Netflix-Doku "November 13" : Wahnsinn der Worte nach dem Terror von Paris

In einer dreiteiligen Netflix-Dokumentation sprechen Überlebende vom Terroranschlag in Paris vor gut zwei Jahren.

Jan Freitag
Dokumentaristen des Terrors: Jules und Gédéon Naudet.
Dokumentaristen des Terrors: Jules und Gédéon Naudet.Foto: Adrien Lachapelle/Netflix

Im Endstadium des Anthropozäns, wie das Erdzeitalter des Homo Sapiens gern genannt wird, herrscht trotz unablässiger Datenströme seltsames Schweigen vor. Wir alle sind zwar permanent am Kommunizieren, nur eben kaum noch Auge in Auge, ohne Pics und Bits und Emojis. Wenn uns plötzlich wildfremde Menschen ins Gesicht blicken, wenn sie dabei frei von visuellem Beiwerk berichten, was die Algorithmen ihrer Smartphones sonst verbergen, wenn jemand also selbst, getrennt durch den Bildschirm, spricht, als säße er im selben Raum wie wir: Dann bringt das den Lärm ringsum für einen Moment zum Verstummen.

Marie zum Beispiel sitzt im Foyer eines leeren Konzertsaals und schildert mit ernster Miene, wie es vor zweieinhalb Jahren war, als der islamistische Terror alles anders machte in Paris, in Europa, der Welt. „Wir haben uns geküsst“, erinnert sich die junge Frau an einen Moment liebevoller Nähe zu ihrem Freund inmitten des Chaos, „geküsst wie lange nicht mehr“. So vertraulich klingt es oft, wenn Menschen wie Marie beschreiben, was sie am 13. November 2015 erlebt haben. Gut zwei Dutzend Überlebende, Ersthelfer, politische Entscheidungsträger haben Jules und Gédéon Naudet für ihre Dokumentation vor die Kamera gekriegt. Und die Art, wie sie die fünf zeitgleichen Angriffe mit 130 Toten erlebbar machen, adelt den Dreiteiler zum eindrucksvollen Zeugnis dieses Ereignisses.

Chronologisch, nicht schematisch arbeiten sich die zwei Filmemacher dabei vom Stade de France, wo zwei Bombendetonationen das Länderspiel gegen Deutschland erschüttern, über drei Bistros, deren Besucher förmlich exekutiert wurden, zum Musikclub Bataclan vor, wo es zu einem Blutbad mit 90 Toten kommt. Und an jeden dieser Tatorte hat das Brüderpaar die Protagonisten von einst eingeladen, um ihre Erinnerungen mit uns, dem Publikum, zu teilen. Doch statt die Statements der Betroffenen bloß zur Dekoration imposanter Archivaufnahmen zu nutzen, dürfen sie reden. Einfach so. Eine nach dem anderen. Ohne zugehörige Fragen, ohne viel Musik, ohne Effekthascherei und dramaturgischen Ballast.

Oral History in Reinform

Wie schon mit ihrer weltweit gelobten Aufbereitung der Terroranschläge von „9/11“ liefern Jules und Gédéon Naudet in „November 13“ demnach Oral History in Reinform, unterbrochen nur vom Nötigsten an Archivaufnahmen, um das Erzählschema sachlich zu unterfüttern. Und genau diese Reduktion führt zu einer Intensität, der man sich unmöglich entziehen kann. Ein Ordner erzählt vom „nervösen Mann mit Kindergesicht“, der partout ohne Karte ins Stadion wollte. Der Café-Gast Barouyi wollte im Kugelhagel „unbedingt an etwas denken, aber da war nur Schwärze“. Und David, der seinem Vater von jedem Rockkonzert ein Filmchen schickt, bekam nun seinerseits eine SMS, bitte auf sich aufzupassen, da das Stadion Ziel eines Terroranschlags sei.

Der allerdings ereignet sich da längst im Bataclan, wo die Attacke zur Apokalypse anschwoll. Interessanterweise aber garnieren die Naudets auch dieses Ereignis nur mit ein paar Aufnahmen vom Seiteneingang, wo Anwohner Flüchtende filmten. So wird das bisher katastrophalste Selbstmordattentat des Islamischen Staates im Okzident ausgerechnet im lückenlos gefilmten Zeitalter der Generation Smartphone kurz zur bildfreien Zone. Im dritten Teil der Dokumentation erzählen die Geiseln des Bataclan zwar mit erstaunlicher Leichtigkeit über peinliche Bildschirmschoner und nutzlose Handys. Was es im medialen Alltag jedoch bis in die „Tagesschau“ schafft, gönnt sich hier fast drei Stunden schwarze Touchscreens.

Den Brüdern Jaunet geht es ersichtlich um Menschen, die hier weder Helden noch Traumatisierte, sondern schlichte Personen am falschen Ort zur falschen Zeit sein dürfen. Das macht diesen Dreiteiler zum Aufregendsten, was ohne Actionbilder denkbar ist. Jan Freitag

„November 13: Angriff auf Paris“, Netflix, drei Teile, ab Freitag

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