Neuer Impro-"Tatort" : "Fargo" im Schwarzwald

Wenn „Tatort“-Experimente so aussehen wie dieses mit Lena Odenthal und ihrem Team, dann bitte mehr davon. Wieder einmal wird improvisiert - aber wie!

Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und ihr Team wollten sich eigentlich mal entspannen. Doch im Hotel wartet der nächste Mordfall.
Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und ihr Team wollten sich eigentlich mal entspannen. Doch im Hotel wartet der nächste Mordfall.Foto: SWR/Martin Furch

Ein Coaching-Wochenende also. Man hatte sich ja gefragt, wie „Tatort“-Kommissarin Lena Odenthal den Verlust ihres langjährigen Kollegen Kopper verschmerzen würde (zudem der ja wohl nicht ganz freiwillig aus der Serie gegangen ist). Eine Team-Building-Maßnahme im winterlichen Schwarzwald soll es richten. Dabei gibt’s bald, versteht sich, einen weiteren Mordfall, vor allem aber – ein weiteres „Tatort“-Experiment. Das Drehbuch zu „Waldlust“ von Sönke Andresen gibt keinen Dialog vor. Und wie beim experimentellen Vorgänger „Babbeldasch“ hat Regisseur Axel Ranisch den Schauspielern nicht verraten, wer der Täter ist.

Vorab: Dafür müsste man Ranisch und dem Südwestrundfunk einen Orden geben. Bei aller Kritik zuletzt an Überdrehtem (Berlinale-„Tatort“) oder Paranormalem (Hessen-„Tatort“) in Deutschlands Vorzeigeformat – dieser von der ersten bis zur letzten Minute spannende Krimi gibt einem den Glauben an den „Tatort“ und seine Möglichkeiten zurück. Und den an Axel Ranisch, der mit dem in Dialekt und Laiendarstellern gehaltenen Impro-Krimi „Babbeldasch“ vor einem Jahr die Nerven der Zuschauer strapazierte und damit die Debatte über zu viele Experimente in der ARD-Reihe erst auslöste.

Experimente seien ja okay, sagte Volker Herres, Programmdirektor des Ersten, damals, „solange es nicht in einen Wettlauf der Redaktionen mündet, wer den abgedrehtesten Film produziert“. Später wurde bekannt, dass ARD-intern über eine Beschränkung von Experimenten beim „Tatort“ auf zwei pro Jahr nachgedacht wird, wobei unklar bleibt, was eigentlich als Experiment gilt und was nicht, beziehungsweise wer das wann und wie einschätzt oder zählt.

Liebe ARD, lasst diese Beschränkung und Einschätzungen einfach sein. Axel Ranisch ist das eh egal. Er hat mit der Odenthal wieder einen Impro-Krimi gemacht. Er sagt: „Wenn wir nichts mehr wagen und uns in vorauseilendem Gehorsam selbst beschneiden, nur um nicht anzuecken, dann können wir das Filmemachen sein lassen.“

Die Schauspieler sind vom Allerfeinsten

Diesmal beschränkt sich das Improvisieren allerdings auf die fehlenden vorgegebenen Dialoge im Buch. Die Schauspieler sind keine Laien, sondern vom Allerfeinsten: neben Jürgen Maurer und Christina Große als seltsames lokales Polizisten-Ehepaar noch Heiko Pinkowski und Eva Bay als düster-verschworene Hoteliers. Onkel und Nichte Lorenz bescheren der Mordkommission rund um Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und Johanna Stern (Lisa Bitter) samt Psycho-Coach (Peter Trabner) ein gruseliges, blutiges Wochenende.

Dabei wollten die sich im Schwarzwälder „Lorenzhof“ nach dem Abgang von Kopper eigentlich erst mal selber finden. Nun heißt es wieder: ermitteln. Es drängen sich Fragen auf zu einem Jahre zurück liegenden Mordfall in der Hotel-Familie, zu einem Indizienprozess ohne gefundene Leiche, einer tragischen Familiengeschichte. Ein weiterer Mord geschieht.

Was für eine synästhetische, kluge, fast perfekte Inszenierung

Von wegen abgedrehte Experimente. Was für eine synästhetische, kluge, fast perfekte Inszenierung. Eine bewegte Kamera (Stefan Sommer), mal nahe dran, Spannung aus den Gesichtern saugend, dann in Totale, Vogelperspektive auf den eingeschneiten Schwarzwald mit diesem kleinen, dunklen Hotel mittendrin. Klaustrophobie und Weite. Dazu ständiges Rascheln und Knacken auf der Tonspur. Und, Ranisch lässt es krachen, eine viersätzige „Tatort“-Symphonie für großes Orchester, die schon die Dreharbeiten begleitete und von der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz eingespielt wurde. Das kann alles, schön dick aufgetragen, auch nach hinten losgehen. Hier passt es, bis zum bitteren Ende, bis zum, zugegeben, nicht mehr sehr überraschenden Shoot-Down.

Ganz zu schweigen von der erfreulich kunstlosen Sprache. So authentisch-lebendig hat man Kommissarin Lena Odenthal & Co. in fast 30 Jahren Ludwigshafen noch nicht gehört. Wo die Sätze beim fertigen Drehbuch mit Dialog oft wie künstlich gemeißelt klingen, lassen die Schauspieler – Improvisation sei dank – natürliche Pausen. Das tut dem Krimigenuss gut, es wirkt wie aus einem Guss. Ein bisschen Hercule Poirot, ein bisschen „Fargo“, die US-Serie, viel Blut und auch makabrer Humor im Schnee. Das ist nicht das Schlechteste, woran man bei einem deutschen Krimi denken kann. Schade, dass das Mario Kopper nicht mehr miterlebt.

„Tatort – Waldlust“, ARD, Sonntag, 20 Uhr 15

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