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Die Leere ist gefüllt. Vor der Eröffnung ließ Museumsleiterin Ortrud Westheider gern die blanken Wände der frisch sanierten Räume auf sich wirken.
© Thilo Rückeis

Barberini-Direktorin im Interview: "Wir haben alle Freiheiten"

Ortrud Westheider erzählt über ihre Ideen für das Museum Barberini und Synergien mit anderen Häusern.

Von Nicola Kuhn

Frau Westheider, mit dem Palais Barberini wird Potsdams Alter Markt wieder zunehmend zu einem Ensemble. Der Platz galt einst als einer der schönsten in Europa. Wie erleben Sie diesen Ort?

Wann gibt es das schon: Ein Zentrum mit viel Geschichte, das ganz neu gestaltet und konzipiert werden kann. Es gibt das riesige Potenzial, die Altstadt zu erweitern, den Alten Markt mit Kunst und Kultur zu füllen. Hier kann ein richtiges Museumsquartier entstehen – mit dem Potsdam-Museum, dem Haus der Brandenburgisch-Preußischen Geschichte und den vielen Wissenschaftsinstitutionen in der unmittelbaren Nachbarschaft. Auch hinter den schönen Fassaden herrscht Betrieb, und es gibt den Wunsch, zusammenzuarbeiten, einen Anziehungspunkt für die Besucher aus Potsdam und aller Welt zu bilden.

Noch einmal zurück zum Standort: Wo stehen Sie am liebsten – auf dem Platz oder im Gebäude?

Ich komme mit dem Fahrrad angeradelt. Das ist immer ein toller Moment, wenn ich über den Alten Markt auf das Museum Barberini zufahre. Aber natürlich bin ich im Gebäude selbst am liebsten, vor allem in den hohen Räumen. In der Zeit vor der Eröffnung habe ich immer wieder die Chance genutzt, im Gebäude spazieren zu gehen, um die Leere in mich aufzunehmen und mir vorzustellen, was wir dort künftig machen werden: Welche Formate wählen wir? Was passt gut in welche Räume? Wie gehen wir mit Wandfarben um? Das Publikum war bei der Vorbesichtigung im Dezember völlig überrascht, was die Architekten aus den ehemaligen Wohnräumen gemacht, wie sie Höhe und Großzügigkeit für die Galerieräume gewonnen haben. Die Kubatur des alten Gebäudes ist erhalten geblieben, aber aus dem ehemaligen Fünf- wurde ein Dreistöcker, so dass man nun diese Deckenhöhe hat.

Sie eröffnen ein komplett neues Museum. War das ein Abenteuer?

Ich bin zu einem Zeitpunkt nach Potsdam gekommen, als der Bau bereits auf gutem Wege war und ich nur noch die Abschlussarbeiten miterlebt habe. Es gab da keine terminlichen Schwierigkeiten, nichts, worüber ich mir Sorgen machen musste. Das ist ein Geschenk. Ich konnte mich auf die Inhalte, die langfristige Bespielung und Kooperation mit den Partnern konzentrieren. So konnte ich in dem halben Jahr, in dem ich hier bin, Kontakte knüpfen und mit der Phillip’s Collection in Washington Verbindung aufnehmen, so dass wir hier im Sommer 70 Werke der amerikanischen Moderne zeigen können. Das steht jetzt an: dem Museum einen Ruf zu verleihen, auch bei internationalen Partnern. Dafür habe ich gute Voraussetzungen gefunden. Viele künftige Leihgeber haben uns bereits besucht und Klima und Sicherheit im Gebäude überprüft.

Sie bespielen 2200 Quadratmeter, 17 Räume insgesamt. Das ist ein Sprung vom Hamburger Bucerius Kunst Forum mit seinen bisher 860 Quadratmetern. Wird Ihnen da nicht zwischendurch bang?

Nein, wir haben hier eine Sammlung im Rücken. Das Bucerius Kunst Forum ist ein reines Ausstellungshaus. Mit jeder neuen Ausstellung fängt man dort komplett bei Null an. Hier habe ich eine solide Ausgangsposition durch die Kollektion von Hasso Plattner, die beständig wächst. Es ist sein Wunsch, drei Mal im Jahre eine große Ausstellung zu machen. Wir sind ein junges Haus und werden dynamisch mit der Sammlung arbeiten. Wir wollen nicht einmal alles einrichten, und das war es dann, sondern immer wieder neue Angebote schaffen.

Wie ist die Aufgabenverteilung zwischen Ihnen und Hasso Plattner: Kauft er ein und Sie stellen aus? Oder geht es auch umgekehrt: Sie dürfen Erwerbungen tätigen und er bei der Planung mitreden?

Hasso Plattner sammelt intuitiv, mit großer Kennerschaft, einem Auge für Malerei. Das ist bewundernswert, denn als Kunsthistorikerin gehe ich mit ganz anderen Kriterien heran. Seine Themen – Landschaft, Farbe – interessieren mich schon lange in meiner wissenschaftlichen Tätigkeit, insofern ergänzen wir uns. In den ersten Jahren werde ich mich darauf konzentrieren, aus der Sammlung das Ausstellungsprogramm zu entwickeln. Ich freue mich über Neuankäufe, sehe aber im Moment nicht meine Aufgabe darin, dabei beratend tätig zu sein.

Welche Richtung schlagen Sie beim Ausstellungsprogramm ein: Wird es vor allem klassische Moderne geben oder greifen Sie auch in die Vergangenheit mit archäologischen Ausstellungen wie beim Bucerius-Forum? Wie sieht es aus mit der Gegenwartskunst?

Wir haben alle Freiheiten. Ich kann mir auch altmeisterliche Kunst im Gebäude gut vorstellen. Der lebendige Wechsel ist wichtig. Wir wollen mit anderen Häusern in der Stadt zusammenarbeiten. Potsdam ist ein großes Kultur- und Gartenreich. Das Thema Landschaft, das in der Sammlung Plattner eine große Rolle spielt, wäre ein Ausgangspunkt, der gut zu allen in Potsdam passt. Und es gibt weitere Anknüpfungspunkte in der Geschichte, beim Holländischen Viertel oder der französischen Kultur, die hier immer gepflegt wurde. Mit solchen Traditionslinien werden wir uns beschäftigen.

"Das Haus soll ein lebendiger Ort sein"

Die Leere ist gefüllt. Vor der Eröffnung ließ Museumsleiterin Ortrud Westheider gern die blanken Wände der frisch sanierten Räume auf sich wirken.
Die Leere ist gefüllt. Vor der Eröffnung ließ Museumsleiterin Ortrud Westheider gern die blanken Wände der frisch sanierten Räume auf sich wirken.
© Thilo Rückeis

Das Museum Barberini ist neu auf die Landkarte Potsdams gekommen und gleich zur Nummer eins der neuen Website für die 20 Kulturorte der Stadt geworden. Wie stehen Sie zu Ihren Nachbarn? Teilweise überschneiden sich Ihre Gebiete.

Wir können alle nur gewinnen. Wir überlegen gemeinsam, wie wir das Angebot steigern, uns gegenseitig unterstützen, aufeinander aufmerksam machen können. So werden wir bei der Hopper-Ausstellung mit dem Filmmuseum zusammenarbeiten; dort gibt es dann ein Filmprogramm.

Mit welchem Publikum rechnen Sie: den Potsdamern und Berlinern natürlich, aber auch internationalem Publikum?

Die Stadt genießt als Unesco-Weltkulturerbe internationale Aufmerksamkeit durch die Schlösser und Gärten, auch der Cecilienhof mit seiner Geschichte. Hinzu kommen die Wissenschaftseinrichtungen mit vielen jungen Leute aus aller Welt. Das Museum Barberini mit seinen internationalen Kooperationen bildet dazu eine gute Ergänzung. Es gibt hier also schon internationale Qualitäten; wir rechnen mit einem Publikum aus aller Welt.

Sie nennen das Louisiana-Museum nahe Kopenhagen als ihr Vorbild. Inwiefern?

Als Typus von Museum, das in einen Landschafts- und Stadtraum eingebettet ist. Louisiana ist ein Sehnsuchtsort für das Kunstpublikum, weil es ein so stimmiges Ensemble mit der Umgebung darstellt – eine weltberühmte Kunstsammlung vor dem Ozean als einmaliger Kulisse. Auch hier in Potsdam gibt es diese Besonderheit, die Stadt ist von Wasser umflossen. Hinzu kommen die Schlösser und Gärten als Ausflugsziele. Gäste, die das Museum Barberini ansteuern, nehmen es im Zusammenhang mit der Umgebung wahr. Deshalb werden sich unsere Ausstellungen immer auch darauf beziehen. Wir haben hier den Blick auf den Alten Markt und die Havel. Man kann quasi mit dem Wassertaxi vor der Tür anlegen. Hinzu kommt die unmittelbare Nachbarschaft zu einer Metropole – wie beim Louisiana in der Nähe von Kopenhagen oder auch der Fondation Beyerle bei Basel. Man hat einerseits die Anbindung ans Zentrum, andererseits durch die Entfernung die Möglichkeit, zurückzutreten vom Getriebe des Alltags, der Großstadt – und dabei ganz große Kunst zu zeigen.

Im Bucerius Kunst Forum haben Sie bei Ihren Ausstellungen häufig aus dem Kleinen das Ganze entwickelt, um eine Geschichte zu erzählen – wie bei Ihrer letzten Hamburger Ausstellung mit dem Fenster-Motiv von Picasso. Werden Sie diesen Ansatz weiterverfolgen? Oder geht das bei den ungleich größeren Räumen im Museum Barberini nicht mehr?

Das Bucerius Kunst Forum besitzt als Zentralbau eine starke Fokussierung. Im Museum Barberini gibt es klassische Museumsräume, die sich stärker mit dem Außen verbinden. Wir haben hier die Durchblicke, die barocke Sichtachsenarchitektur. Damit muss man anders umgehen. Ich kann mich hier auf wenige Einbauten beschränken, das Zusammenspiel von Architektur und Kunstwerk spielt eine stärkere Rolle. Zum Beispiel lässt sich oben im Skulpturenraum auch Zeitgenössisches vorstellen durch die Blickbeziehung zum Alten Markt auf die Kuppel der Nikolaikirche oder zur anderen Seite zur Havel hin auf die Gartenlandschaft. Trotzdem werden wir mit einer vergleichbaren Methodik vorgehen, etwa Anfang 2018 bei Max Beckmann und dem „Welttheater“. Wir werden wie in Hamburg nach unbearbeiteten Feldern suchen, auch bei den Großen der Kunstgeschichte.

Wird man hier auch wieder Tango tanzen können? Das kam bei der Voreröffnung des Museums besonders gut an.

Warum nicht? Wir haben die große Halle hier unten, den Veranstaltungsraum oben. Durch die Kunstwerke haben wir nun allerdings eine andere Verantwortung. Man wird nicht in allen Räumen mit dem Glas in der Hand flanieren können. Aber das Haus soll ein lebendiger Ort sein mit Veranstaltungen in Verbindung zu den Ausstellungsthemen. Zum Beispiel soll es am ersten Donnerstag im Monat, an dem wir auch längere Öffnungszeiten haben, ein eigenes Programm geben. Wir nennen das „Barberini After Five“. Die Anregung kommt von „Phillip’s After Five“ von der Phillip’s Collection in Washington, mit der wir für die Hopper-Ausstellung zusammenarbeiten. Dort gibt es seit vielen Jahren ein Programm für junge Leute. Wir wollen dann eine besondere Atmosphäre schaffen – mit Musik, Aktionen, Food & Drinks.

Bei der Voreröffnung hatten Sie unglaublichen Zulauf. Mit wie viel Besuchern rechnen Sie, wenn der Betrieb richtig läuft?

Im Dezember kamen 24 500 Besucher in einer Woche. Wir hatten mit einem Viertel gerechnet. Wie viel es nun sein werden, weiß ich nicht. Warten wir es ab.

Das Gespräch führte Nicola Kuhn

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