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Ein Judas-Darsteller während einer Osterfeier in Ouerem in Portugal.
© dpa

Ostern und Judas: Auch Verrat gehört zu einer Demokratie

Judas hat Jesus an seine Gegner ausgeliefert. Doch ohne den Verrat an vermeintlich ewig gültigen Glaubenssätzen hätte es keine Aufklärung gegeben. Ein Essay.

Ein Essay von Claudia Keller

Der Verräter steht weit oben in der Hierarchie der verwerflichen Menschen. Er liefert seine engsten Freunde ans Messer. Er geht über Leichen, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Er ist käuflich und wechselt schamlos Überzeugungen und Loyalitäten.

Seit einigen Monaten hat der Vorwurf, ein Verräter zu sein, Konjunktur. AfD und Pegida verhöhnen Angela Merkel wegen ihrer Flüchtlingspolitik als „Volksverräterin“. Andere werfen ihr vor, durch den Deal mit der Türkei die europäischen Werte zu verraten. Für die SPD ist CSU-Chef Horst Seehofer der Verräter. Und in den Augen vieler Sparer begeht EZB-Chef Mario Draghi durch die Senkung des Leitzinses „Verrat“ an ihren Sparguthaben und ihrer Altersvorsorge.

Wenn sich politische Gegner im konsensverliebten Deutschland als Verräter beschimpfen, dann ist moralisch und ideologisch vieles ins Rutschen gekommen. Auf einmal scheint es nur noch Freunde oder Feinde zu geben, Flüchtlingsfreunde oder Flüchtlingshasser, Verräter oder Retter des Abendlandes.

Das negative Image des Verräters ist tief in der westlichen Kulturgeschichte verankert. Am Anfang stand Judas. Er war einer der zwölf Apostel, zog mit Jesus durchs Land, hörte seine Predigten, und saß mit ihm am Tisch. Weil er den Freunden besonders vertrauenswürdig vorkam, übertrugen sie ihm sogar die Hoheit über die Kasse. Ausgerechnet dieser Judas verrät Jesus an seine Gegner.

„Da ging einer von den Zwölfen, mit dem Namen Judas Iskariot, hin zu den Hohepriestern und sprach: Was wollt ihr mir geben? Ich will ihn euch verraten. Und sie boten ihm dreißig Silberlinge. Von da an suchte er eine Gelegenheit, dass er ihn verriete“, heißt es im Matthäus-Evangelium.

Am Abend des Tages, den Christen heute Gründonnerstag nennen, ist es soweit: Jesus betet im Garten Gethsemane. Judas kommt mit einer Schar bewaffneter Hohepriester und tritt auf Jesus zu und küsst ihn. Der „Judaskuss“ ist das verabredete Zeichen, an dem die Häscher erkennen, welcher der Männer Jesus ist. Sie nehmen ihn fest und übergeben ihn an die Römer. Keine 24 Stunden später stirbt Jesus qualvoll am Kreuz. Als Judas sieht, was er getan hat, bereut er seine Tat und erhängt sich.

Die Christen wären eine jüdische Sekte geblieben

Judas’ Geschichte ist verstörend. Ausgerechnet einer der engsten Vertrauten verrät den Freund, als dieser ihn am nötigsten gehabt hätte. Er tut es auch noch für Geld. Für die Kirchenväter Origines, Augustinus und Thomas von Aquin verkörperte Judas das Böse schlechthin. Verräter wurden im Mittelalter gevierteilt. Der Dichter Dante siedelte sie in seiner „Göttlichen Komödie“ im untersten Höllenkreis an. Dort stecken sie eingefroren bis zum Kopf in einem See. Judas wird von Satan persönlich zermalmt. Papst Franziskus verglich am Gründonnerstag die Anschläge von Brüssel mit dem Verrat des Judas, der Jesus für 30 Geldstücke seinen Henkern ausgeliefert habe. Auch hinter dem Terror stünden Profiteure wie Waffenproduzenten und Waffenhändler, „die das Blut wollen und nicht den Frieden“.

Doch muss man Judas nicht loben? Ohne ihn und seinen Verrat würden Christen kein Osterfest feiern. Ohne Judas wäre Jesus nicht gekreuzigt worden. Seine Anhänger hätten aus seinem Tod nicht eines der größten Heilsversprechen aller Zeiten machen können. Jesus wäre weiter durchs Land gewandert und hätte gepredigt, er wäre alt und wunderlich geworden. Die Christen wären eine jüdische Sekte geblieben und längst vergessen. Judas ist das göttliche Werkzeug, damit sich der Heilsplan entfalten kann, damit Jesus gekreuzigt wird und aufersteht.

Ob es Judas und den Verrat tatsächlich gegeben hat, weiß man nicht. Die Autoren der Bibel kannten Jesus nicht mehr persönlich. Sie fingen eine Generation später an, aufzuschreiben, was sie über ihn hörten. Sie deuteten das Geschehen und wollten, dass die Nachwelt Jesus so kennenlernt, wie sie ihn sahen. Es ist sicher kein Zufall, dass sie den Verrat in die christliche Urszene eingeschrieben haben, dass sie Judas zum Motor des göttlichen Heilsgeschehens machten. Dennoch bleibt er eine zwiespältige Figur: „Es wäre für diesen Menschen besser, wenn er nie geboren wäre“, sagt Jesus in den Evangelien über Judas.

Ohne Verrat hätte es keine Aufklärung gegeben

Eine eindeutig positive Perspektive nimmt das Judas-Evangelium ein. In den 1970er Jahren fanden ägyptische Bauern den Text in einer Grabhöhle. 2006 machten ihn Wissenschaftler zugänglich. Der Text entstand im 2. Jahrhundert nach Christus und wurde nicht in den Kanon der Bibel aufgenommen. Judas ist darin der Lieblingsjünger, der einzige, der den göttlichen Plan begreift und weiß, dass Jesus dafür sterben und auferstehen muss. Jesus und Judas schließen einen Pakt: Damit Jesus zum Heiland werden kann, muss Judas ihn verraten. Der Verrat ist die Voraussetzung für das Heil.

Ohne Verrat am Alten gibt es nichts Neues. Ohne den Bruch mit überkommenen Autoritäten gibt es keinen Fortschritt. Der Verrat ist deshalb auch in der säkularen Geschichte Motor der Entwicklung. Die römische Republik befand sich in der Krise, aber erst die Verschwörung des Cäsar- Vertrauten Brutus und der anderen Senatoren gegen Cäsar brachte sie zu Fall. Einige Päpste und Bischöfe hatten auch vor Martin Luther Probleme mit der Moral und der Kirchenlehre. Doch erst, als Martin Luther dem Papst die Loyalität aufkündigte, wurde daraus der Skandal, der die Kirche und Europa spaltete.

Ohne den Verrat an vermeintlich ewig gültigen Glaubenssätzen hätte es keine Aufklärung gegeben. Hätte Nikolaus Kopernikus im 16. Jahrhundert nicht das geozentrische Weltbild der Kirche infrage gestellt, würden die Menschen heute noch glauben, dass die Sonne um die Erde kreist. Hätten Bauern nicht die Treue zu Lehnsherren gebrochen und hätten später Bürger und Adelige ihre Loyalität zu Fürst, König, Kaiser und Papst nicht aufgekündigt, hätten es Demokratie und Menschenrechte noch viel schwerer gehabt.

Aus der Generation der 68er entstand eine Generation, die den Verrat feierte

Ohne den Bruch mit der falschen Autorität gibt es keine richtige Moral. Das hat sich auch im 20. Jahrhundert gezeigt. Faschismus, Nationalsozialismus, Kommunismus und Sozialismus waren Hochzeiten für Verräter. Denn politische Ideologien und totalitäre Herrschaftsstrukturen kennen nur die unbedingte Gefolgschaft – oder den Verrat. Während des Nationalsozialismus gab es unzählige Prozesse wegen Hochverrats. „Je autoritärer und repressiver ein Staat, desto mehr hat der Hochverrat Konjunktur. Genauer gesagt: die Furcht vor dem Hochverrat und die Ermittlungen wegen Hochverrats, die Hauptverhandlungen, Verurteilungen und Vollstreckungen wegen Hochverrats“, schreibt der Jurist und frühere Präsident des Landgerichts Lübeck, Hans-Ernst Böttcher.

Viele Menschen haben im Kleinen wie im Großen Widerstand gegen das NS-System geleistet. Ohne sie hätte es noch mehr Opfer gegeben. Ohne diejenigen, die Verfolgten halfen, die Rüstungsindustrie sabotierten, ohne die Überläufer, die mit den Alliierten kollaborierten, und ohne die Verschwörer vom 20. Juli 1944 hätte die moralische Bilanz nach dem Krieg noch kläglicher ausgesehen. Es dauerte allerdings bis in die 70er Jahre, bis sich diese Erkenntnis allmählich durchsetzte, bis aus den „Verrätern“ in der öffentlichen Wahrnehmung Helden wurden.

Aus der Generation der 68er entstand zum ersten Mal eine Bewegung, die den Verrat feierte. Judas wurde in Musicals, Gedichten, Romanen und Popsongs zum Leitbild. „Jesus! Du hast begonnen, die Dinge zu glauben, die man von dir erzählt“, singt Judas in „Jesus Christ Superstar“. Er warnt seinen Meister vor Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit: „Du hast begonnen mehr zu bedeuten, als die Dinge, die du sagst.“ Judas ist der Zweifler, der auf Fehlentwicklungen hinweist, und der Prototyp des Nein-Sagers

Der Schriftsteller Heinrich Böll fand es ungerecht, dass Judas seit fast 2000 Jahren viel Hass auf sich zieht, aber Petrus’ Lügen als verzeihliche menschliche Schwächen durchgingen. Sind wir nicht alle „kleine Versager und Verräter“?, fragte der evangelische Pfarrer Helmut Gollwitzer. Und während sich der katholische Theologe Hans Küng Mitte der 70er Jahre mit seiner Kirche überwarf, schrieb sein Tübinger Nachbar Walter Jens den Roman „Der Fall Judas“ und rehabilitierte Judas als Jesu Freund, Bruder und Miterlöser.

Heute ist der Verrat zur Pose geworden. Wer in der Popkultur und unter Intellektuellen etwas werden will, inszeniert sich als Tabubrecher. Der kleine Verrat ist alltäglich geworden. Die Demokratie lebt sogar davon. Pragmatische Politik bedeutet, Kompromisse zu schließen und sich bisweilen auf den kleinsten gemeinsamen Nenner zu einigen. Jede Seite muss dafür von Maximalforderungen und Idealen abrücken.

Angela Merkel ist durch ihre Flüchtlingspolitik aber ebenso wenig zur „Volksverräterin“ geworden wie Gerhard Schröder vor 13 Jahren mit seiner Agenda 2010 und den Hartz-IV-Gesetzen. Die Bundeskanzlerin trat, wie es in der Demokratie üblich ist, für ihre politische Überzeugung ein. Nur tat sie es vehementer, als man es von ihr kannte. Dass sie die CDU als Parteivorsitzende sukzessive nach links gerückt hat, war auch kein Verrat an ihrer Partei, sondern ein demokratischer Prozess, abgestimmt mit den Parteigremien und von den Wählern mit Mehrheit gewollt.

Angela Merkel verrät nicht ihre Ideale - sie hat dazugelernt

Der Vorwurf des Verrats dient meistens dazu, eine Person und ihre Überzeugungen zu diffamieren und ihr die Legitimation abzusprechen – damit man sich damit nicht sachlich und inhaltlich auseinandersetzen muss

CSU-Chef Horst Seehofer opponiert gegen Merkel, weil er eine andere politische Überzeugung hat und anders als sie klare Grenzen für den Zuzug von Flüchtlingen definieren wollte. Seine Fundamentalkritik wirkt bisweilen erratisch. Verrat ist sie nicht, sondern Teil eines politischen Machtpokers mit noch offenem Ausgang. Vielleicht hat er Merkel sogar auf lange Sicht die Macht gesichert – ob beabsichtigt oder nicht?

Auch nicht jede Umkehr ist Verrat. Als Joschka Fischer 1999 dem Bundeswehr-Einsatz im Kosovo zustimmte, hatte er die Ideale der Grünen nicht geopfert, wie ihm vielfach vorgeworfen wurde. Er hatte erkannt, dass die Welt am Ende des 20. Jahrhunderts eine andere ist als 60 Jahre zuvor, und er stand vor einem Dilemma, in dem hehre Prinzipien alleine nicht weiterhelfen. Er musste entscheiden, was wichtiger ist: die Sicherung des Friedens oder der Schutz von Menschenleben? Eine moralisch saubere Lösung gibt es in solchen Situationen nicht. Fischer hatte eine angreifbare Entscheidung getroffen – und vielleicht gerade dadurch seiner Partei das politische Überleben gesichert.

Der Verrat hat sich in der pluralen Gesellschaft nicht erledigt

Der Kompromiss zwischen der EU und der Türkei in der Flüchtlingspolitik, den Merkel vorangetrieben hat, setzt auf Abschreckung. Verrät Merkel jetzt ihre Ideale? Nein, sie verrät sie nicht. Aber sie hat in den vergangenen sechs Monaten dazu gelernt. Sie hat einsehen müssen, dass die anderen EU-Staaten ihre Willkommenskultur gegenüber den Flüchtlingen nicht mittragen. Sie hat ihren Kurs daraufhin geändert. Demokratien leben von solchen Lernprozessen. Das unterscheidet sie von autoritären Staaten und Diktaturen.

Der Verrat hat sich in der pluralen Gesellschaft aber nicht erledigt. Whistleblower Edward Snowden hat deutlich gemacht, dass auch Demokratien ihre blinden Flecken haben, wo es intransparent oder korrupt zugeht. Filz und Vetternwirtschaft schaffen Abhängigkeiten und verhindern Widerspruch und Kritik. Beispiele dafür gibt es in der Politik, im Sport und in der Kultur, auch in der Wirtschaft wie die Korruptionsaffären bei Daimler und Siemens gezeigt haben. In Religionsgemeinschaften können sich männerbündische Seilschaften entwickeln, die unter Berufung auf ihre Autorität und vermeintlich ewig gültige Dogmen Kritik und Transparenz verhindern. Das hat der Missbrauchsskandal in der katholischen Kirche deutlich gemacht.

Loyalitäten sind sehr wichtig. Ohne das Vertrauen darauf kann keine Partei, kein Unternehmen, auch kein Sportverein auf Dauer existieren. Loyalitäten schaffen Gemeinschaft und sichern den Zusammenhalt der Gesellschaft. Doch überall dort, wo sich geschlossene Systeme und Machtkartelle entwickeln, sind Verräter wichtig, die den Machtmissbrauch öffentlich machen. Sie tragen zu mehr Transparenz und Pluralität bei und dazu, dass die Rechte des einzelnen noch besser geschützt werden. Es braucht auch heute noch Mut dazu, ein echter Verräter zu sein. Denn der schlechte Ruf ist ihm ebenso sicher wie der Platz in der Geschichte.

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