frauenfiguren aus der Mythologie sind seit jeher problematisch, sie verkörpern im Prinzip Männerfantasien. Die Wassernymphe Undine wird erst im Verbund mit einem Mann zum Subjekt, doch sie bleibt unfrei. Ingeborg Bachmann bedient sich in dem Monolog „Undine geht“ des mythischen Stoffes für eine Generalabrechnung mit der Männerwelt, voller Häme und Wut. Die verschmähte Frau ist dazu verdammt, ins Wasser zurückzukehren. Petzold hat Bachmanns Text gewissermaßen verfilmt, mit einer dünnhäutigen, feinnervigen Paula Beer, die ständig vom Wasser gelockt wird, dem Schicksal aber trotzt.

Christoph (Franz Rogowski) ist Industrietaucher. Sein Job besteht darin, Talsperren und Brückenköpfe zu warten, er bewahrt Undine mit seiner bedingungslosen Liebe aber auch vor der Rückkehr in die Fluten. Ihre erste Begegnung findet unter dem berstenden Aquarium statt, die zweite ist eine schwerelose Unterwasser-Choreografie zwischen Jacques Cousteau und Esther Williams, bei der Undine die Luft wegbleibt. Zum Rhythmus der Disconummer „Staying Alive“ reanimiert er sie. Last Night a Industrietaucher saved my Life. „Kannst du mich noch mal wiederbeleben?“, fragt Undine. Kann man sich ein schöneres Liebesbekenntnis vorstellen?

Tauchen mit einem sagenhaften Riesenwels

Bei Petzold erscheint Paula Beers Undine jedoch irgendwo auf halber Strecke zwischen deutscher Romantik und Bachmann hängengeblieben. Als sie ihrem Ex im Café eine Ansage macht, setzt sie zum Absprung an. Aber dann gibt es Szenen wie die in ihrer Wohnung, in der Beer im dünnen Nachthemd Christoph einen Vortrag über die Geschichte des Humboldt Forums hält. Wenn Undine kokett im Türrahmen steht, erinnert sie wieder an ein Nymphchen. So hängt Petzolds Prämisse immer am seidenen Faden. Die Widerstandskräfte des Wassers sind beharrlich, auch weil der Regisseur das Wasser offenkundig so liebt.

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Dessen mythische Qualitäten findet Petzold bezeichnenderweise nicht in Berlin. Dort locken nur tropfende Wasserhähne, Aquarien und Swimmingpools in modernistischen Vorstadtvillen. Im Bergischen Land, wo Christoph in einer Talsperre mit dem sagenhaften Wels Gunther taucht und eine versunkene Ruine mit dem Namen seiner Geliebten entdeckt, verabschiedet sich „Undine“ in das Reich der Märchen und Mythen.

Petzold ist ein hoffnungsloser Romantiker. Aber mehr noch hat er sein Herz an die deutsche Provinz verloren, deren Zauber er sich im RAF-Roadmovie „Die innere Sicherheit“, dem Autofilm „Wolfsburg“ oder den Ost-Heimatfilmen „Yella“ und „Barbara“ wie kein zweiter verschrieben hat.

Architekturkritik am Stadtschloss

Für das Berlin der Gegenwart hat seine Protagonistin nur Verachtung übrig. Sie lebt in einer Einraumwohnung in einem sozialistischen Repräsentationsbau, den Palast der Republik würde sie dem Humboldt Forum jederzeit vorziehen. Das Stadtschloss nennt Undine ein im 21. Jahrhundert gebautes Museum in der Gestalt eines Herrscherpalastes des 18. Jahrhunderts. „Das Täuscherische liegt in der These, dass dies keinen wesentlichen Unterschied bedeute, was gleichbedeutend ist mit der Behauptung, dass Fortschritt unmöglich ist.“

Diese Architekturkritik lässt sich auch als Gegenthese zu Petzolds Geschichtsfilmen „Barbara“ und „Transit“ lesen, die sich dem Abbildungswahn des deutschen Kinos erfolgreich widersetzen. Petzolds kritische Geschichtsrekonstruktionen wollen immer auch die Differenz zur Vergangenheit überbrücken. Vielleicht lässt einen „Undine“ auch deswegen ein wenig ratlos zurück. Berliner Gegenwart und deutsche Romantik, Stadtentwicklung und Märchenflucht bleiben sich fremde Sphären, nie durchdringen sie einander.

Auch Franz Rogowskis verzauberte Sprache – „Du sagst so schlaue Sachen. Und so viele davon. Auf so schöne Weise.“ – verbeißt sich in den Beharrungskräften von Petzolds Mythologie. Zwei Mal fällt im Film der Satz „Ich liebe dich“, beide Male bedeutet er einen Verrat an Undine. Das erste Mal von Johannes, der sie für eine andere verlässt. Das zweite Mal vom Schicksal selbst (oder doch vom Regisseur?), das Undine falsche Hoffnungen macht, sie könne dem Mythos entkommen.
In 15 Berliner Kinos

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