Frankreich : Die neuen Töne des Monsieur Macron

Der französische Präsident gibt sich im Interview am Nationalfeiertag selbstkritisch und nahbar. Versuch einer Wiederannäherung. Ein Kommentar.

Emmanuel Macron im Fernsehinterview am Nationalfeiertag.
Emmanuel Macron im Fernsehinterview am Nationalfeiertag.Foto:Ludovic Marin/AFP

Warum der französische Präsident Emmanuel Macron so lange keine Interviews gab und stattdessen lieber feierliche Ansprachen an die Nation hielt, ist unverständlich. Im Fernseh-Interview nach der abgespeckten Militärparade am Nationalfeiertag 14. Juli, befragt von zwei Journalisten, kommt der 42-Jährige ziemlich authentisch und nahbar rüber.

Das liegt natürlich nicht nur am Format: Macron hatte sich im Rückblick auf die ersten drei Regierungsjahre und angesichts der vehementen Kritik von vielen Seiten Bescheidenheit und das Eingeständnis von Fehlern vorgenommen, was für einen selbst ernannten Kriegsherrn im Kampf gegen Corona in den letzten Ansprachen wohl nicht standesgemäß gewesen wäre.

Entsprechend wurde das im Elysée-Palast geführte Interview nicht vor goldenem Pomp inszeniert, sondern man saß an schlichten weißen Büromöbeln vor fast weißer Wand.

Vague Selbstkritik - immerhin

Ja, er habe wohl manchmal seinen Umbau Frankreichs schlecht kommuniziert, obwohl er genau das getan habe, was er angekündigt hatte. Ja, der soziale Dialog sei nicht ausreichend gewesen. Ja, Frankreich habe nicht das Vertrauen in sich selbst wiedergefunden, wie er es sich erhofft hatte.

Das klingt nach dem berühmten „Je vous ai compris“ (Ich habe Euch verstanden) des von Macron verehrten Charles de Gaulle, mit dem dieser 1958 in seiner Rede in Algier die Hoffnung auf ein weiterhin französisches Algerien entfachte – um schließlich Algerien doch aufzugeben.

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Der Schwerpunkt in den kommenden sechs Monaten soll auf der Sicherung und Schaffung von Arbeitsplätzen, gerade für die Jugend, liegen – aber die verhasste Rentenreform ist nicht vom Tisch.

Ein einheitliches Rentensystem sei nötig und gerechter für nachfolgende Generationen. Nur keine Priorität für den Herbst – auch ein kleines Zugeständnis. Aber nur ein kleines. Ein neuer Weg, aber das Ziel bleibt, so der Präsident. Ausführlich erklärte Macron noch mal den Nutzen der Maske im Kampf gegen Corona und warum das Tragen in geschlossenen öffentlichen Räumen bald Gesetz werden soll.

Macron hat die Hand ausgestreckt

Das Interview zum Nationalfeiertag war ein Versuch der Wiederannäherung des Präsidenten an sein Volk. Er hat die Hand ausgestreckt, sich erklärt, Fehler eingestanden, seine Ideen und seinen umstrittenen neuen Innenminister verteidigt, den Franzosen gesagt, dass die Regierung allein nicht alles richten könne.

Um sich am Ende doch noch ein klein wenig in den Mantel der Geschichte zu hüllen und an den Wiederaufstieg Frankreichs nach dem Zweiten Weltkrieg zu erinnern – als Ermutigung an das verunsicherte Land, aus der Corona-Pandemie und ihren wirtschaftlichen Folgen gestärkt hervorzugehen.