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Deutschlands Senioren sind schon sehr engagiert - im Ehrenamt und in der Betreuung ihrer Enkel. Doch es gibt noch Potenzial.
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Kontrapunkt: Kinderbetreuung: Senioren an die Front

Die Älteren werden immer mehr, Kinder immer rarer. Deshalb können wir es uns nicht mehr leisten, unsere fitten Senioren früh ins kollektive Tomatenzüchten zu entlassen. Rüstige Rentner müssen ran, am besten in der Kinderbetreuung.

Von Anna Sauerbrey

Ein sonniger Werktagnachmittag in der Regionalbahn von Mainz nach Saarbrücken. Eine junge Frau versucht vergeblich, am Laptop eine wissenschaftliche Arbeit zu formatieren, während um sie herum eine Ü-60- Party tobt: Ein Damenclübchen schlürft auf dem Rückweg von einer Weinprobe Winzersekt, eine ergraute Wandergruppe raschelt mit Butterbrotpapier und in Bad Kreuznach gibt es lauten Streit im Fahrradabteil, das einfach zu wenig Platz für die vielen Halbelektroräder mit besonders tiefem Einstieg bietet. Willkommen im Land des RRR, des Rüstig Reisenden Rentners.

Szenen wie diese gehen einem durch den Kopf, wenn man durch die über 200 Seiten des achten Familienberichts der Bundesregierung blättert, den Familienministerin Kristina Schröder am Mittwoch vorgestellt hat. Ein Punkt, den die Ministerin aus dem Bericht ableitet, ist besonders interessant, so interessant, dass man ihr ausnahmsweise einmal herzlich gratulieren möchte. Kristina Schröder hat nämlich eine „Großelternzeit“ angekündigt. Älterere Menschen sollen in Zukunft noch leichter beruflich kürzertreten können, um sich für die Betreuung ihrer Enkel zu engagieren.

Die Familienministerin schmiedet damit sinnvolle Politik aus zwei Phänomenen, die als zentrale gesellschaftliche Probleme gelten: Wir haben zu viele Senioren, Tendenz rapide steigend, und zu wenige Kinder, Tendenz ungewiss. Die richtige Schlussfolgerung ist: Wir können es uns nicht mehr leisten, geistig fitte Menschen über 60 in die Frühverrentung oder die Altersteilzeit, kurz, in das kollektive Tomatenzüchten zu entlassen. Wir müssen den RRR dazu bringen, seine überschüssige Energie in unsere Kinder zu investieren statt in das goldene Wanderabzeichen, Kategorie Mittelgebirge.

Damit genug des Lobes, denn Kristina Schröders Vision von der Umverteilung der Betreuungsarbeit bedarf noch einer kleinen Kurskorrektur. Die Ministerin stellt mit der „Großelternzeit“ die Reinstallation der Mehrgenerationenfamilie unter einem Dach in den Mittelpunkt. Diese Lösung ist sicherlich wünschenswert, geht aber an den Realitäten der Arbeitswelt vorbei. Das gilt besonders für hoch qualifizierte Frauen. Die Wissenschaftlerin, die in den USA promoviert, dann in einem Labor in München forscht und anschließend Lehraufträge in Leipzig und Hamburg annimmt, wird kaum ihre Eltern dazu bringen, alle paar Jahre mit umzuziehen. Auch viele Mütter mit mittlerem Karriereweg brauchen eine verlässliche institutionelle Kinderbetreuung. Fast eine halbe Million Frauen würden arbeiten, wenn sie eine passende Nachmittagsversorgung finden würden, so das Institut zur Zukunft der Arbeit. Doch auch hier kommen die Senioren ins Spiel.

Wie kann man die Älteren mobilisieren?

Der Schlüssel zur stärkeren Beteiligung der „Silver-Ager“ ist der Bundesfreiwilligendienst. Das betont der Familienbericht und das hat auch die Ministerin erkannt, wenn sie dem auch noch mehr Stellenwert einräumen könnte. Aus der Perspektive junger Eltern ist das ein Traum: Lebenserfahrene ältere Menschen, die sich in der Hausaufgabenbetreuung an Ganztagsschulen einbringen oder in Kitas aushelfen. Das kann sich auch für die Rentner auszahlen: Sie fühlen sich gebraucht, sind geistig aktiv und untermauern den berechtigten Anspruch, selbst einmal Zuwendung zu erhalten.

Fairerweise muss man sagen: Viele Pensionierte sind bereits in einem hohen Maße aktiv. Die Engagementquote der 60- bis 69-Jährigen lag laut Bundesregierung 2009 bei 37 Prozent. 51 Prozent der Großeltern sind laut Familienministerin bereits in irgendeiner Form in die Betreuung ihrer Enkel eingebunden. Doch über die Möglichkeiten des Freiwilligendienstes, so die Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen, die die Autoren des Familienberichts zitieren, sind die Älteren noch nicht ausreichend informiert. Hier ist noch Potenzial, und dieses Potenzial zu nutzen, wird eine zentrale Aufgabe der Familienpolitik in den kommenden Jahren sein. Dass die Familienministerin beginnt, hier kreativ zu werden, ist eine gute Nachricht. Darauf ein Eierlikörchen.

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