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Seriös geht auch. Holger Klotzbach (l.) und Lutz Deisinger, die Gründer von Bar jeder Vernunft und Tipi am Kanzleramt.

© Doris Spiekerman-Klaas

Gründer der Bar jeder Vernunft: "Wir wollten alle Sinne erreichen"

Vor 25 Jahren erfanden Holger Klotzbach und Lutz Deisinger die Bar jeder Vernunft. Später kam das Tipi am Kanzleramt dazu. Zuerst lief es nicht nur rund, da mussten sie Auto und Flügel opfern.

Herr Klotzbach, Herr Deisinger, in welchem Geist haben Sie 1992 die Bar jeder Vernunft gegründet?

KLOTZBACH: Ich war ja mehrere Jahre bei der Kabaretttruppe „3 Tornados“ und hatte mich in allen möglichen Abstellräumen und unfreundlichen Garderoben umgezogen. Wir wollten einen Ort schaffen, an dem die Künstler sich wohl fühlen. Wo es gefüllte Obstschalen gibt und eine Atmosphäre, in der es allen Spaß macht, zu arbeiten. Dann kam langsam die Entwicklung einer Gastronomie hinzu. Die war notwendig, um damit manchmal ein Loch zu stopfen, das das Programm reißen konnte. Gerade wenn man Experimente macht, ist es ja nicht so, dass alles von Anfang an läuft. Künstler durchzusetzen, das dauert in Berlin seine Zeit.

DEISINGER: Wir haben damals tatsächlich sehr viele Künstler gekannt, von denen wir dachten, die haben Charisma, die müssen raus aus den Mauselöchern, in denen sie stecken. Was dann in so einem Theater passieren soll, da hatte jeder eigene Vorstellungen. Wir haben uns erstmal nur auf einen Namen einigen können, der diese widerstrebenden Richtungen vereinigt und das war „Bar jeder Vernunft“. Und etwas schnöder ist dann noch, dass wir beide kurz davor Schiffbruch erlitten hatten beim Versuch, im „Quartier“, dem heutigen „Wintergarten“ in der Potsdamer Straße ein modernes Variété aufzuziehen. Das scheiterte an bösen Partnern. Denen wollten wir zeigen, dass man mit unserer Idee auch reüssieren konnte.

KLOTZBACH: Ich war anfangs noch Geschäftsführer bei Ueli Hirzel, der damals sehr erfolgreich einen Zirkus der neuen Art, genannt „Nouveau Cirque“, aufgezogen hat. Unsere Europa-Tour lief so fantastisch, dass uns das Geldzählen langweilig wurde. Da entsann er sich dieses Jugendstil-Spiegelzeltes, das er noch in Wetzikon in der Schweiz in Containern liegen hatte. Auf das Parkdeck neben dem heutigen Haus der Berliner Festspiele als Standort kamen wir, weil hier während des Theatertreffens auch immer ein Zelt stand.

In welchem Geist führen Sie die Bar jeder Vernunft und das Tipi am Kanzleramt in die nächsten 25 Jahre?

DEISINGER: Wir haben eine sehr individuelle Form von Unterhaltungskultur gefördert. Und damit auch das Image bekommen, ein Entdeckertheater zu sein und auf hohem Niveau individuelle Unterhaltung zu präsentieren. Das zu halten, ist eine ziemliche Herausforderung. Als wir damals angefangen haben, hat es eine kleine Schwemme von Künstlern gegeben, die Georgette Dee, Tim Fischer oder Cora Frost hießen, die unbekannt waren und die plötzlich auf einen Schlag und auch durch uns das Licht der Öffentlichkeit erblickten. Heute wenden sich nicht mehr so viele Künstler dem Genre Live-Theater zu. Und wenn, dann im Bereich Comedy und nicht so häufig im Bereich Gesang, Musiktheater. Entsprechend wenige bedeutende Neuzugänge hat es in den letzten Jahren gegeben.

KLOTZBACH: Wir müssen uns mehr auf dem internationalen Markt nach neuen Gruppen und Formaten umsehen. Und die nächsten 25 Jahre können nicht nur ein einfaches „Weiter so“ sein, sondern das „Weiter so“ kann nur bedeuten, sich permanent zu verändern.

DEISINGER: Dazu gehört auch, in Eigenproduktionen wie „Frau Luna“ zu zeigen, dass man mit alten Stoffen innovativ umgehen kann.

Was hat Sie beide denn überhaupt damals prädestiniert, eine Unterhaltungsstätte zu betreiben?

DEISINGER: Die Lust am Theater, an diesen Künstlern, daran, abends nicht nur eine Show anzuschauen, sondern dabei auch zu Rauchen und zu Trinken, also auch bestimmte Konventionen von Rezeption aufzubrechen. Heute bin ich allerdings froh, dass nicht mehr geraucht wird.

KLOTZBACH: Der Berliner kiekt ja nicht nur gerne, wie es in „Frau Luna“ heißt, sondern er isst und trinkt auch gerne. Wir wollten halt etwas anderes schaffen, als ein steriles, schwarz ausgeschlagenes Studiotheater. Wir wollten mehr Sinne befriedigen als nur das Sehen. Und das ging ganz hervorragend mit so einem Spiegelzelt, das einen eigenen Charakter hat.

Wir verfügen ab sofort, Kleinkunst Großkunst zu nennen.

Holger Klotzbach und Lutz Deisinger, Gründer der Bar jeder Vernunft

Hatten Sie außer vielen Ideen auch professionelles Know-how?

KLOTZBACH: Der Lernprozess begann erst mit Eröffnung der Bar. Auch wenn ich schon etwas Erfahrung durch Zirkus und Kabarett hatte und ja auch den Circus Roncalli, das Tempodrom und das Schwarze Café in Berlin mitgegründet habe: Kaufmännisch habe ich aber bis heute keine richtige Ahnung. Wir haben die Geschäfte immer mit dem gesunden Hausfrauenverstand geführt. Nach der Maxime, wir können nur das Geld ausgeben, dass wir auch haben. Mehr ökonomische Leitsätze mussten wir nie beachten.

DEISINGER: Das war tatsächlich learning by doing. Wir haben anfangs noch nicht mal eine Aufgabenverteilung gehabt. Die hat sich erst im Laufe der Jahre ergeben.

KLOTZBACH: Weil ich von der Bühne kam, dachten wir, dass ich das Programm machen würde. Dann stellte sich aber sehr schnell heraus, dass Lutz Deisinger als Theaterwissenschaftler ein viel profunderes Wissen und den besseren Riecher für Talente hatte. Also machte er das Programm und ich den Organisationskram.

Mussten Sie immer mal wieder Ihr letztes Hemd verpfänden, um den Laden am Laufen zu halten?

KLOTZBACH: Jetzt musst Du mich loben, Lutz!

DEISINGER: Genau: Holger Klotzbach hat immer mein letztes Hemd verpfändet! Aber im Ernst: Am Ende der ersten Spielzeit hat Holger tatsächlich seinen Steinway-Flügel verkauft und ich meinen VW-Käfer, weil wir pleite waren. Und wenn man 1992 einen Käfer verkauft, um sich über Wasser zu halten, dann muss es schlimm sein!

Ist es bei dieser existentiellen Krise am ersten Saisonende geblieben?

DEISINGER: In der ersten Saison waren wir zwar der Geheimtipp, aber das reichte nicht, um die Finanzen zu sichern. Dafür knallte es dann ab Beginn der zweiten Saison und blieb gleich drei Jahre so. Man musste abends eigentlich nur aufmachen und die Bude war voll.

KLOTZBACH: Nur einige Sommer waren schwieriger.

DEISINGER: Das hat was damit zu tun, dass wir konzeptionell gesagt haben, wir sind kein Touristenschuppen. Wir bemühen uns nicht um Busladungen, sondern möchten die Menschen ansprechen, die sich selbst entscheiden, hierher zu kommen. Sicher können das auch Touristen sein, aber wir haben die nicht explizit beworben, folglich gab's Saisonlöcher.

Jetzt können wir etwas Neues entwickeln

Machen jeden Quatsch mit. Lutz Deisinger und Holger Klotzbach beim theatralischen Tortenanstich zum 15. Geburtstag 2007 in der Bar jeder Vernunft.

© Thilo Rückeis

Welche Künstler haben bei Ihnen laufen gelernt: Welche Karrierewege haben Bar jeder Vernunft und Tipi am Kanzleramt bereitet?

DEISINGER: Ganz wichtig dabei ist, dass wir diese Leute nicht erfunden haben, wir haben sie nur entdeckt – beispielsweise die Geschwister Pfister, Meret Becker, Cora Frost, Tim Fischer, Michael Mittermeier, Queen Bee, Malediva, Muttis Kinder, Gayle Tufts und Hudson Shad.

KLOTZBACH: Hudson Shad, das war in diesem wahnsinnig heißen Sommer 1995. Da gab’s überhaupt noch keine A-cappella- Gruppen, die im Comedian Harmonists-Stil auftraten in Deutschland. Als die aus den USA kamen, war plötzlich der ganze Monat ausverkauft. Im Zelt waren 40 Grad Hitze und die Leute strömten! Dann folgten darauf die ganzen Epigonen, die überall in Deutschland Comedian Harmonists-Programme machten.

Also haben Sie durchaus die deutsche Bühnenunterhaltung geprägt?

KLOTZBACH: Wir haben vielen Künstlern sehr lange Spielzeiten geboten. Das kannten die von ihrem normalen Tourgeschäft gar nicht. In Hamburg beispielsweise spielten die nur zwei Tage im „Schmidt“. Das heißt, die Künstler konnten sich hier ausprobieren und auch nach der Premiere weiter am Programm feilen. Der Auftritt bei uns wurde schnell ein Gütesiegel, daraufhin konnten sie überall in Deutschland auftreten.

DEISINGER: Viele Theater haben gesagt, das buchen wir blind, wenn das in der Bar war. Wir bieten Künstlern Kontinuität. Die Geschwister Pfister treten seit 25 Jahren bei uns auf, bringen ihre Produktionen hier raus und wir können davon ausgehen, dass das in absehbarer Zeit auch so bleiben wird. Insofern haben sich ganze Künstlergenerationen mit ihren Produktionen hier weiterentwickeln können, weil wir jeden Blödsinn mitmachen.

KLOTZBACH: Und der andere Punkt sind die Eigenproduktionen – das „Weiße Rössl“, unser Durchbruch auf nationaler Ebene. Oder die „Drei alten Schachteln in der Bar“ und „Cabaret“, das dann auch von staatlichen Theatern nachgespielt wurde. Auch das „Rössl“ wird heute noch in unserer Fassung gespielt. Das sagen uns die Tantiemen.

DEISINGER: Wir haben einen großen Scheinwerfer auf Künstler gerichtet und dann haben andere Theater sie auch gesehen.

Mit „Frau Luna“ haben Sie jüngst eine erfolgreiche Eigenproduktion hingelegt: Welche Operetten- oder Musicalreanimierung schwebt Ihnen als nächstes vor?

KLOTZBACH: Zunächst zehren wir noch von dieser wunderbaren Produktion. Dass es so ein Erfolg wird, haben wir nicht geahnt, wir hatten 73 ausverkaufte Vorstellungen. Das ist für ein Privattheater ein Riesenerfolg. Sowohl, was die Resonanz beim Publikum angeht, als auch in den Medien, was auch eine Innenwirkung fürs Theater selbst hat. Da geht, frei nach Roman Herzog, ein Ruck durch den Laden und befördert die Lust aller Leute, weiterzumachen.

DEISINGER: Erstmal müssen wir uns von diesem Glücksschrecken erholen, der durch die Möglichkeit, „Frau Luna“ wiederaufzunehmen, die Planung für 2018 und 2019 erfreulich entspannt. Jetzt können wir in Ruhe etwas Neues entwickeln. Ganz oben auf meiner Liste steht ein Künstlerroman aus den Zwanzigern, den ich in ein Singspiel verwandeln möchte. Mehr sage ich aber nicht. Nur noch dies: Es ist ein Berlin-Roman. Die großen Erfolge sind bei uns immer mit einem Berlin- Thema verbunden. Im Gegensatz zur Brecht'schen Theorie, glaube ich ja immer, dass Theater am besten funktioniert, wenn sich der Zuschauer, mit dem, was er sieht, identifizieren kann. Das darf er bei uns. Und einen Stoff, der noch gar kein Bühnenstück ist, verwandeln und dann mit den vielen Menschen, mit denen wir seit 25 Jahren zusammenarbeiten – Komponisten, Textern, Darstellern – auf die Bühne zu bringen, das wäre schon toll.

In Berlin ist nichts so von Dauer wie das Provisorium.

Tipi-Chef Holger Klotzbach

Ihre ehedem provisorisch aufgestellten Zelte stehen ja permanent irgendwelchen Bauvorhaben im Weg oder vergällen dem Kanzleramt die Aussicht vom Balkon: Ist das Berlin wirklich zuzumuten?

DEISINGER: Die Stadt registriert das doch mit Dankbarkeit.

KLOTZBACH: Klaus Wowereit hat das ja in seiner Laudatio anlässlich unseres Neujahrsempfangs vor ein paar Wochen gesagt, dass wir eine enorme Bereicherung für das Berliner Image sind. Also gehen wir nicht davon aus, dass es noch irgendwen stören könnte, dass wir auf dem Parkdeck und im Tiergarten stehen. Zudem ist in Berlin eben nichts so von Dauer wie das Provisorium.

Sollten Sie als Kleinkunst-Päpste nicht diejenigen sein, die einen neuen Begriff für Ihr Genre erfinden? Bei der Wortkrücke „Kleinkunst“ kann es ja nicht bleiben.

KLOTZBACH: Wir haben über einen Radiosender ja mal eine Ausschreibung für einen neuen Begriff gemacht und 1000 Euro Belohnung ausgelobt. Da kam dann sowas wie „Minikunst“, das war schon der Gipfel der Originalität. Wir haben das Geld dann behalten.

DEISINGER: Unterhaltende Bühnenkunst merkt sich ja kein Mensch. Also verfügen wir mit sofortiger Wirkung, es Großkunst zu nennen und bitten, das einzuhalten.

Ist es Ihnen eigentlich unheimlich, von Kulturszene und Politik nach 25 Jahren so geliebt zu werden?

DEISINGER: Warum soll das unheimlich sein? Wir werden ja nicht von den Falschen geliebt.

Aber Sie, Herr Klotzbach, waren als Anarcho-Kabarettist doch früher mal wahnsinnig subversiv.

KLOTZBACH: Stimmt. Deswegen ist es gerade schön, wenn die Anderen sich so weiterentwickeln.

Das Gespräch führte Gunda Bartels.

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