Antisemitismus-Studie der EU : Juden in Deutschland fühlen sich zunehmend unsicher

Nirgends in Europa erleben Juden so viele antisemitische Übergriffe wie in Deutschland. 44 Prozent der Befragten denken inzwischen darüber nach, auszuwandern.

Antisemitismus auf der Straße: Teilnehmer einer Demonstration verbrennen eine selbstgemalte Fahne mit einem Davidstern in Neukölln.
Antisemitismus auf der Straße: Teilnehmer einer Demonstration verbrennen eine selbstgemalte Fahne mit einem Davidstern in...Foto: dpa

Eine große Mehrheit der europäischen Juden fühlt sich einem wachsenden Antisemitismus ausgesetzt. In einer am Montag vorgestellten Umfrage der EU-Grundrechteagentur in zwölf europäischen Ländern gaben 89 Prozent der befragten Jüdinnen und Juden an, der Antisemitismus habe sich in ihrem Land in den vergangenen fünf Jahren verschlimmert. Auch in Deutschland sind 89 Prozent der Befragten dieser Meinung.

Zugleich gab es in der Umfrage in keinem anderen Land einen so hohen Anteil an persönlich von antisemitischen Vorfällen Betroffenen wie in Deutschland: 41 Prozent der befragten jüdischen Deutschen gaben an, in den vergangenen zwölf Monaten in ihrem Alltag selbst Antisemitismus erlebt zu haben, in den vergangenen fünf Jahren sah sich sogar mehr als jeder Zweite (52 Prozent) mit Judenfeindlichkeit konfrontiert. Im Durchschnitt aller zwölf für die Studie untersuchten EU-Länder machten nur 28 beziehungsweise 39 Prozent diese Erfahrung. In Deutschland gaben zudem 46 Prozent der Befragten an, gelegentlich bestimmte Gegenden zu meiden, weil sie sich dort als Juden nicht sicher fühlen.

Antisemitismusbeauftragter will runden Tisch

„Antisemitismus als Normalfall – das darf Europa als Kontinent der Aufklärung nicht hinnehmen“, erklärte der Präsident des Zentralrates der Juden in Deutschland, Josef Schuster, am Montag. Zugleich forderte er die EU-Staaten zu einem verstärkten Kampf gegen Judenfeindlichkeit auf: „Die EU-Staaten müssen sich viel stärker als bisher im Kampf gegen Antisemitismus engagieren, um die Sicherheit jüdischen Lebens zu garantieren.“

Auf die Frage nach den Tätern gaben in Deutschland 41 Prozent der von einem antisemitischen Vorfall Betroffenen an, es handele sich aus ihrer Sicht um extremistische Muslime, 20 Prozent sahen Rechtsextreme als Täter, weitere 16 Prozent Linksextreme. Die Studie ergänze das Bild, das die Polizeiliche Kriminalstatistik zeige, erklärte der Zentralrat der Juden. Der Kriminalstatistik zufolge sind mehr als 90 Prozent der Straftaten rechtsextrem motiviert.

Der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, will nun klären, wie es zu den unterschiedlichen Ergebnissen kommt: „Wir müssen vor allem dem Widerspruch nachgehen, warum die Zahlen in dieser Studie, die die subjektive Wahrnehmung von Juden darstellt, so stark von der polizeilichen Kriminalstatistik abweicht“, sagte Klein dem Tagesspiegel. „Hierzu sollte ein Runder Tisch eingerichtet werden, an dem Vertreter jüdischer Organisationen, muslimischer Verbände und Moscheegemeinden sowie der Polizei teilnehmen.“

"Manche schauen wieder, wo die Koffer stehen"

Aus der Studie geht ebenso hervor, dass 44 Prozent der Befragten in Deutschland bereits erwogen haben, auszuwandern. Darüber werde auch in der Jüdischen Gemeinde Berlin zunehmend diskutiert, sagte der Antisemitismusbeauftragte der Gemeinde, Sigmount Königsberg, dem Tagesspiegel. „Bis in die 80er Jahre saßen wir permanent auf gepackten Koffern.“ Dann habe es Zeichen gegeben, die Sicherheit signalisierten. „Inzwischen schauen manche wieder, wo die Koffer stehen.“

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