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Nach Netanjahu-Karikatur : "Süddeutsche Zeitung" trennt sich von Dieter Hanitzsch

Eine als antisemitisch kritisierte Netanjahu-Karikatur führt dazu, dass die "SZ" die Zusammenarbeit mit ihrem langjährigen Zeichner beendet. Nicht alle teilen die Vorwürfe.

Der Karikaturist Dieter Hanitzsch.
Der Karikaturist Dieter Hanitzsch.Foto: Matthias Balk/dpa

Nach der Antisemitismus-Kritik an einer Karikatur von Dieter Hanitzsch hat sich die „Süddeutsche Zeitung“ („SZ“) von ihrem langjährigen Zeichner getrennt. „Grund hierfür sind unüberbrückbare Differenzen zwischen Herrn Hanitzsch und der Chefredaktion darüber, was antisemitische Klischees in einer Karikatur sind“, teilte die „SZ“-Chefredaktion am Donnerstag mit. „Dies hat sich nicht nur in der veröffentlichten Karikatur selbst, sondern auch in Gesprächen mit Herrn Hanitzsch gezeigt.“

Die „SZ“ werde ihre redaktionsinternen Abläufe bei der Veröffentlichung von Karikaturen überprüfen und gegebenenfalls verändern. Zuerst hat die „Neue Zürcher Zeitung“ darüber berichtet. Hanitzsch wollte sich am Donnerstag auf Anfrage der Deutschen Presse-Agentur nicht äußern. Dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) sagte der 85-Jährige: „Ich bereue die Karikatur nicht.“ Es tue ihm aber leid, wenn sich jemand verletzt fühle.

Umstritten. Dieter Hanitzsch steht weiter zu seiner der Karikatur, die am Dienstag auf der Meinungsseite der „Süddeutschen“ erschienen ist.
Umstritten. Dieter Hanitzsch steht weiter zu seiner der Karikatur, die am Dienstag auf der Meinungsseite der „Süddeutschen“...Foto: Ausriss aus der „SZ“ vom 15. Mai 2018

Er werde versuchen, die Karikatur zu erklären und seinen Standpunkt darzustellen. „Ich fühle mich aber nicht schuldig“, sagte Hanitzsch dem RND. Vergleiche mit dem NS-Propagandablatt "Stürmer" seien eine "üble Verleumdung" und ein "unsäglicher, unglaublicher Vorwurf". Er sei kein Antisemit.

Die „SZ“ hatte in der Dienstagausgabe eine Karikatur gedruckt, die Israels Premierminister Benjamin Netanjahu in Gestalt der israelischen Eurovision-Song-Contest-Siegerin Netta mit einer Sprechblase „Nächstes Jahr in Jerusalem!“ und einer Rakete in der Hand zeigt. Auf der Rakete ist ein Davidstern abgebildet, im Schriftzug „Eurovision Song Contest“ ersetzt ein Davidstern das „v“. Der Davidstern steht als Symbol für das Volk Israel und das Judentum.

Die Darstellung war vielfach als antisemitisch kritisiert worden. „SZ“-Chefredakteur Wolfgang Krach hatte sich daraufhin am Dienstag in einer öffentlichen Stellungnahme für die Zeichnung entschuldigt.

Der Antisemitismusforscher Samuel Salzborn hat die Netanjahu-Karikatur kritisiert. „Besagte Karikatur ist israelfeindlich und antisemitisch, aus einer Reihe von Gründen“, sagte der Gastprofessor an der Technischen Universität Berlin dem Evangelischen Pressedienst (epd). Die gesamte Bildinszenierung verballhorne den israelischen Ministerpräsidenten und zeige ihn physiognomisch derart überzeichnet, dass er als „extrem aggressiv und zugleich als effeminiert und damit als abwertend-verweiblicht“ erscheine. Dies sei „ein zentrales antisemitisches Motiv, indem Juden zugleich extreme Macht und Machtlosigkeit unterstellt wird“.

Indem die Karikatur Netanjahu mit einer Rakete in der Hand zeigt, transportiere sie mit Blick auf die aktuellen Gefechte an der Grenze zu Gaza falsche Annahmen, kritisierte Salzborn: „Völlig ausgeblendet bleibt dabei, dass Israel sich aktuell gegen terroristische Angriffe wehrt, also nicht der Aggressor ist.“ Bei der Formulierung „Nächstes Jahr in Jerusalem“ handelt es sich nach Worten des Politikwissenschaftlers um einen Ausspruch aus der Zeit der Diaspora, der hoffnungsfroh gemeint sei. Durch die Rakete werde er jedoch in Aggression umgedeutet.

Zugleich mache die Karikatur alle Juden zur Zielscheibe von Anfeindungen, hob Salzborn hervor. Indem die Abbildung den Davidstern an zwei Stellen zeigt, bilde sie Aggressionen ab, die sich gegen das Judentum in seiner Gesamtheit richten, betonte Salzborn. Der Politikwissenschaftler beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit Antisemitismus und Rechtsextremismus.

Auch der neue bayerische Antisemitismusbeauftragte Ludwig Spaenle (CSU) findet die Karikatur „erschreckend“. Er sagte: „Bei aller künstlerischer Freiheit - die Karikatur ist absolut grenzwertig.“ Sie verwende negative Stereotype für Juden und bediene Vorurteile übelster Sorte.

Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, präsentiert auf Facebook einen Brief an die Chefredaktion der "SZ" und schreibt dazu:  "Kann sich die ,Süddeutsche Zeitung' als Leitmedium das leisten? Das habe ich auch ihre Chefredaktion gefragt."

Knobloch begrüßt nun die Entscheidung der "SZ": „Das war unausweichlich. Die Redaktion darf so einen Exzess nicht dulden. Diese Karikatur ist nicht zweideutig, sie ist eindeutig auf den ersten Blick antisemitisch. Sie bedient sich der klassischen judenfeindlichen Stereotypisierung und suggestiven Muster, die sich im nationalsozialistischen ‚Stürmer‘ und seit Jahrhunderten in antisemitischen Zeichnungen finden. Die Karikatur macht aus einem harmlosen fröhlichen Ereignis eine jüdische Kriegserklärung. Eine Rakete mit Davidstern lässt keinen Interpretationsspielraum.“

"Ob Entlassung oder nicht, es musste eine spürbare Folge kommen", sagt auch Historiker Michael Wolffsohn dem Tagesspiegel. "Ohne Konsequenzen ist jedes Wort sinnlos. Jene Karikatur weckt eindeutig die Verbindung zum ,Stürmer', was Dieter Hanitzsch offenbar nicht einmal erkennt. Ein Zeichner, der nicht sieht und weiß."

Der langjährige Leiter des Zentrums für Antisemitismusforschung Wolfgang Benz hält die Kritik an der Karikatur in der "SZ" hingegen für ungerechtfertigt. Die Zeichnung sei unfreundlich für Israels Ministerpräsidenten, aber nicht judenfeindlich, sagte Benz im Deutschlandfunk. "Ist das identisch mit Antisemitismus? Ist das identisch mit judenfeindlich? Ist das, wie die ,Bild'-Zeitung vermutet, mit Nazi-Juden-Feindschaft? Ich glaube, da muss man doch sehr stark differenzieren." Das sehe er wirklich nicht: "den verstärken und wuchtigen und massiven angeblichen neuen Antisemitismus, der derzeit durch die Medien geistert."

Wie lässt sich der israelische Ministerpräsident in einer Karikatur darstellen?

Kein leichtes Arbeitsumfeld jedenfalls für Karikaturisten, in der zurzeit ohnehin besonders aufgeladenen Debatte über Israel, über den Status von Jerusalem, über Gaza, über Netanjahu etc. Da gehen Zeichnungen/Stereotypen über andere Personen, Themen und Länder (deutsche Krautesser, französische Gecken , Barack Obama mit dicken Lippen oder eben Donald Trump als Ente) vielleicht schneller von der Hand.

Wie lässt sich der israelische Ministerpräsident in einer Karikatur überhaupt darstellen? „Kollege Hanitzsch hat hier kein antijüdisches Stereotyp benutzt, er würde das niemals tun, ich kenne ihn“, sagt Tagesspiegel-Karikaturist Klaus Stuttmann. „Er hat Netanjahu allerdings nicht wirklich treffend karikiert, wodurch diese Interpretationen leider erst möglich wurden.“ Für Stuttmann als Karikaturisten sei das Thema israelische Politik/Netanjahu kaum noch behandelbar. „Das rühre ich zur Zeit nicht an. Egal, was ich dazu zeichne, ich kriege einen Shitstorm, mit den Vorwürfen des offenen oder versteckten Antisemitismus.“

Und was macht jetzt Dieter Hanitzsch? Das Zerwürfnis zwischen der „Süddeutschen Zeitung“ und dem Karikaturisten hat für diesen offenbar keine weiteren Konsequenzen. Hanitzsch gehört auch zum Moderatorenteam des „Sonntags-Stammtisch“ im Bayerischen Fernsehen. Dessen Redaktion sagte dem Tagesspiegel auf Anfrage: „Die Entscheidung der ,SZ’, sich von Dieter Hanitzsch zu trennen, ist eine Angelegenheit der ,Süddeutschen Zeitung’ und betrifft eine ganz bestimmte Karikatur, die in der ,SZ’ erschienen ist.“ Mit der Sendung „Sonntags-Stammtisch“ im BR Fernsehen habe das nichts zu tun, „deshalb sehen wir auch keine Veranlassung, auf die Entscheidung der ,SZ’ zu reagieren“. (mit dpa, epd, AFP)

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