Uraufführung an der Deutschen Oper Berlin : Versuche über die Liebe

Claus Guth inszeniert, Johannes Kalitzke dirigiert an der Deutschen Oper Berlin die Uraufführung von Chaya Czernowins „Heart Chamber“.

Patrizia Ciofi und Dietrich Henschel als Großstadt-Liebespaar mit Gefühlsproblemen.
Patrizia Ciofi und Dietrich Henschel als Großstadt-Liebespaar mit Gefühlsproblemen.Foto: Michael Trippel

Es ist eine absolut angemessene Idee der Deutschen Oper, ihre große Bühne einmal von der blutigen Last des Repertoires leerzuräumen und sich einen Abend lang auf die Liebe zu konzentrieren. Denn auch wenn leidenschaftlich das Gegenteil behauptet wird: Um die Liebe steht es schlecht in der Oper. Ihr kurzes Aufglimmen führt zwangsläufig zu einer Explosion von Hass, Machtmissbrauch, Vergewaltigung und bizarren Menschenopfern, die in der Regel von Frauen dargebracht werden müssen.

Romantische Oper? Wer das Salzsäurebad des 1. „Tristan“-Aufzugs überstanden hat, weiß, warum die vermeintlich unsterblich Liebenden nur noch aus dem Leben scheiden wollen. Liebe nach Opernart ist ein Hochamt des Fatalismus, in dem die kalte Hand des Schicksals mehr Gewicht hat als ein erster Kuss.

Höchste Zeit, dieser grausamen Entstellung entschieden etwas entgegenzusetzen. Die Oper hat sich bei der Liebe schwer verschuldet, nun ist das Abstottern dran. Die Deutsche Oper hat zu diesem Zweck bei Chaya Czernowin ein abendfüllendes Werk in Auftrag gegeben, das die in Israel geborene, heute in Harvard lehrende Komponistin „Heart Chamber“ nennt.

Obwohl die Wissenschaft Gefühle längst aus dem Herzen verbannt hat, will Czernowin die aufkommende Verliebtheit zweier Fremder in Klänge fassen, ihre Ängste und Hoffnungen pochen lassen, beobachten, wie die von der Liebe Angezählten tönen und verklingen. Dazu ist wie bei der Erforschung von Elementarteilchen ein Apparat nötig, der – weil er kleinste Erschütterungen registrieren will – selbst unüberschaubar groß ausfällt.

Czernowin richtet einen Sound-Beamer aufs Publikum

Die Komponistin errichtet eine mehrstufige Abhöranlage um Frau und Mann, deren Wispern und Atmen durch Mikroports erfasst wird. Sie besteht im ersten Kreis aus einer Sänger-Verdopplung des Kernpaars und der Zuspielung ihrer eigenen aufgezeichneten Stimmen. Dann folgt ein 16-stimmiges Vokalensemble in den Logen, während links und rechts der Bühne ein Kontrabassist, eine Vokalartistin und das Quartett Nikel mit Percussion, E-Gitarre, Klavier und Saxophon lauern.

Natürlich sitzt auch das Orchester im Graben, vor allem aber schiebt das Experimentalstudio des SWR wie von Geisterhand die Regler und richtet seinen neuesten Sound-Beamer auf das Premierenpublikum. Mit seiner Hilfe wandern Klänge durch den Raum wie der Lichtkegel des guten alten Verfolgerscheinwerfers, im Parkett können bedrohte Bienenvölker akustisch ausschwärmen.

Die Protagonisten haben die Midlife Crisis hinter sich

Doch damit ist das Beamen noch längst nicht ausgeschöpft. Regisseur Claus Guth wirft unentwegt Filmbilder auf eine Bühne, die allein dem Zweck gehorcht, möglichst viel Platz für Projektionen zu liefern. Beinahe bekommt man Mitleid mit den beiden massiv umstellten Personen, die sich auf der Straße begegnen, als sie etwas fallenlässt und er es aufhebt. Ein Blick, eine Berührung der Hände, und schon zuckt ein Gefühl, das mehr an alte Verletzungen erinnert als an die Möglichkeit eines Aufbruchs, eines Abenteuers der Intimität.

Das Zufallspaar von Chaya Czernowin (Jahrgang 1957) ist nicht mehr jung, es hat die Peinigungen der sogenannten Midlife Crisis gut angezogen ertragen – er in seiner Neubauwohnung sinnend, wohl selbst Architekt, sie elegisch ihre Altbaugemächer durchschreitend (Berufsstand nicht ersichtlich). Beide wirken tadellos gepflegt, materiell abgesichert und dürfen die polierte Oberfläche einer selbstgewählten Edeleinsamkeit in verlangsamten Schwarzweiß-Filmsequenzen zelebrieren.

Viel Textballast lastet auf dem Paar

Sicher will Claus Guth, der ein psychologisch gefestigter, nachdenklicher Regisseur ist, mit diesem Overkill an prätentiösem Gebaren nur die Fallhöhe von „Heart Chamber“ maximieren. Gleich werden diese beiden wenig sympathischen Zeitgenossen niederknien vor einer Macht, die sie lange zu leugnen suchten. So hofft man – und hofft vergeblich.

Zum einen, weil mit Patrizia Ciofi und Dietrich Henschel zwar ein hinreichend geschätztes und auch vorzeigbares Sänger-Paar engagiert wurde, das sich im Rausch der Selbstbespiegelung aber als wenig interessiert am jeweils anderen herausstellt. Und zum anderen, weil Czernowin zwar kaum hör-, aber eben doch spürbar gewaltigen Textballast auf Frau und Mann häuft, zwischen zarten Wünschen und wüsten Bezichtigungen öffnet sich kaum jemals ein Spalt.

Was aber könnte sonst Aufgabe dieser „Inquiry about Love“ (so der Untertitel) sein, als den drohenden Liebesinfarkt zu verlangsamen und das Herz zu weiten, wenn auch nur für 90 pausenlose Uraufführungsminuten.

Diese beginnen mit einem Kontrabass- Solo von Uli Fussenegger, dem Mitbegründer und Vordenker des Klangforum Wien.

Eine noble Besetzung für fünf Eröffnungsminuten, die tatsächlich die Idee von Improvisation und Klangerkundung in sich tragen, auch körperlicher sind als der Klangstrahl des Sound-Beamers. Fussenegger darf danach noch ab und zu nach seinem Instrument greifen, prägend wird sein Bass aber nicht mehr werden und am Ende gänzlich aus dem Klangbild verschwunden sein.

Wäre dies ein Film mit gutem Sound, nichts hätte gefehlt

An die Stelle des unmittelbaren Live-Erlebnisses tritt ein ausgepichter Kunstwille von hohem technischen Organisationsgrad, den Dirigent Johannes Kalitzke souverän kontrolliert. Doch der dramatische Gestus dieses Musiktheaters ist nur schwach ausgeprägt. Würde man „Heart Chamber“ als Film in einem Kino mit moderner Tonanlage sehen, es hätte einem nichts gefehlt. Eine traurige Bilanz für die Bühne, die so viele Rädchen in Bewegung setzen muss und so wenig davon hat.

Um die Liebesschuldentilgung sieht es auch nicht viel besser aus. Dafür fehlt es Czernowins auf Gänsehaut abzielendem Tonspur-Geknusper aller akribischen Klangplanung zum Trotz an Genauigkeit. Wo sich das Herz zusammenzieht, wird mit plötzlicher Unterstützung des oftmals akustisch abgetauchten Orchesters eine Wolke in den Raum gepustet, der man überrascht nachschaut und vor lauter Ablenkung weniger denn je lesen kann in diesem Paarfindungsversuch.

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Bezeichnend dafür ist, wie „Heart Chamber“ den handschweißtreibenden Satz „I love you“ platziert, ganz am Ende von der Frau ausgesprochen, nach aller Lebendigkeit, wie durch Dunst hindurch. Claus Guth drückt seinem Paar dazu Teetassen in die Hand, plötzlich liegt Herbstlaub auf dem Boden. Hier gibt es keine Geständnisse mehr, sondern nur das schale Glück, etwas hinter sich zu haben (Weitere Vorstellungen am 21., 26. und 30. November. sowie am 6. Dezember).

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