• 75 Jahre „Elbe Day“: Sternstunde der Diplomatie als Inspiration für den Kampf gegen Covid-19

75 Jahre „Elbe Day“ : Sternstunde der Diplomatie als Inspiration für den Kampf gegen Covid-19

Am 25. April 1945 traf die US-Army an der Elbe auf die Rote Armee. Die friedliche Begegnung erinnert daran, dass wir nur gemeinsam stark sind. Ein Gastbeitrag.

Peter Beyer Dirk Wiese
GI trifft Rotarmist. Symbolische Umarmung am 27. April 1945 zwischen William Robertson und Alexander Silwaschko nahe Torgau.
GI trifft Rotarmist. Symbolische Umarmung am 27. April 1945 zwischen William Robertson und Alexander Silwaschko nahe Torgau.Foto: U.S. National Archives and Records Administration

Peter Beyer (CDU) ist Koordinator der Bundesregierung für die Transatlantische Zusammenarbeit und MdB. Dirk Wiese (SPD) ist Koordinator der Bundesregierung für Russland, Zentralasien und die Östliche Partnerschaft und ebenfalls MdB.

Vor 75 Jahren, am 25. April 1945, trafen Soldaten der US-Army zum ersten Mal auf deutschem Boden Soldaten der Roten Armee. Die Männer aus dem Westen und die Männer aus dem Osten reichten sich nahe der in Sachsen liegenden Stadt Torgau und andernorts an der Elbe die Hände. Nazi-Deutschland stand kurz vor der Kapitulation.

Der Zweite Weltkrieg forderte nach Schätzungen mehr als 60 Millionen Tote. Eine Zahl, die sich vor allem die Nachgeborenen nur schwer vorstellen können. Wir Deutsche stehen auch heute noch demütig vor den vielen Opfern. Zu unserer historischen Verantwortung für die Verbrechen, die Deutsche zwischen 1933 und 1945 begangen haben, bekennen wir uns. Dazu zählt der Zivilisationsbruch der Schoah.

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Der 25. April 1945 ging als „Elbe Day“ in die Geschichte ein. Das Foto mit den US-Soldaten und den Rotarmisten wurde weltweit in vielen Zeitungen gedruckt. Die US-Army hatte Pearl Harbor, den D-Day und die Schlacht an der Westfront hinter sich, die Rote Armee fast vier Jahre der Kämpfe an der Ostfront. Die Schlachten von Stalingrad, Moskau oder Kursk seien exemplarisch genannt für diesen langen Krieg im Osten.

Auch hatten die sowjetischen Soldaten nach 872 Tagen Leningrad befreit, wodurch die verbrecherische Blockade durch die deutsche Wehrmacht über eine Million Zivilisten ihr Leben verloren hatten.

Repräsentanten zweier Systeme

Amerikaner und Sowjets waren Alliierte. Zu diesem Zeitpunkt wussten die Soldaten in Torgau noch nicht, dass sie sich wenige Jahre später als Repräsentanten zweier Systeme im Kalten Krieg gegenüberstehen würden. Das Misstrauen wuchs, die Ost-West-Konfrontation prägte die kommenden Jahrzehnte.

Im Osten etablierten die Befreier neue Diktaturen, die früheren Alliierten galten manchen dieser Regime sogar als „Faschisten“, gegen die ein „Schutzwall“ errichtet wurde. Ausgerechnet an der Elbe verlief die Trennlinie, die Deutschland, Europa und die Welt teilte.

An der deutsch-deutschen Grenze galt der Schießbefehl. Die Erfahrung der Gemeinsamkeit trat zurück. Die Bonner Republik gewann im Zuge der Westintegration neue Souveränität – und das Vertrauen der Staatenlenker und Menschen im Westen. Auf diesem Fundament gelangen die Neue Ostpolitik sowie die Wiedervereinigung. Noch heute ist die Westbindung unser Fundament für Frieden, Freiheit und Wohlstand, eingebettet in die Europäische Union. Für dieses Vertrauen sind wir den Amerikanern dankbar.

Die Begegnung an der Elbe blieb in Filmen und Liedern in Ost und West stets ein Teil der Erinnerung. Ihr Geist blieb in den Köpfen vieler Menschen erhalten. Noch vor dem Mauerfall entstand in Torgau 1988 das Denkmal für das historische Treffen an der Elbe 43 Jahre zuvor. Das alles ist Geschichte. Und doch können wir noch heute daraus lernen.

Als Alliierte gemeinsam

Amerikaner und Sowjets kämpften nicht Seite an Seite, aber doch als Alliierte gemeinsam. Natürlich ist der aufopfernde Kampf der alliierten Soldaten gegen das nationalsozialistische Deutschland nicht gleichzusetzen mit dem Zurückdrängen einer weltweiten Pandemie, aber es gibt eine zentrale Gemeinsamkeit: Auch das neuartige Coronavirus werden wir als Weltgemeinschaft nur nachhaltig eindämmen, wenn wir gemeinsam agieren.

Wenn Europäer, Amerikaner, Russen, Ukrainer oder Georgier und auch Chinesen sich abstimmen, zusammenwirken und geopolitische Interessen für diesen welthistorischen Moment beiseiteschieben, kann viel gelingen – etwa im Bereich Wissenschaft und Forschung, bei der Suche nach einem Impfstoff. Die Lage ist zu ernst, um alte Machtpolitik zu betreiben. Es sollte vielmehr das Motto gelten: Nur zusammen sind wir stark.

Deshalb zeigt die Allianz für Multilateralismus jetzt konkret, was sie leisten kann: internationale Organisationen stärken, den Zugang zu Medikamenten und Impfstoffen weltweit erleichtern und Gesundheitssysteme stärken. Sie unterstützt den Aufruf von UN-Generalsekretär António Guterres zu einer weltweiten Waffenruhe, ebenso die Arbeit der Weltgesundheitsorganisation als zentrale Koordinierungsinstanz bei der Bekämpfung der Pandemie.

Freundschaft trotz hitziger Diskussionen

Wir wissen, dass viele Menschen in den USA und in den Staaten der ehemaligen Sowjetunion ebenso in Gemeinsamkeiten denken. Ob in Washington, New York, New Orleans oder Los Angeles, ob in Moskau, Kiew, Minsk oder Almaty, wir begegnen den Menschen, unabhängig von der jeweiligen politischen Führung, dort als Freunde, begrüßen uns mit freundlichen Worten – auch wenn wir anschließend gelegentlich heiß und heftig diskutieren. Heute wünschen sich viele Menschen mehr weltweite Zusammenarbeit gegen das neuartige Coronavirus – und weniger Konfrontation.

2020 begehen wir nicht nur den 75. Jahrestag des Endes des Zweiten Weltkrieges, sondern wir feiern auch 30 Jahre Deutsche Einheit. George H. W. Bush und Michail Gorbatschow haben uns vorgemacht, wie der Kampf gegen Covid-19 gewonnen werden kann: Sie suchten das Verbindende zwischen den Völkern und hatten Vertrauen.

Unterstützung von Bush und Gorbatschow

Gegen viele Widerstände und Ressentiments standen sie nach dem Fall der Mauer fest an der Seite der Deutschen. Die Wiedervereinigung in Frieden und Freiheit vor nunmehr 30 Jahren wäre ohne die Unterstützung von Bush und Gorbatschow nicht möglich gewesen.

Dies bedeutet einen enormen Vertrauensvorschuss. Diese Sternstunde der Diplomatie sollte uns alle 75 Jahre nach dem „Elbe-Day“ inspirieren – auch heute , im Jahr 2020, im gemeinsamen Kampf gegen Covid-19.

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Im 25. April 1945 sehen wir heute die Möglichkeit und Verpflichtung, Grenzen zwischen Ost und West zu überwinden und das Gemeinsame wieder stärker in den Vordergrund zu stellen.

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