Zum Tod des Kameramanns Robby Müller : Er lehrte Wim Wenders das Sehen

Sein Blick prägte das internationale Arthousekino: Im Alter von 78 Jahren ist der Kameramann Robby Müller gestorben

Robby Müller wurde 2005 in Köln als Ehrenkameramann ausgezeichnet.
Robby Müller wurde 2005 in Köln als Ehrenkameramann ausgezeichnet.Foto: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Robby Müller überließ nichts dem Zufall. Vielmehr war der Zufall ein verlässlicher Partner für den niederländischen Kameramann, der sich nie als Fotograf bewegter Bilder verstand, sondern in erster Linie als Maler. Jim Jarmusch, der mit Müller fünf Filme drehte, darunter “Down by Law” und “Dead Man”, verglich seinen Freund einmal mit den niederländischen Meistern Vermeer und de Hoeck. “Robby wurde im falschen Jahrhundert geboren.”

Die Filmgeschichte hat viele großartige Kameramänner- und frauen hervorgebracht, die das Kino in den Rang einer Kunst erhoben. Aber nur die wenigsten können von sich behaupten, eine eigene Schule begründet zu haben. Robby Müller war einer von ihnen. Er konnte über seine Arbeit sprechen wie ein Ingenieur, aber wenn er durch die Kamera blickte, wurde er zum Haptiker, dann wollte er die Welt in all ihrer Stofflichkeit und Sinnlichkeit erfassen. “Schönheit zerstört das Drama”, lautete sein Credo, das ihm als Leitfaden diente in seiner Arbeit mit so unterschiedlichen Regisseuren wie Jim Jarmusch, Lars von Trier und Wim Wenders. Und keiner von ihnen käme je auf die Idee, seinen Einfluss herunterzuspielen: Er hat sie begleitet, sie während ihrer formativen Jahre das Sehen gelehrt. Und sie haben seine Ratschläge stets dankbar angenommen, weil man sich auf seinen wachen Blick, seine Intuition blind verlassen konnte. “Er ist Robby Müller, aber erzähl' ihm das bloß nicht”, scherzte die Crew am Set von “Dead Man”.

Licht war sein Material

Am engsten aber war Robby Müllers Karriere mit Wim Wenders verknüpft. Die beiden lernten sich 1969 an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (dffb) kennen, als Wenders gerade seinen Abschlussfilm vorbereitete. Müller, geboren 1940 in der niederländischen Kolonie Curacao, hatte ab 1964 an der Netherlands Film Academy studiert und danach beim Kamera-Veteranen Gerard Vandenberg gelernt, der seinen Schüler nach Deutschland vermittelte. Dort traf er erst Hans W. Geissendörfer, mit dem er den Vampirfilm “Jonathan” drehte. Und schließlich Wenders. Der Kurzfilm “Alabama (2000 Light Years)” wird der erste von über 40 Spiel- und Dokumentarfilmen, eine symbiotische Partnerschaft. Gemeinsam entwickeln sie diesen naturalistischen Stil, der zu Müllers Markenzeichen wird. Die Handkamera ist sein wichtigstes Arbeitsgerät, aber die ungezwungene Bewegungsfreiheit seiner Bilder stellt nur die Grundlage dieses Naturalismus dar. Sein Material war das Licht.

“Wenn im Skript steht, dass am Drehtag die Sonne scheint, es aber regnet, würden die meisten Kameraleute den Dreh verschieben. Robby hätte dagegen versucht, den Regen und den bewölkten Himmel in die Geschichte einzuarbeiten”, sagte Wenders über ihre Zusammenarbeit. “Robby fand immer das richtige Licht.” Oder das falsche. Die schummerigen, ins Aquamarine oder in ein schmutziges Karminrot kippenden Neon-Interieurs, die farblichen Verunreinigungen in “Der amerikanische Freund” waren eine Idee Müllers. “Die Fehler, die andere Kameraleute aus den Bildern tilgten, sahen wir als Qualität,“ erinnerte sich Wenders.

Visitenkarte für Hollywood

Der Look von “Der amerikanische Freund” wurde Müllers Visitenkarte für Hollywood, dort arbeitete er mit William Friedkin, Peter Bogdanovich und Jerry Schatzberg, allesamt Veteranen des New Hollywood. Mit Wenders hatte er einige der schönsten Roadmovies gedreht, in Friedkins „Leben und Sterben in LA“ filmte er dafür die vielleicht spektakulärste Verfolgungsjagd der Filmgeschichte. Aber er war unzufrieden in dem restriktiven Studiosystem, die Freiheit zu improvisieren fand er mit vom europäischen Kino geprägten Regisseuren, die das Filmemachen noch als Experiment verstanden, die sich ihre Neugier bewahrt hatten. So kam er auch in Kontakt mit Lars von Trier, auf der Höhe der Dogma-Bewegung, die einem Puristen wie Müller eigentlich hätte entgegen kommen müssen. Aber das Neo-Musical “Dancer in the Dark” mit einer tanzenden Björk in einer hell ausgeleuchteten Fabrikhalle, war das komplette Gegenteil der Wenders-Filme. Müller drehte die Massenszenen mit hundert fixierten Digitalkameras, er widerlegte auch den schlechten Ruf der vorsintflutlichen Video-Ästhetik. Traumfabrik meets Dogma. Es zeichnet einen wahren “Meister des Lichts” aus, verrauschte Digitalaufnahmen genauso prächtig aussehen zu lassen wie die fotochemischen Lichtbilder.

“Meister des Lichts” war auch der Titel der Ausstellung, die im Sommer 2017 im Berliner Museum für Film und Fernsehen Robby Müller gewidmet war. Müller, der seit einigen Jahren an Demenz litt und nicht mehr sprechen konnte, erschien noch persönlich zur Eröffnung, wirkte aber bereits sehr gebrechlich. Die Laudatio von Wim Wenders verfolgte er sichtlich gerührt. Am Donnerstag starb Robby Müller, eine der letzten Koryphäen der analogen Schwarzweiß-Kinematografie, im Alter von 78 Jahren in den Niederlanden. Er hat – wieder einmal – das Licht gefunden. Diesmal für immer.

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