Vater-Sohn-Drama „Atlas“ im Kino : Dinosaurier der Männlichkeit

Jeder trage die eigene Last: In David Nawraths bemerkenswertem Spielfilmdebüt „Atlas“ spielt Rainer Bock einen schweigsamen Möbelpacker.

Walter (Rainer Bock, mitte) und Alfred (Thorsten Merten, rechts).
Walter (Rainer Bock, mitte) und Alfred (Thorsten Merten, rechts).Foto: 235 Film,Tobias von dem Borne

Walter, Roland, Alfred – schon die Namen brauchen Artenschutz. Von den Männern, die sie tragen, ganz zu schweigen. Gestrig sind sie, abgehalftert und in ihrer proletarischen Schweigsamkeit gleichermaßen würdevoll wie tragisch anzusehen. Dinosaurier der Männlichkeit, die Letzten ihrer Art. Und doch keine Titanen, wie der Titel „Atlas“ von David Nawraths bemerkenswertem Spielfilmdebüt suggeriert. Die Last des Himmelsgewölbes oder der ganzen Welt allein auf den Schultern zu tragen wie der gleichnamige Held der griechischen Mythologie – das schaffen sie einfach nicht.

Auch wenn Walter, der ehemalige Gewichtheber, mit seinen 60 Jahren immer noch der stärkste Träger in der auf Zwangsräumungen spezialisierten Möbelpackertruppe ist. Abends schält er sich aus dem Lederkorsett, das er unter der Kleidung trägt, und kühlt die schmerzenden Knochen daheim auf den kalten Küchenfliesen. Eine überraschend physische Rolle für den großartigen, auf abgründige Biedermänner spezialisierten Rainer Bock. Ihm beim schweigsamen Entfalten von Walters Persönlichkeit zuzusehen, ist ein Erlebnis. Seine erste Kinohauptrolle hat Bock im Alter von 64 Jahren nach Nebenrollen bei Michael Haneke oder Steven Spielberg prompt eine Nominierung als bester Darsteller beim Deutschen Filmpreis beschert.

Walters Chef Roland (Uwe Preuss), der für einen auf Häuserspekulation und Geldwäsche abonnierten arabischen Kriminellenclan den letzten Streich der Entmietung abwickelt, baut auf ihn. Und auf den Gerichtsvollzieher Alfred (Thorsten Merten), den Wortgewandten unter den Hilfsarbeitern, die in einem gesichtslosen Gewerbegebiet in Frankfurt am Main kurz vor Weihnachten mit Glühwein aus Pappbechern anstoßen.

Die präzise, zurückgenommene Zeichnung des randständigen Milieus ist neben den Darstellern das größte Pfund von „Atlas“, der zur Lola-Gala am 3. Mai auch mit einer Drehbuch-Nominierung antritt. Zu Recht, denn die Autoren David Nawrath und Paul Salisbury zeigen Mut in ihrem Vater-Sohn-Drama. Wegen der keinen Rassismus-Vorwurf scheuenden Härte, mit der sie den Machtkampf zwischen dem Clan-Mitglied Moussa (Roman Kanonik), Alfred und Walter zeigen, als Moussa zu den Möbelpackern abkommandiert wird. Und wegen der deprimierenden Zwangsläufigkeit, mit der Walter männliche Untugenden wie Kommunikationslosigkeit, Gefühlsarmut und Gewalttätigkeit wiederholt, als der Konflikt eskaliert.

Sorgende und trotzdem gewalttätige Väter

In dem jungen Mann, der sich mit Frau und Sohn als letzter Aufrechter der Entmietung eines Hauses widersetzt und deswegen von Moussa tätlich angegriffen und als „Missgeburt“ beschimpft wird, erkennt Walter nämlich sein eigen Fleisch und Blut, den schmerzlich vermissten Sohn Jan, den er im Alter von vier Jahren das letzte Mal gesehen hat.

Der aus „Bad Banks“ und „Systemsprenger“ wohlbekannte Albrecht Schuch glänzt hier als charismatische Besetzung in einer Nebenrolle. Und zitiert als Taxifahrer Jan in dem Bemühen, nach Patriarchenmanier seine Familie beschützen zu wollen, unversehens die Methoden, die in seiner eigenen Kinderzeit auch der glücklose Vater anwandte. „Jeder legt sich seine Last selber auf“, philosophiert Walter einmal, als er mit seinem Kumpel Alfred zusammenhockt. Und beweist damit, dass Einsicht zwar der erste Schritt zur Besserung ist, sich die jahrtausendealte Prägekraft von Männlichkeitsmustern aber nur schwer brechen lässt.

Das zeigt der 1980 in Berlin geborene, im Iran und in Deutschland aufgewachsene und an der DFFB ausgebildete Regisseur am Beispiel sorgender und trotzdem gewalttätiger Väter. Sie sind in seinem ebenso lapidar wie dicht erzählten, naturalistisch gefilmten Drama gleichermaßen unter Arabern wie unter Deutschen anzutreffen. So überrascht es auch nicht, dass Moussa dem Verlierer Walter gegenüber einen rätselhaften Respekt walten lässt. Der Schläger spürt offensichtlich, dass der alles andere als ein Weichei ist. Und macht trotzdem den Fehler, den alten Gewichtheber zu unterschätzen.

Ein Vater, der den wiedergefundenen Sohn schützen will, ist schließlich zu allem fähig. Die Begegnung gerät zum Generationenduell, dem Rainer Bock sich in einer Mischung aus rührender Verletzlichkeit und schockierender Kaltblütigkeit stellt.

„Sie sind ein guter Mensch“, sagt Jans Frau, die herzliche Krankenschwester Julia (Nina Gummich) zu Walter. „Ich bin kein guter Mensch“, antwortet er mit Nachdruck. Sie aber lässt sich nicht von ihrer Einschätzung abbringen. Es spricht für die Qualität von „Atlas“, dass keiner von beiden unrecht hat.

Delphi Lux, Filmtheater am Friedrichshain, Passage, Babylon Kreuzberg

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