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Sara Fazilat spielt in „Nico“ eine Altenpflegerin, die nach einem rassistischen Übergriff zur Kämpferin wird.

© Francy Fabritz

Filmfestival Max-Ophüls-Preis: Unser Dorf als Weltbühne

Das Max-Ophüls-Filmfestival findet zum ersten Mal online statt. Es zeigt knapp hundert Dokumentar- und Spielfilme. Ein Überblick.

Am Abend des 25. Januar 2020 ahnt Svenja Böttger nicht, was ihr bevorsteht. Soeben sind in Saarbrücken die Auszeichnungen des 41. Max Ophüls Preis vergeben worden, es herrscht unbeschwerte Feierlaune beim wichtigsten Nachwuchsfestival des deutschsprachigen Films.

Ein Jahr später startet die erste Online-Ausgabe des Festivals. Leiterin Böttger erinnert sich an die vergangenen Monate: „Im Sommer haben wir mit sechs Szenarien geplant, vom Festival ohne Einschränkungen über Hybridmodelle bis zum reinen Online-Festival.“

Zum ersten Mal eröffnet ein Dokumentarfilm das Programm

Eine Absage sei nie in Frage gekommen, auch weil man fast ein Jahr Zeit hatte, um nach Lösungen zu suchen. „Das wäre kein gutes Zeichen für den Nachwuchs gewesen“. Immerhin: Zum ersten Mal lässt sich der Ophüls Preis nun aus ganz Deutschland verfolgen. Alle 98 Filme stehen eine Woche lang zum Streaming bereit.

Eine weitere Premiere ist Luca Lucchesis „A Black Jesus“. Mit ihm eröffnete am Sonntag erstmals ein Dokumentarfilm das Festival. Er erzählt vom 19-jährigen Edward aus Ghana, der im Asylheim einer sizilianischen Kleinstadt lebt und davon träumt, bei der jährlichen Prozession die Jesus-Statue zu tragen. Das Besondere an ihr: Sie ist schwarz.

Das Sinnbild einer Gemeinde, die eine schwarze Ikone anbetet, zugleich aber Ressentiments gegen Geflüchteten hat, ist stark gewählt. Lucchesis Langfilmdebüt fängt die gegensätzlichen Stimmen im Ort betont wertfrei ein.

Produziert hat den Film, dessen Kinostart für April geplant ist, Wim Wenders, diesjähriger Ehrenpreisträger des Festivals. Er hebt an „A Black Jesus“ hervor, dass er in einem Format gedreht sei, „das für Dokumentarfilme fast verboten ist, nämlich Cinemascope“. Das Breitbild, kombiniert mit effektvollen Kamerafahrten und dem prägnanten Einsatz von Musik, schafft eine fürs Dokumentarische ungewohnt suggestive Kraft.

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Damit steht der Eröffnungsfilm nicht allein da. „Dear Future Children“ von Franz Böhm porträtiert drei Aktivistinnen, die sich für Klimaschutz in Uganda, Sozialreformen in Chile und Demokratie in Hongkong einsetzen. Auch hier sorgen ein oft dräuender Score sowie Effekte wie Off-Kommentare über Zeitlupenbildern dafür, dass sich das Gezeigte nach mehr anfühlt als nach einer nüchterner Berichterstattung. Es emotionalisiert.

Politisch kommt der Dokumentarfilmwettbewerb daher. Es geht um Herkunft und Heimat von Arbeitsmigrant*innen („Mein Vietnam“), um Tradition und Identität im Erzgebirge („Stollen“), um Recht und Gerechtigkeit bei der zivilen Seenotrettung („Nichts Neues“).

Übergriffe bei einem Casting werden aufgearbeitet

Zwei Filme richten ihren Blick auf Dorfgemeinschaften: In „Wir alle. Das Dorf“ soll auf einem Acker im Wendland eine Sozialutopie Gestalt annehmen, ein nachhaltiges, integratives Modelldorf entstehen. Die Filmemacherinnen begleiten den Prozess über mehrere Jahre, dokumentieren enttäuschte Visionen, doch letztlich gibt es ein Happy End.

„Wem gehört mein Dorf?“, fragt Christoph Eder. In seinem Heimatort Göhren auf Rügen formiert sich Widerstand gegen einen Investor, der seit der Wende mit Bauprojekten Profit aus dem Ostseebad schlägt. Der persönliche Zugang des Regisseurs und die teils dubiosen Protagonisten dieser Provinzposse sorgen dafür, dass man am Ende gebannt der Stimmauszählung einer Kommunalwahl folgt, als gehe es um Weltpolitik.

Szene aus "Borga" von York-Fabian Raabe

© Tobias von dem Borne

Wirkungsmächtig ist auch „The Case You“, in dem die Kamera kaum den Raum verlässt. Fünf Schauspielerinnen reinszenieren in einem Theatersaal ein Casting, in dessen Verlauf sie Jahre zuvor sexualisierte Gewalt erlebt haben. Dabei wird deutlich, wie schwer es den Frauen fiel, die Übergriffe im Rahmen des Castings als Missbrauch zu benennen, statt als legitimierte Macht des Regisseurs zu tolerieren. Anlässlich des Films wird ein Panel zur Prävention gegen (Macht-)Missbrauch in der Filmindustrie stattfinden.

Im Spielfilmwettbewerb überzeugen ernste Stoffe, allen voran „Nico“ von Eline Gehring. Nach einem rassistischen Überfall versucht die zuvor um keinen Spruch verlegene Altenpflegerin, ihr Trauma zu überwinden und erfährt Selbstermächtigung beim Kampfsport. Sara Fazilat, die auch am Drehbuch mitwirkte, hält ihre Figur gekonnt in der Schwebe zwischen Berliner Schnoddrigkeit und Sensibilität.

In „Borga“ landet ein junger Ghanaer auf der Suche nach Wohlstand in Hamburg, wo er heimisch wird, aber auch desillusioniert. York-Fabian Raabes aufwendig produziertes Drama erzählt von den falschen Erwartungen, die Europa und Afrika aneinander haben.

Schlingensiefs Geist schwebt über der Groteske

Es sind meist individuelle Schicksalsschläge, die die Spielfilme vorantreiben: Der Tod eines Kindes in „Von Fischen und Menschen“, das Ausreißen einer jungen Mutter in „Windstill“. Wer es humorvoll-abgründig mag, dem sei „Das Massaker von Anröchte“ empfohlen. Nachdem hunnische Reiter in einer westdeutschen Kleinstadt wahllos Menschen geköpft haben, ermittelt Kommissar Konka. Dass in Oberhausen gedreht wurde, mag kein Zufall sein, Christoph Schlingensiefs Geist schwebt über dieser Groteske.

Wie sollen Festivals künftig aussehen? Böttger plant eine Mischung: „Wir wollen Lust aufs Kino machen und die Vorteile des Vor-Ort-Erlebnisses zeigen, aber niemanden bevormunden und deshalb auch ein Kontingent an Streaming-Tickets anbieten.“ Womöglich wird die Online-Ausgabe ja im Rückblick einmal als heilsam angesehen. Als Jahr, das den Kampf Kino versus Streaming zugunsten neuer, gemeinsamer Lösungen beendete. Schön wär’s.

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