Weibliche Brüste in der Kunst : Doppelporträts

Eine Ausstellung in der Karl Oskar Gallery widmet sich der weiblichen Brust.

Blick in die Ausstellung "BOObs"
Blick in die Ausstellung "BOObs"Foto: Karl Oskar Gallery

Egal ob prall, fest und groß, wie sie uns im Idealbild der Werbung begegnet, schlaff nach dem Abstillen eines Kindes oder verschwunden nach einer Mastektomie – die weibliche Brust erregt die Gemüter. Als obszön verschrien, geliebt, begehrt, Lust- und lebensspendend, identitätsstiftend – kaum ein Körperteil wird mit so vielen widersprüchlichen Attributen belegt wie die weibliche Brust. Manche Brüste können einen Menschen ernähren, andere nicht – und am weiblichen Nippel zerschellen nach wie vor die angeblich so weltoffenen Werte von Tech-Giganten wie Facebook und Instagram. Keine Frau hat Brüste, wenn sie geboren wird, sie wachsen erst im Laufe des Lebens. Was macht die weibliche Brust aus? Was geschieht, wenn sie verschwindet? In welchen Formen gibt es sie, wie gehen wir mit ihr um und vor allem warum? Dies sind nur einige der zahlreichen Fragen, die die Kuratorinnen Britta (Helbig) Adler und Saralisa Volm in ihrer aktuellen Ausstellung „bOObs – Wir zeigen Brust“ stellen.

Es ist nach „bitch MATERial“ die zweite Ausstellung der Kuratorinnen unter demselben Motto. Sie haben Künstler*innen ausgewählt, die sich in ihren Werken (Preise: 450-25 000 Euro) mit unserem Blick auf Frauenbrüste beschäftigen. Camila Gonzalez Corea parodiert die Verklemmtheit von großen Tech-Firmen durch ihre Zensur des weiblichen Nippels in impressionistischen Brustporträts aus Emojis. Erst aus der Entfernung verschmelzen die Smileys, Spritzen, Flaggen und Tiere zu Brüsten. Die Künstlerin bleibt nicht bei der Theorie, sondern veröffentlicht die Werke auf ihrem Account @camilagc – bisher hat Instagram dank der Emoji-Landschaft noch nicht erkannt, dass es sich bei dem Abgebildeten – oh weh! – um eine weibliche Brust handelt.

Gebt Brüsten einen Platz in der Kunst!

In Matt Lamberts provokantem Kurzfilm „Nipples“, der sich mit derselben Thematik beschäftigt, heißt es: „Let’s fuck with the status quo“. Das könnte ohnehin der Schlachtruf der Ausstellung sein: Gebt Brüsten einen Platz in der Kunst jenseits des male gaze, zerschlagt den Anstoß, den der weibliche Nippel noch immer erregt. Denkt neu, zertrümmert Klischees, feiert Weiblichkeit in all ihren Formen. Thedra Cullor-Ledford verarbeitet ihre doppelte Mastektomie durch das Porträt ihrer abgenommenen, hautlosen Brust: zwei grellrote, Hackfleisch ähnelnde Fladen auf einem blauen OP-Tuch. Der dunkle Krebs, der sich durch das Gewebe gefressen hat, ist deutlich sichtbar. Ledford selbst hat sich gegen eine Rekonstruktion ihrer Brüste entschieden – auch die Abwesenheit der weiblichen Brust ist eines der großen Themen von „bOObs“. Sophie Mayanne zeigt in ihren Fotos, dass nicht die Brust eine Frau zur Frau machen muss – genauso wenig wie Brüste einer bestimmten Norm entsprechen müssen, um schön zu sein. Narben, Nähte, Haut – all das wird Teil von Lebensfreude und Weiblichkeit, anstatt sie zu schmälern.

Kleine Gummibälle zwischen Süßigkeiten

Das poetisch benannte Gemälde „Gewitterbrust“ von GODsDOGs zeigt die von Adern durchzogene Brust einer Schwangeren in warmem Licht. Die Brust ähnelt hier mehr denn je einer Landkarte des Lebens, durchzogen von blauen Flüssen. Annique Delphine inszeniert kleine Gummibälle in Brust-Optik in pastelligen Süßigkeiten-Landschaften. Die makellos runden Brust-Kugeln fügen sich beunruhigend nahtlos ein in die Ansammlung ansprechender Objekte, die wir verzehren, konsumieren wollen. Die wohl vollkommensten Brüste der Ausstellung finden sich auf einem Foto von Fréderic Schwilden. Sie sind die einzigen, die keine Milch spenden können, denn sie sind durch Hormontherapie gewachsen. Daneben, vom selben Künstler, ist eine stillende Brust zu sehen – weniger perfekt, anders. „bOObs“ zwingt zur Reflektion der eigenen Vorstellungen, singt eine Hymne auf die Weiblichkeit, darauf, dass Frauen und Brustträger*innen mit ihnen tun und lassen können, was sie wollen: All das ist Teil weiblicher Sexualität, Identität und Schönheit. Diese Direktheit und Unverkrampftheit, ja, der revolutionäre Geist dieser Ausstellung wirken noch lange nach dem Verlassen der Tempelhofer Galerie fort.

 Karl Oskar Gallery, Burgemeisterstrasse 4, Öffnung nach Vereinbarung unter: 015221022722 oder info@karl-oskar-gallery.com
Finissage: 08.03.2019 (Voranmeldung erbeten)


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