Wider Bush und Trump : Die Akte Atlantis

„Neulich in Amerika“: Der Essayist Eliot Weinberger schreibt die Chronik einer Demokratie am Rande des Untergangs.

So ein Hut hält die Gedanken beisammen. Texanische Delegierte der Republikanischen Partei am ersten Tag der National Convention in der Quicken Loans Arena in Cleveland, Ohio (Juli 2016).
So ein Hut hält die Gedanken beisammen. Texanische Delegierte der Republikanischen Partei am ersten Tag der National Convention in...Foto: Timothy A. Clary / AFP

Der Gipfel von Donald Trumps Peinlichkeiten schien zuletzt erreicht, als er empfahl, es bei der Bekämpfung des Coronavirus doch einmal mit der Injektion von Desinfektionsmitteln zu versuchen. Wer wie Eliot Weinberger aber nur sorgfältig genug die Äußerungen des US-Präsidenten sammelt, wird schnell andere Spitzenleistungen entdecken.

Ein Fundstück lautet zum Beispiel: „Der Präsident teilt Beamten des Heimatschutzes seine Idee mit, wie er verhindern will, dass Hurrikane die Küsten der USA erreichen: ,Ich hab’s. Ich hab’s. Hauen wir doch Atombomben rein. Die bilden sich vor der Küste Afrikas, und wenn sie dann über den Atlantik wandern, werfen wir eine Bombe ins Auge des Hurrikans, und die zerfetzt ihn. Ginge das denn nicht?’ Die Beamten sagen, sie wollen es prüfen.“

[Jetzt noch mehr wissen: Mit Tagesspiegel Plus können Sie viele weitere spannende Geschichten, Service- und Hintergrundberichte lesen. 30 Tage kostenlos ausprobieren: Hier erfahren Sie mehr und hier kommen Sie direkt zu allen Artikeln.]

Falls das Jüngste Gericht bei der Abfassung seiner Anklageschriften gegen Amerikas schlimmste Präsidenten dereinst noch Unterstützung brauchen sollte, könnte es jedenfalls guten Gewissens auf Eliot Weinbergers politische Essays zurückgreifen. Nirgends ist vernichtender festgehalten, mit welch hirnrissigen Äußerungen George W. Bush und Donald Trump ihre Macht befestigten, ohne dass ihnen in Gestalt eines Impeachments irdische Gerechtigkeit widerfuhr. Nirgends stößt man zugleich auf weniger Schaum vor dem Mund, wenn es darum geht, beider Ausmaß an Dummheit, Dreistigkeit, Niedertracht und Heuchelei zu dokumentieren. Womit Weinberger sie und andere Republikaner in aller Nackt- und Nüchternheit zitiert, richtet sich selbst.

Amüsierter Ekel

Man kann sich über diese Freakshow mit dem selbstzufriedenen Ekel des Aufgeklärten eine ganze Weile amüsieren. Doch je länger das unfreiwillige Pointenfeuerwerk andauert, desto mehr verwandelt es sich in eine bedrückende Litanei, deren Wortführer zwischen flotten, unbedachten Sprüchen und Erklärungen mit weltpolitischem Gewicht nicht unterscheiden können.

Die vier Essays aus „Bushs Amerika“ und die fünf aus „Trumps Amerika“ (mitsamt einem Bonus aus dem chinesischen Altertum), die „Neulich in Amerika“ vereint, leben von einem Minimum an expliziter Meinung und einem Maximum an unversöhnlicher Haltung. Die Kunst der Darstellung liegt ganz in der Montage und der rhetorischen Rahmung. Vom Stil her exemplarisch „Was ich hörte vom Irak“, eine Art Chronik des Zweiten Golfkriegs und seiner Rechtfertigung.

Jeweils nur leicht variiert, heben die Absätze an: „Im Februar 2001 hörte ich Außenminister Colin Powell sagen, Saddam Hussein habe ,bei Massenvernichtungswaffen kein wesentliches Potenzial entwickelt.’“ – „Im selben Monat hörte ich, ein Bericht der CIA stelle fest …“ – „Zwei Monate später hörte ich die Nationale Sicherheitsberaterin Condoleeza Rice sagen …“

Der repetitive Gestus, inspiriert von Charles Reznikoffs Großgedichten „Testimony“ und „Holocaust“, lenkt die Aufmerksamkeit immer wieder aufs Neue auf das Unglaubliche, die Widersprüche, die puren Behauptungen. Aus dieser Wiederholung erwächst nicht nur eine große Kraft, die fast unmerkliche Künstlichkeit gibt dem Ganzen erst seine Wirklichkeit zurück.

Wahnsinn oder Methode

Eliot Weinberger, 1949 in New York City geboren, zeigt das Absurde als Normalfall. Der ruhigen Neutralität des Erzählers („Ich hörte …“) korrespondiert der Zynismus seiner Zeugen, und von Seite zu Seite stellt sich drängender die Frage, welcher Methode dieser Wahnsinn folgt.

„Ich bin ein literarischer Autor, kein Experte, Insider, professioneller Kommentator“, hat Eliot Weinberger, Stammgast des Berliner Literaturfestivals, einmal erklärt. Tatsächlich ist er eine erste Adresse, wenn man sich in klaren und eleganten Essays aus den eigenen kulturellen Gewissheiten heraus in ferne Zeiten und Räume wirbeln lassen will.

In den Bänden „Das Wesentliche“ und „Vogelgeister“ tanzt er durch vier Jahrtausende des Weltwissens zwischen Griechenland und China. Auch als Übersetzer ist er eine Instanz, wenn man mit den deutschen Übersetzungen des mexikanischen Literaturnobelpreisträgers Octavio Paz oder denen des chinesischen Poeten Bei Dao nicht mehr weiterkommt.

Was die politische Hellsicht dieser „Schnappschüsse“ eines passionierten Zeitungslesers betrifft, macht es Weinbergers aus gesundem Menschenverstand geborenen Bürgersinn unnötig klein. Komprimierter als hier kann man kaum einen Überblick über die nur von Barack Obamas Interregnum unterbrochenen Skandale der vergangenen 20 Jahre gewinnen: dem „Staatsstreich ohne Blutvergießen“, mit dem sich Bush jr. 2000 gegen den Demokraten Al Gore ins Weiße Haus putschte; die Berufung des der Vergewaltigung bezichtigten Brett Kavanaugh als Richter an den Supreme Court im Jahr 2018; oder jenen gerade erst vergangenen Sommer, in dem „Konzentrationslager für Migrantenkinder“ entstanden.

Verfluchter Kolumbus

Die Verhängnisdichte grenzt an einen Fatalismus, mit dem man in einem Empörungsüberschwang, der neuerdings sogar Christoph Kolumbus verflucht, mit Mark Twain hinterherrufen möchte: „Es war herrlich, Amerika zu entdecken, aber es wäre noch herrlicher gewesen, daran vorbei zu segeln. – It was wonderful to find America, but it would have been more wonderful to miss it.“ So steht es in dem Roman „The Tragedy of Pudd’nhead Wilson“ (Knallkopf Wilson). Doch was immer die Eroberer an Schuld auf sich geladen haben mögen, die Buße kann nur in demokratischen Verhältnissen liegen.

Was sie erfordern, weiß auch Eliot Weinberger. Und er hat, zur Einleitung seiner Essays, Rat bei einem Anti-Machiavelli gefunden, der anderthalb Jahrtausende vor dem Machtkalkül von „Il Principe“ entstand. In den am Hof des chinesischen Prinzen Liu An entstandenen Weisheiten des „Huainanzi“, einem daoistischen Klassiker mit konfuzianischem Einschlag aus dem zweiten vorchristlichen Jahrhundert, heißt es unter anderem: „Weist ein Herrscher jene ab, die dem Gemeinwohl dienen, und setzt Menschen nach Freundschaft und Parteiungen ein, dann werden solche von bizarrer Begabung und frivoler Fertigkeit unangemessen befördert, während gewissenhafte Beamte behindert werden und nicht vorankommen. Auf diese Weise werden im ganzen Staat die Sitten der Menschen in Unordnung geraten, und fähige Beamte werden sich mühen.“

Das klingt so überzeugend, dass man es glatt auch Donald Trumps Pekinger Gegenspieler ins Parteibuch schreiben könnte.

Eliot Weinberger: Neulich in Amerika. Aus dem amerikanischen Englisch von Beatrice Faßbender, Eike Schönfeld und Peter Torberg. Berenberg Verlag, Berlin 2020. 272 Seiten, 16 €.

Jetzt neu: Wir schenken Ihnen 4 Wochen Tagesspiegel Plus!