Zum Tod von Frieder Burda : Ein Kunstverrückter, der das große Glück des Teilens für sich entdeckt hatte

Seiner Heimat Baden-Baden schenkte der Sammler Frieder Burda ein Museum. Nun ist der große Mäzen im Alter von 83 Jahren gestorben.

Christiane Meixner Birgit Rieger
Frieder Burda vor einem Bild seines Freundes Gerhard Richter in einer Ausstellung zum Thema "Kerze".
Frieder Burda vor einem Bild seines Freundes Gerhard Richter in einer Ausstellung zum Thema "Kerze".Foto: dpa / Gerhard Richter 2019 (15072019)

Das Bild, das der kunstverrückte Frieder Burda 1968 nach seinem ersten Documenta-Besuch kaufte, war eine knallrote, dreifach geschlitzte Leinwand von Lucio Fontana. Damit hatte er, der Sohn des Verlegerehepaars Franz und Aenne Burda, an sich nur den Vater schocken wollen.

Doch der Senior, selbst Sammler von deutschen Expressionisten, war durchaus interessiert. Das Bild mit den Schlitzen wurde die Grundlage für Frieder Burdas Sammlerkarriere. Nach dem Tod des Vaters 1986 schwamm sich Frieder, der mittlere von drei Söhnen, frei, er verließ das Unternehmen und widmete sich fortan voll und ganz der Kunst. 2004 eröffnete er mit dem Museum Frieder Burda ein Haus für seine Kunstsammlung.

Das Museum in Baden-Baden war sein Lebenswerk und ist nun zum Vermächtnis von Frieder Burda, einem der größten Sammler des Landes, geworden. Mit 83 Jahren verstarb der Unternehmer und Mäzen nach längerer Krankheit am Sonntag im Kreis der Familie.

Was bleibt, ist seine rund 1000 Werke umfassende Kollektion mit hochkarätigen Namen wie Pablo Picasso – Burdas erklärtem Lieblingsmaler –, Max Beckmann, Ernst Ludwig Kirchner, Jackson Pollock oder Mark Rothko. Doch auch Gerhard Richter, Georg Baselitz, Sigmar Polke und Anselm Kiefer zählten zu seinen persönlichen Helden, die er leidenschaftlich begleitete.

Nicht zuletzt, um tiefe Einsicht in die aktuelle Kunst zu gewinnen. Von Neo Rauch zum Beispiel kaufte Burda nicht etwa eins der späten, illustrativen Historienbilder, für die der Leipziger bekannt wurde, sondern eine frühe bronzefarbene Abstraktion.

In Berlin-Mitte eröffnete seine Tochter 2016 eine Dependance

Ein Wechsel der Generationen kündigte sich bereits 2016 in Burdas Sammlung an: Da betraute er seine Stieftochter Patricia Kamp mit konzeptionellen Aufgaben. Kamp eröffnete im selben Jahr den Salon Frieder Burda als Berliner Dependance und erreicht hier ein Publikum jenseits von Baden-Baden. Auch Burda selbst kam, wann immer es ihm möglich war, zur Eröffnung der Ausstellungen.
Als Pionier, der sich immer auch für das Neue interessierte, sah er klar, dass jede Ära ihr eigenes Verständnis für zeitgenössische Kunst mitbringt. Er vertraue Kamp unbedingt, auch mit Blick auf Ankäufe jüngerer Werke, erklärte Burda damals in einem Interview.

Dass die Sammlung wächst und ihre Qualität bewahrt, war ihm wichtiger als das eigene Sammler-Ego. Das galt ebenso für sein Museum in Baden-Baden und trieb Burda an, „der seine Liebe und Begeisterung für die Kunst immer mit besonders vielen Menschen teilen wollte“, wie es in einer Erklärung des Hauses zum Tod seines Gründers heißt. Für die Mitarbeiter sei er ein „Vorbild an Bescheidenheit und Menschlichkeit“ gewesen.

Kunst war Burdas Herzensangelegenheit

Privat habe er Familie und Freunde immer wieder neu zusammengeführt. Eine Eigenschaft, die man noch jetzt im Museum spürt, das bei aller Internationalität eine familiäre Atmosphäre ausstrahlt.

Kulturstaatsministerin Monika Grütters bezeichnet das Haus als „Glücksfall – für die zahlreichen kunstinteressierten Besucherinnen und Besucher, für die deutsche Kulturlandschaft und nicht zuletzt für die Künstlerinnen und Künstler, denen Burda in und mit seinem Museum im wahrsten Sinne des Wortes Raum gegeben hat“. Mit Frieder Burda verliere Deutschland einen seiner renommiertesten Kunstsammler und Mäzene, so Grütters.

Mehr als ein Mäzen sei er gewesen, heißt es aus seiner Heimat. „Noch vor einer Woche war Frieder Burda bei uns im Hotel und trank einen Kaffee“, erinnert sich Frank Marrenbach, Direktor im Fünf-Sterne-Hotel Brenners, das nur wenige Meter vom Museum entfernt liegt.

Wenn bei Burda eine Ausstellung eröffnet wurde, logierten die berühmten Künstler gern im Brenners und später, nach den Vernissagen, bei denen Frieder Burda alle Gäste stets sehr persönlich empfing, wurde im Brenners oft noch gespeist. „Kunst war für ihn eine Herzensangelegenheit“, sagt Marrenbach. „Ich habe ihn als sehr zurückhaltenden, bescheidenen und sympathischen Menschen erlebt, der sehr an seiner Heimat hing.“

Ein weißer Solitär im historischen Ambiente

Das Museum Frieder Burda wurde 2004 fertiggestellt.
Das Museum Frieder Burda wurde 2004 fertiggestellt.Foto: Museum Frieder Burda, Baden-Baden

Frieder Burda kam am 29. April 1936 in Gengenbach zur Welt, als Sohn eines Verlegerpaares, das seine Nachkommen wie selbstverständlich in der familiären Tradition sah. Zunächst absolvierte Frieder Burda dann auch eine Drucker- und Verlagslehre, später ließ er sich im Konzern zum Kaufmann ausbilden. Als ab den 60ern dann die Kunst immer wichtiger wurde, übernahm der jüngere Bruder Hubert den Druck- und Verlagsbereich.

Schon früh gab es Überlegungen, wie man die Sammlung für alle zugänglich machen könnte. Dafür gründete Burda 1998 die nach ihm benannte Stiftung. Das vom amerikanischen Stararchitekten Richard Meier erbaute Haus mit seiner weißen Fassade aus pulverbeschichteten Aluminiumplatten wurde mehrfach ausgezeichnet.

Seit 15 Jahren steht es nun in Baden-Baden: ein weißer Solitär im historischen Ambiente, klar und geradlinig, mit absolutem Akzent auf der Kunst. Nach anfänglicher Skepsis haben die Baden-Badener den Bau bald ins Herz geschlossen. Der Multimillionär Burda hat sein Museum, das über eine gläserne Brücke mit der Staatlichen Kunsthalle des Landes Baden-Württemberg verbunden ist, selbst finanziert, den Bau und den laufenden Betrieb.

2015 trennte Burda sich von einem Mark-Rothko-Gemälde, das für über 40 Millionen Dollar versteigert wurde, um die Finanzierung des Hauses auch in Zukunft zu sichern.

Der Blick in die Welt war für Frieder Burda existenziell

Auch der weltberühmte britische Maler David Hockney war im Museum Frieder Burda zu Gast.
Auch der weltberühmte britische Maler David Hockney war im Museum Frieder Burda zu Gast.Foto: Museum Frieder Burda, Baden-Baden

Gerade läuft dort die Ausstellung „Ensemble“, eine Kooperation mit dem Centre Pompidou zum Jubiläum. Der Austausch, die Reise kultureller Highlights von Paris in die Kurstadt dokumentiert nicht bloß das hohe Ansehen des Sammlers, sondern spiegelt auch Biografisches wider: Burda war als einziger Deutscher in der Ankaufskommission des Centre Pompidou vertreten.

Den Blick in die Welt hielt Frieder Burda für existenziell. Er zeigt sich auch in der Wahl seiner Künstler, die sich vielfach mit europäischer Zeitgeschichte vor und nach 1945 beschäftigen. Im Ausstellungskatalog von „Ensemble“ bezeugt der Sammler noch einmal sein ganz persönliches, tiefes Verhältnis zur Malerei und Skulptur: „Die Gegenüberstellung einzelner Werke deutscher und französischer Künstler zeigt, wie sehr die Kunst verbindet, sich über Grenzen hinweg positiv beeinflusst und ergänzt. Das macht mich froh und bestärkt mich im Glauben an das universell Verbindende der Kunst über alle Krisen hinweg.“

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Zuletzt war in Burdas Museum das spektakulär bei einer Auktion zerfetzte Bild „Girl with Balloon“ des Street-Artisten Banksy zu sehen und zog fast 60.000 Besucher an. Von Fontana bis zur Schredderkunst: Mit drei Schlitzen fing es an, und mit der nächsten Generation geht es weiter.

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