Zwei Neuerscheinungen : Bertolt Brechts Berlin neu entdeckt

Der literarische Stadtführer Michael Bienert wandert "Mit Brecht durch Berlin" und Biograf Stephen Parker folgt den Spuren des Klassikers.

Männerfreunde. Bert Brecht (stehend) posiert 1927 für das Magazin „Uhu“ in seiner Atelierwohnung im später kriegszerstörten Haus Spichernstraße 16. Am Klavier der Boxer Paul Samson-Körner, rechts Elisabeth Hauptmann, Brechts Co-Autorin.
Männerfreunde. Bert Brecht (stehend) posiert 1927 für das Magazin „Uhu“ in seiner Atelierwohnung im später kriegszerstörten Haus...Foto: picture alliance / ullstein bild

„Nicht einmal Theodor Fontane hat so viele Spuren in Berlin hinterlassen wie Brecht.“ Das sagt der literarische Stadtführer Michael Bienert zur Vorstellung seines Buchs über „Brechts Berlin“ im ehemaligen Wohn- und Arbeitszimmer des Meisters im Brecht-Haus an der Chausseestraße 125. Ein Satz, der zugleich überrascht und trifft, weil das teilrunde Jubiläumsjahr zu Bert Brechts 120. Geburtstag nun zu Ende geht und 2019 der große Fontane-Aufschlag erfolgen soll: anlässlich des 200. Geburtstags des berlinisch-brandenburgischen Theaterkritikers und Romanciers, der 1898, in Brechts Geburtsjahr, gestorben ist.

Der Augsburger Brecht hatte freilich seinen sehr süddeutschen Akzent nie verleugnen können und sich noch bei späten Auseinandersetzungen mit DDR-Parteikadern gelegentlich als eigensinniger „Bayer“ bezeichnet. Ihn hätte man im Vergleich zu Fontane nicht so Berlin prägend vermutet. Brechts Leben war auch durch die Odyssee des Exils gezeichnet, von Dänemark bis Kalifornien und nach 1945 zunächst in die Schweiz. Umso mehr besticht jetzt die akribische Spurensuche und -findung in Bienerts neuem Buch.

Der junge Brecht in Berlin

Schon zu Brechts Hundertstem 1998 hatte der heute 55-jährige Literaturwissenschaftler und Kulturjournalist das längst vergriffene Insel-Taschenbuch „Mit Brecht durch Berlin“ verfasst. Der erheblich vergrößerte Band mit zahlreichen weiteren Text- und Bild-Trouvaillen ist nun im Verlag für Berlin-Brandenburg (200 Seiten, 195 Abb., 25 Euro) der vierte Bienert-Titel – nach seinen ähnlich eindrucksvollen, zum Hinterherspüren anregenden Berlin-Reisen mit E. Th. Hoffmann, Erich Kästner und Alfred Döblin.

Gleich die erste Berlin-Visite des jungen Brecht beschert einen markanten Auftakt. B. B. ist gerade 22 geworden, hat seinen wilden, expressiv aufschneiderischen „Baal“ sowie die „Trommeln in der Nacht“ geschrieben und mit der minderjährigen Geliebten Paula „Bi“ Bannholzer einen Sohn gezeugt, als er im Februar 1920 in Augsburg den D-Zug nach Berlin besteigt. Wobei sein Freund Caspar Neher, der Bühnenbildner, eigens nur von München bis Augsburg gefahren war, um dem hypochondrisch nervösen Brecht damit einen angewärmten Sitzplatz frei zu halten. Brecht soll vor Aufregung seinen Abschiedskuss für Bi vergessen haben.

Dafür nutzte er die zwölfstündige Zugfahrt nach Berlin, um die erste Fassung seines berühmten Gedichts „Erinnerung an die Marie A.“ zu schreiben, das Poem über die Liebschaft mit einem jungen Mädchen unterm Pflaumenbaum und der Wolke im Himmel über ihnen, die so „ungeheuer oben“ und dann gar nicht mehr war. Im Zug gen Berlin war die Urfassung noch „Sentimentales Lied No. 1004“ überschrieben. Brecht gab sich so eine Nummer mehr als Mozarts Don Giovanni in der alle einschlägigen Dates zählenden „Registerarie“ des Dieners Leporello.

Zu freundliches Berlin

Das erste Kapitel bei Bienert heißt „Von A. nach B.“ und gründet auf einem Nachlassfund, der erst 2004 ins Berliner Brecht-Archiv gelangte. Es ist das im Buch abgebildete Typoskript einer Brecht’schen Keuner-Geschichte, die damit beginnt: „Herr Keuner zog die Stadt Berlin der Stadt Augsburg vor.“ In Augsburg, sagt Keuner, liebe man ihn, in Berlin aber „war man zu mir freundlich“; in Augsburg „fand man, dass ich gut sprach, aber in der Stadt Berlin verstand man, was ich sagte“. In Augsburg „bat man mich an den Tisch“, doch in Berlin „bat man mich in die Küche“.

Die ersten „Geschichten vom Herrn Keuner“ veröffentlichte Brecht 1930, da lebte er längst in Berlin. Aber das zitierte Stück „Zwei Städte“ erschien erst 1948, und Brecht hatte im hier präsentierten Typoskript handschriftlich die Städtenamen gestrichen und machte „A.“ und „B“. daraus. So sollte die kleine Parabel universeller wirken. Im selben Jahr, als Brecht nach der Rückkehr aus dem amerikanischen Exil mit Helene Weigel überwiegend in Zürich lebte und die Gründung des Berliner Ensembles 1949 noch bevorstand, notierte B. B. freilich in einem Brief: „Ich freue mich auf die Tätigkeit in Berlin, das für uns natürlich der Nabel der Welt bleibt.“ Drei Jahre nach dem Krieg und der Zerstörung und begonnenen Teilung der Stadt ein erstaunlicher Satz.

Brecht war kein großer Fußgänger

1920 wohnte Brecht während des ersten Berlin-Besuchs drei Wochen bei einem befreundeten Journalisten – in der Kudamm-nahen Eislebener Straße 13, in einem der wenigen heute noch äußerlich erhaltenen Brecht-Quartiere aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. An Freund Neher meldet er aus der Viermillionenmetropole: „Alles ist schrecklich überfüllt von Geschmacklosigkeiten, aber in was für einem Format“! Und auf einer im Buch abgebildeten Postkarte schreibt der junge B. B.: „... der Schwindel Berlin unterscheidet sich von allen andern Schwindeln durch seine schamlose Großartigkeit. Die Theater sind wundervoll. Sie gebären mit hinreißender Verve kleine Blasensteine.“ Worauf er hinzufügt: „Ich liebe Berlin, aber m. b. H.“

Die beschränkte Haftung galt auch künftig für fast alle persönlichen und politischen Brecht-Lieben. Machen wir daher einen großen Sprung über die bild- und textreich dokumentierten Jahre, Schauplätze, Wohnungen während Brechts Zeit als beginnender Großdramatiker im babylonischen Berlin der 1920er und Anfangs-30er Jahre. Den „genauesten Ausdruck“ jenes Berlins erkannte der junge Elias Canetti sogar bei der eigentlich in London spielenden „Dreigroschenoper“ – Canetti saß in der Premiere der Uraufführung 1928 am Schiffbauer Damm.

Brecht war kein großer Fußgänger, keiner der klassischen Berlin-Flaneure wie etwa sein Freund Walter Benjamin. Brecht liebte schnelle Autos, möglichst schon mit Zigarrenanzünder. Mit ihnen durchstreifte er die Stadt. Später, nach dem Exil, als er mit seiner Frau Helene Weigel ab 1949 sein Berliner Ensemble (erst im Deutschen Theater, dann im heutigen Haus am Schiffbauer Damm) entwickelte, nahm Brecht auch lebhaft Anteil am Neuaufbau Ost-Berlins. Bienerts Buch macht auf dieses sonst – außerhalb einiger Gedichtmotive („Was sind schon Städte, gebaut / Ohne die Weisheit des Volkes?“) – kaum beachtete Interesse für Architektur und Stadtentwicklung besonders aufmerksam.

Das schönste Berlin-Feuilleton

Dabei spielte Brechts Freundschaft mit Herbert Henselmann, dem Gestalter des Strausberger Platzes und der Weberwiese an der einstigen Stalinallee, eine Rolle. Brecht, der auch als Sozialist zeitlebens lieber in bürgerlichen Altbauten lebte und der Arbeiterklasse ähnlichen Wohnkomfort wünschte, mochte weder den stalinistischen Neoklassizismus noch eine kalte Post-Bauhaus-Funktionsarchitektur. „Die Kästen an der Stalinallee sind unmöglich“, faucht er 1951.

Vier Jahre später notiert Brecht, als hätte er zugleich schon die heutige Berliner Nachwende-Block-Rasterarchitektur vor Augen: „Wo bleiben die Höfe, die krummen Straßen, die Überschneidungen der Gebäude, wo bleibt der Kontrast, die Überraschung der sich plötzlich öffnenden Sicht ...? Wir lassen unsere Kinder in der Geometrie aufwachsen, in Einheitsstallungen.“ Ebenso hellsichtig und aktuell wirkt eine Bemerkung Brechts: Gut sei am unaufhaltsam fortschreitenden Sozialismus, dass man seine Bauten „in fünfzig Jahren wieder abreißen und von vorne anfangen“ könne.

Michael Bienert liefert so das schönste Brecht-Berlin-Feuilleton. Wer den ganzen Brecht, über das Jubiläum hinaus, nun umfassender möchte, der greife zu Stephen Parkers „Brecht“, der neuen und bislang dicksten Brecht-Biografie (Suhrkamp Verlag, 1030 Seiten, 58 Euro).

Brecht ohne Verfremdungseffekt

Der britische Germanist Stephen Parker erzählt Brechts Leben in angelsächsisch leichtem Stil sehr einlässlich, materialreich und in ideologischen oder gar moralischen Fragen um viel Objektivität bemüht. Das Problem ist trotzdem und bei einer so umfänglichen Einlassung auf das Objekt der Begierde und Zuneigung fast unvermeidlich: ein gewisser Mangel an Distanz. Oder umgekehrt: das Fehlen einer kritisch übergreifenden, eingreifenden Perspektive von außerhalb, von jenseits der nur brechtianischen Welt. Man könnte auch sagen, es mangelt am produktiven „fremden“ Blick. Parker sieht ausgerechnet Brecht ganz ohne jeden Verfremdungseffekt.

So zerfällt Brechts zentrales politisch- poetisches Dilemma – die Haltung zu Stalin und den Verbrechen im Namen des von Brecht ab den 1930er Jahren erhofften Kommunismus – in eine chronologische Nacherzählung von Vorfällen, Wendungen, Windungen. Was Brechts Existenz nach eigener Aussage „verfremdete“, gewinnt bei Parker seine tragische Fallhöhe allenfalls in vereinzelten Bemerkungen. Und: Es gibt keine nach heute führende ästhetische Debatte. Brechts Nachwirkungen, das Verblassen vieler Stücke, die Stärken der Lyrik, das bleibt fast ohne Bewertung, ohne eigenen Blick. Hier weniger Demut und mehr Mut hätte dieses große Buch erst grandios gemacht.

Am Mittwoch eröffnet im Brecht-Weigel-Museum an der Chausseestraße 125 der jetzt neu gestaltete Eingangsbereich mit Leuchtkästen, Fotos und Schautafeln.

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