Auch Anhänger von „Combat 18“ : Rechtsextreme organisieren sich in Telegram-Gruppen

Horst Seehofer will die Neonazi-Gruppierung „Combat 18“ verbieten. Eine Recherche zeigt jedoch, wie schnell sich Neonazis über Messenger vernetzen können.

Gut geschützter Messenger: Telegram.
Gut geschützter Messenger: Telegram.Foto: Andy Wong/AP/dpa

Soziale Medien und Messenger-Dienste machen es Rechtsextremen immer leichter, sich zu organisieren – und erschweren es zugleich den Sicherheitsbehörden, Zugang zu diesen Kreisen zu finden. Wie mobil die Szene im Netz ist, zeigt eine Recherche des Nachrichtenportals „Buzzfeed“. Es berichtete am Mittwoch über mehrere neue Gruppen beim Messenger-Dienst Telegram, in denen sich rund 250 Rechtsextreme bundesweit vernetzt hätten. Darunter sollen auch Sympathisanten der Gruppe „Combat 18“ sein, die im Zusammenhang mit dem Mord an dem hessischen CDU-Politiker Walter Lübcke jüngst wieder ins Blickfeld geraten war. Bundesinnenminister Horst Seehofer (CSU) kündigte erst am Mittwoch an, ein Verbot von „Combat 18“ zu prüfen.

Nach eigenen Angaben verfügt „Buzzfeed“ über zahlreiche Screenshots, Sprachnachrichten und Mitgliederlisten von rund 250 Profilen aus den Telegram-Gruppen. „Unter den Mitgliedern finden sich Hinweise auf NPD-Politiker, bekannte Neonazi-Größen und organisierte Rechtsradikale mit Kontakten in die rechtsextreme Kampfsport- und Musikszene sowie zu einschlägigen, teils verbotenen Organisationen“, heißt es in dem Bericht. Sie beschwören Gewalt gegen Migranten und politische Gegner unter dem Vorwand der Notwehr herauf und bereiten sich auf einen vermeintlichen „Tag X“ vor.

Im Mittelpunkt des rechtsextremen Kommunikationsnetzwerkes steht dem Bericht zufolge eine Gruppe namens „THING“, was in diesem Fall als Abkürzung für „Treue Heimat Identität Nationalistische Gemeinschaft“ stehe. Sie wurde erst am 1. Juni gegründet, umfasst aber schon 250 Mitglieder. „Finde neue, und alte Kontakte mit nationalistischer Gesinnung in deiner Region“, zitiert „Buzzfeed“ aus der Profilbeschreibung. „Für eine bessere Vernetzung untereinander, und für ein starkes gemeinschaftliches Deutschland zusammenzustehen.“ Der Gründer, ein Nutzer mit dem Namen „Vikinger“ wolle nach eigenem Bekunden „in die Offensive gehen“.

Eine Art harter Kern hat sich offenbar auch in einer kleineren Gruppe zusammengefunden, die derselbe Nutzer aus „THING“ heraus gegründet habe. In „Deutschlands Ende oder Wende“ kommunizierten 20 Rechtsextreme miteinander. Die Motivation des Gründers: „alle Szenarien durchspielen“. Das Nachrichtenportal berichtet: „In dieser Gruppe fallen seitdem deutlich radikalere Aussagen.“ Darüber hinaus gebe es seit Anfang Juni auch 16 „THING“-Untergruppen, je eine pro Bundesland, in denen zwischen zehn und 80 Mitgliedern organisiert seien, viele bereits untereinander bekannt. „Sie tauschen Informationen über Untergrund-Konzerte und Liederabende aus, planen Stammtische und teilen Links zu anderen Profilen, Gruppen und Chats.“

Ganz sicher sind sich die Rechtsextremen ihrer Sache allerdings nicht. Wie es in dem Bericht heißt, würden sie auch immer wieder davor warnen, strafrechtlich relevante Inhalte zu teilen, schließlich kenne man nicht jedes Mitglied persönlich. Dass Neonazis ihren Gewalt- und Machtphantasien im vermeintlich geschützten Raum sozialer Medien freien Lauf lassen, ist indes nicht neu – und geht mitunter über die aktuellen Beobachtungen bei Telegram noch hinaus. Nur die jeweils benutzten Dienste variieren. Im Jahr 2016 hatte eine verdeckte Tagesspiegel-Recherche in geheimen Facebook-Gruppen eine Unmenge an Hass-Kommentaren aufgedeckt. Dort riefen die Rechtsextremen sogar ungestört zum Mord auf.

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