Woche der Kritik : Streiten und Nachdenken während der Berlinale

Film- und Diskussionsreihe: Die Woche der Kritik diskutiert zum Auftakt über das Kinopublikum und die Filmförderung.

Christian Blumberg
Die Lehrerin. Isabelle Huppert in „Madame Hyde“ von Serge Bozon.
Die Lehrerin. Isabelle Huppert in „Madame Hyde“ von Serge Bozon.Foto: Les Films Pelleas

In seinen frühesten Jahren, als das Kino eher Nummernrevues denn ausgefeilte Erzählungen produzierte, unterhielt es enge Beziehungen zum Jahrmarkt und zum Zirkus. Hier bot es sich dem Publikum als „Kino der Attraktionen“ dar. Eine Konferenz zur Rolle des gegenwärtigen Kinopublikums nun in einem Zirkuszelt stattfinden zu lassen, trägt diesem historischen Umstand Rechnung. Es zeugt aber zugleich von Wandelbarkeit und Diversität dessen, was man eben Publikum nennt: Schließlich hat die Zuschauerschaft, die sich am Mittwochabend unter der Kuppel des Kulturzirkus Cabuwazi in Berlin eingefunden hat, vornehmlich aus Filmschaffenden, Cinephilen und Journalistinnen bestanden. Aufs Tempelhofer Feld hatte sie – wenig jahrmarkthaft – eine Podiumsdiskussion mit dem Titel „Malen nach Zahlen?“ gelockt. Und zwar auf Einladung und als Auftakt der diesjährigen „Woche der Kritik“. Vor drei Jahren aus Kreisen der deutschen Filmkritik hervorgegangen, hat diese sich mit sorgsam kuratierten Film- und Diskussionsreihen inzwischen als unabhängiges Berlinale-Supplement etablieren können.

Zu Beginn der Diskussion will man herausfinden, wer eigentlich dieses Kinopublikum ist und was es will. Keine eben leichte Aufgabe. Auch wenn das Podium mit Personen besetzt ist, deren Professionen das Nachdenken über ihr Publikum nachweislich erfordert, erweist sich der Begriff doch als erwartungsgemäß unscharf: Anschaulich wird hier Anna de Paoli, Produzentin von Genrefilmen wie „Der Samurai“ oder „Dr. Ketel“. Sie berichtet von der Unmöglichkeit, schon im Schneideraum eine Zuschauerreaktion zu imaginieren, ohne dabei stets auf sich selbst und die eigenen Filmerfahrungen zurückgeworfen zu werden.

Die in der Filmförderung tätige Maria Köpf nähert sich dem Thema aus einem eher makrosoziologischen Blickwinkel. Sie gibt wandelndes Freizeitverhalten und die im Zeitgeschehen schwankenden Präferenzen der Kinobesucher zu bedenken. Aus diesen Veränderungen habe der Filmbetrieb Schlüsse zu ziehen. Aber welche? Und würden solche Schlüsse nicht immer nur die Mehrheiten eines Publikums berücksichtigen? Den fast demokratietheoretischen Einwurf, dass ein Publikum eben auch aus Minderheiten bestünde, macht dann Frédéric Jaeger, Filmkritiker und Moderator des etwas vagen Abends.

Förderung von „mutigen“ und „überraschenden“ Filmen

Wirklich in Fahrt gerät die Runde, als es schließlich (film-)politisch wird. In Bedrängnis kommt nun vor allem Christian Bräuer, Geschäftsführer der Yorck-Kinos und mitverantwortlich für die neuen Leitlinien, welche die Filmförderungsanstalt (FFA) vor wenigen Monaten verabschiedet hat. Die sehen vor, dass die FFA in Zukunft primär Filme fördern will, die potenziell 250 000 Besucher in die Kinos locken. Nimmt man die Zahlen von 2016, fielen damit in Zukunft über 90 Prozent aller Produktionen bei der FFA durch. Die Viertelmillion schaffen in Deutschland lediglich die Schweigers und Schweighöfers, die Bibis und die Tinas. Diese „Qualitätsförderung“ (FFA) will Breuer aber nicht als markthörige Kampfansage gegen das Arthouse-Segment verstanden wissen, sondern als Verteidigungsstrategie gegen auf den Markt drängende Player wie Netflix oder Amazon. Frédéric Jaeger widerspricht nun heftig. Er sieht das Publikum hier auf einen Zahlenwert reduziert und sich selbst genötigt, die unparteiische Moderatorenrolle kurzzeitig abzulegen. Er schwärmt von Valeska Grisebachs Film „Western“ als einer ästhetisch herausragenden Produktion der jüngsten Zeit – nicht ohne darauf hinzuweisen, dass Grisebachs auch im Ausland Anklang findender Film hierzulande gerade mal 30 000 Zuschauer gefunden habe.

Auf Jaegers Frage, ob und warum die FFA Filme wie „Western“ zukünftig nicht mehr fördern wolle, kommt Bräuer in argumentative Schieflage und behilft sich mit Worthülsen. Immer wieder stimmt Christian Bräuer ein Loblied auf die „Vielfalt“ an und spricht sich für die Förderung von „mutigen“ und „überraschenden“ Filmen aus.

Wachsender Dissens

Die Replik kommt prompt: Wer deutlich weniger Filme fördern wolle, betreibe die strukturelle Verankerung inhaltlicher Berechenbarkeit, konstatiert Stephan Wagner, Regisseur und vierter Diskutant der Runde. Deren anfängliches Vorhaben, Kunst und Markt nicht gegeneinander ausspielen zu wollen ist damit zwar geplatzt. Doch auch alte Grabenkämpfe wollen wohl immer wieder neu geführt werden. Der Debatte tat der wachsende Dissens indes nur gut.

Streiten und Nachdenken will die „Woche der Kritik“ während der Berlinale auch weiterhin: Statt um Filmpolitik soll es in den kommenden Tagen dann etwa um die politische Wirkmacht des Dokumentarfilms oder das Potenzial drastischer Darstellungen gehen. Gezeigt werden Filme von Serge Bozon oder Lukas Feigelfeld und als Diskussionsgäste haben sich u. a. der Regisseur Thomas Arslan, die Autorin Stefanie Sargnagel und der Filmkritiker Ekkehard Knörer angekündigt.

Hackesche Höfe, bis 22. Februar, täglich ab 20 Uhr, Programminfos unter: www.wochederkritik.de

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