Rückgrat der Gesellschaft : Ralph Brinkhaus will das Gute und verrennt sich trotzdem

Der Unionsfraktionschef kämpft für Nackensteakesser und Autofahrer mit Verbrennungsmotor. Der Kampf um mehr Gemeinsinn wäre wichtiger. Ein Kommentar.

Ralph Brinkhaus "schämt" sich nicht dafür, dass Nackensteakesser und Benzinmotorenfahrer die CDU wählen.
Ralph Brinkhaus "schämt" sich nicht dafür, dass Nackensteakesser und Benzinmotorenfahrer die CDU wählen.Foto: imago images / Christian Thiel

Dass sich die CDU nun vom Nackensteak eine identitätsstiftende Wirkung erhofft, ist überraschend, passt aber in die Zeit. Man kann Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus sogar dankbar dafür sein, dass er mit einem Satz, den er in der „Bild am Sonntag“ äußerte, mitten hineinführt in die noch völlig ungeklärte Identitätskrise der Gesellschaft.

Ole von Beust findet das Programm der CDU "80iger"

Wörtlich hatte Brinkhaus gesagt, er „schäme“ sich nicht, Leute zu vertreten, „die mit einem Verbrennungsmotor unterwegs sind, Nackensteak essen und fleißig sind. Diese Leute sind das Rückgrat unserer Gesellschaft.“ Nichts ist falsch an dem Satz. Richtig ist allerdings auch der Satz, Fastfood-Esser oder Veganer sind das Rückgrat dieser Gesellschaft.

Zum Hintergrund muss man wissen, dass Brinkhaus’ Satz auch als eine Replik an den Parteifreund und ehemaligen Hamburger Bürgermeister Ole von Beust gemeint war, der der CDU vorwirft, wenn sie sich der Verbrennermotor-Nackensteak-Klientel verpflichtet fühle, stamme ihre Programmatik aus den 80er Jahren. Womit das als völlig überholt und unmodern gebrandmarkt war.

Solch eine pauschale Abwertung von Nackensteakessern oder Autofahrern führt dazu, dass die sich ausgegrenzt fühlen. Deshalb hat Brinkhaus mit seiner Umarmungsgeste recht. Der eigentliche Konflikt, der sich in dem Nackensteak-Posaune verbirgt, ist der andauernd propagierte Gegensatz zwischen einem nicht klar definierten „Mainstream“ und denen, die sich von jenem Mainstream abgehängt fühlen.

Ole von Beust, Hamburgs ehemaliger Erster Bürgermeister, findet, dass das Programm der CDU wie aus den 80er Jahren wirke und die falsche Klientel anspreche.
Ole von Beust, Hamburgs ehemaliger Erster Bürgermeister, findet, dass das Programm der CDU wie aus den 80er Jahren wirke und die...Foto: Kai-Uwe Heinrich

Die Identitätskrise der Gesellschaft besteht nun darin, dass unklar ist, welche Meinungen Mainstream sind. Sind jetzt diejenigen Mainstream, die bei McDonalds essen, bei Primark oder TK Maxx shoppen und sich weigern, Fußball im Pay-TV zu schauen? Oder die, die vegan essen, auf innerdeutsche Flüge verzichten und sich für Klimaschutz engagieren? Gesinnungsgegensätze gab es früher natürlich auch, aber sie entzündeten selten Debatten über sich selbst. Heute wird ständig nach Gewohnheit gefragt und die mit Gesinnung und Identität verwechselt, anstatt nach Grundwerten, die die Gesellschaft zusammenhalten.

Menschen streben trotz aller Individualität nach Gemeinschaft

Es gibt keinen eindeutigen, permanenten Mainstream des Richtigen, genauso wenig wie es ein schicksalhaftes Abgehängtsein gibt. Es gibt einen zeitlich bedingten Zustand von Gesellschaften, die sich wandeln (müssen). Dieser Wandel vollzieht sich mit der Globalisierung viel schneller als je zuvor. Es ist schwerer geworden, sich als Gesellschaft zu verständigen. Das ist der Konflikt, der Angst macht. Politik und Gesellschaft, wir alle, sind gefordert, den Blick auf Werte und Errungenschaften zu schärfen, die mehrheitsfähig sein müssen. Es muss klar sein, auf was sich Rad- wie Porschefahrer, Stadt- wie Dorfbewohner besinnen sollen.

Denn Menschen streben trotz aller Individualität nach Gemeinschaft. Sie schafft Identität. Das Fliehen hinein in Gesinnungsblasen funktioniert ja nur, weil es uns als Gemeinschaft gibt.

Was Merkel und Söder wollen ist alternativlos

Ausgerechnet Bundeskanzlerin Angela Merkel hat in Davos den Konflikt klug übersetzt, als sie am Beispiel des Klimawandels forderte, man müsse Emotionen, sie meinte die Klimaleugner, mit Fakten, die Klimaaktivisten, versöhnen. Nichts anderes schwebt Bayerns Ministerpräsident Markus Söder vor, wenn er die CSU dem grünen, städtischen, migrantischen Milieu öffnen will. Beides ist alternativlos.

Und vielleicht ist das Nackensteak bald teurer, dann fallen auch die Autos weg, oder fahren ohne Benzin, und nur der Fleiß übersteht und sichert die Zukunft einer sich selbst gewisseren Gesellschaft.