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Hitler besichtigt mit seinen Generälen die eroberte Westerplatte in Danzig.

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Lesermeinung: "Die Welt wird von der Lüge beherrscht"

Am 1. September 1939 begann der Zweite Weltkrieg. Tagesspiegel-Leserin Ingeborg Jacobs berichtet auszugsweise aus den Aufzeichnungen ihres Großvaters über den Kriegsbeginn.

Das Foto von der Westerplatte erinnerte mich daran, dass mein Großvater Johannes Diederichsen aus Angeln, Südschleswig, noch im August 1939, - also unmittelbar vor Kriegsbeginn - während einer Ostseereise die Gelegenheit hatte, die Westerplatte in Polen zu betreten. Aufgrund dieser Erfahrung wusste er von Anfang an, dass der von Hitler propagierte polnische Überfall auf Deutschland eine Lüge war. Dass Polen das aufgerüstete Deutschland angegriffen haben sollte, glaubte er keinen Augenblick. Mein Großvater war ein konservativer, tief religiöser Mensch, gleichzeitig aber ein durch und durch politisch engagierter Mensch, der durch die Erfahrung des Ersten Weltkrieges zum Demokraten und zum Pazifisten geworden war und sich auch während der Weimarer Republik politisch engagierte. 1939 war er bereits 74 Jahre alt. Er hatte während seines Ruhestandes schon England und Italien bereist. Mein Großvater war gerade als Bürgermeister meines Heimatdorfes in Angeln wieder gewählt worden, wurde aber kurz danach aufgrund des Gesetzes zur Wiederherstellung des Berufsbeamtentums durch einen SS-Angehörigen aus dem Dorf ersetzt, da er sich als Pazifist schon durch seine (unveröffentlichten) kritischen Schriften zum Ersten Weltkrieg unbeliebt gemacht hatte. (Im folgenden zitiere ich aus meinem Bericht "De Sack in de Boom" über mein Heimatdorf im Dritten Reich, der 2004 im Husumverlag veröffentlicht wurde.)

Die Aufzeichnungen von Johannes Diederichsen

Auf seiner Ostseereise im Spätsommer 1939 hatte es Johannes gewundert, dass der geplante Besuch in Polen plötzlich ohne Angabe von Gründen abgesagt worden war. Dem Schiff war die Landeerlaubnis verweigert worden, so hieß es. Auch die geplanten Besuche in Estland und Lettland waren abgesagt worden. Nur Riga in Lettland und Danzig mit Zoppot hatten sie gesehen. Mein Großvater hatte außerplanmäßig (wie es seine Art war), wenn auch nur für wenige Minuten, polnischen Boden betreten. Als die anderen Passagiere das mondäne Luxusbad Zoppot bestaunten, hatte Johannes sich mit einigen anderen von der Reisegruppe entfernt und war zur nahe gelegenen Grenze gegangen, die an einem Bach entlang verlief, über den eine Brücke führte.

Mein Großvater schrieb dazu: Ich dachte, na, versuchen wir es mal, und ich fragte den bewaffneten polnischen Grenzposten, ob ich mal hinüberkommen dürfte, was er mir freundlich gestattete. So ging ich über die kurze Holzbrücke und war in Polen. Er sprach etwas Deutsch, sodass sogleich eine kurze Unterhaltung in Gang kam. Es kamen noch einige mehr herüber, aber die meisten wagten es nicht. Mit einem Händedruck habe ich mich von ihm verabschiedet. - Wo mag der liebe, freundliche Pole jetzt wohl sein?

Und Johannes hatte es auch mit eigenen Augen gesehen, wie es um die Wehrhaftigkeit der sogenannten Westerplatte bestellt war. Als die Passagiere mit dem Tender die Weichsel hinaufgefahren waren, da das 9000-Tonnenschiff "Oceana" wegen zu großen Tiefgangs außerhalb von Weichselmünde auf der Reede liegen bleiben musste, hatten sie auch die unmittelbar an den Fluss heranreichende Westerplatte, ein Reservatgebiet, das den Polen durch den Versailler Vertrag zugesprochen worden war, gesehen.

Tiefe Betroffenheit statt Kriegsbegeisterung

Hitler besichtigt mit seinen Generälen die eroberte Westerplatte in Danzig.
Triumph des Bösen: Hitler besichtigt mit seinen Generälen die eroberte Westerplatte in Danzig. Am 1. September 1939 um 4:45 Uhr eröffnete ihr Beschuss den Krieg.

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Sie war mit einer etwa drei Meter hohen Mauer umgeben, schrieb Johannes, die keinen militärischen Schutz bot und wohl nur zu dem Zweck errichtet, den Einblick Neugieriger abzuhalten. Die Besatzung dieser Westerplatte soll ungefähr aus 150 polnischen Soldaten bestanden haben. Nach wenigen Wochen stürmten unsere Schleswig-Holsteinischen Landsleute gegen die schwache Mauer der Westerplatte an, und ein Sohn unserer Kirchengemeinde büßte dort als erstes Opfer sein Leben ein. Noch manch anderes war auf dieser Weichselfahrt zu sehen oder auch nicht zu sehen. Letzteres waren die nicht vorhandenen polnischen Schiffe. Nur an einem einzigen, das abgewrackt wurde, kamen wir vorüber.

Nein, die Polen hatten keinen Krieg gewollt, geschweige denn ihn angezettelt, und seit England und Frankreich in den Krieg eingetreten waren, wusste Johannes, dass es kein Zurück mehr gab und der Albtraum des Weltkrieges überfiel ihn von neuem und raubte ihm den Nachtschlaf. Dass als erster aus dem Dorf bereits sechs Tage vor Kriegsbeginn – am 25.August - sein ältester Sohn (mein Vater) zu einer nicht näher bezeichneten Wehrübung eingezogen wurde, der als 19-jähriger bereits am Ersten Weltkrieg von 1916 bis 1918, zuletzt als Unteroffizier in Russland, teilgenommen hatte, bestätigte Johannes’ Vorahnungen. Dass es aber so weit kommen würde, hätte er nie geglaubt. Obwohl er zunächst mit ungläubigem Staunen, später mit Schrecken und Abscheu wahrgenommen hatte, wie die neuen Machthaber die Bürger innerhalb eines einzigen Jahres ihrer demokratischen Rechte beraubten, hätte er ihnen ein solches Maß an selbstmörderischer Unvernunft nicht zugetraut.

Vor kurzem noch hatte er in der Danziger Marienkirche vor Hans Memlings Bild vom Jüngsten Gericht gestanden, und er hatte es als düsteres Menetekel empfunden, das sich vier Wochen später erfüllte. Dies Bild hatte ihn bewegt und aufgerüttelt, viel mehr als das Kolossalgemälde von Michelangelo, das er wenige Jahre davor in der Sixtinischen Kapelle bewundert hatte, das die Qualen der Verdammten durch die schöne Form ästhetisch überhöhte. Hans Memling, der Bayer, aber zeigte das Leiden der Gequälten, Gedemütigten und Verworfenen mit unerbittlichem Realismus so, wie es jeder einfache Mensch verstand. Das wäre die Apokalypse, davon war Johannes überzeugt.
Ich zitiere einen Passus aus der Beschreibung seiner Ostseereise vom 26.Oktober 1939:
Wie ist es nur innerhalb eines Monats anders geworden. Mächte aus dem Abgrund treiben ihr frevelhaftes Spiel. Die Welt wird von der Lüge beherrscht in einem Ausmaß, das kaum zu überbieten ist und an den Landesgrenzen entlang reitet auf fahlem Pferd der Tod, um seine Ernte einzuheimsen.

In seinen Aufzeichnungen über seine Teilnahme am sogenannten Polenfeldzug bestätigt mein Vater, der am 25.8. 1939 in Flensburg zum Wehrdienst antreten musste, die Erfahrung von Egon Bahr in dem Interview mit dem Tagesspiegel, dass er keinerlei Kriegsbegeisterung auf Seiten der Zivilbevölkerung wahrgenommen habe, sondern nur tiefe Betroffenheit und Angst.

Ingeborg Jacobs

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