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Der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba attends.
© REUTERS/Valentyn Ogirenko/Pool

Um der Kriegsmüdigkeit entgegenzuwirken: Außenminister Kuleba schlägt Strategie vor, wie die Ukraine den Krieg gewinnen kann

In einem US-Journal verfasst Dmytro Kuleba eine ausführliche Analyse. Laut ihm ist eine weitere Unterstützung des Westens unabdingbar.

Von Livia Sarai Lergenmüller

Seit vier Monaten dauert der russische Angriffskrieg gegen die Ukraine bereits an, eine gewisse Kriegsmüdigkeit macht sich breit. Außenministerin Annalena Baerbock hatte daher schon Anfang Juni gemahnt, die Ukraine weiterhin zu verteidigen – „auch wenn wir erschöpft sind“.

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Auch der ukrainische Außenminister Dmytro Kuleba sieht diese Gefahr. Nun hat er sich in einem Gastbeitrag im US-Journal „Foreign Affairs“ geäußert. Darin schreibt er: Um der eigenen Kriegsmüdigkeit und irreführenden Narrativen entgegenzuwirken, müsse der Westen genau verstehen, wie die Ukraine gewinnen könne und sie darin unterstützen.

Kuleba: Territoriale Zugeständnisse würden die globale Ordnung umschreiben

Kuleba kritisiert zunächst Forderungen, die Ukraine solle mit Russland in Verhandlung gehen und Zugeständnisse machen. Er hält eine weitere Unterstützung durch den Westen für unabdingbar. Sich Putins Aggression zu beugen, würde nicht nur mehr von der Ukraine zerstören, es würde zudem den Kreml ermutigen, ähnliche Angriffe auf andere Ländern durchzuführen, warnt er. Zudem würde man ihm mit einem solchen Schritt erlauben, die grundlegenden Regeln der globalen Ordnung umzuschreiben.

Außerdem würden etwaige Forderungen die Vorstellung vermitteln, die Ukrainer können gegenüber der russischen Armee ohnehin nicht gewinnen. Dies sei jedoch grundlegend falsch, befindet der Außenminister. Wichtige Siege in den Schlachten von Tschernihiw, Charkiw, Kiew und Sumy würden das Gegenteil beweisen. Dies erfordere jedoch dringend Unterstützung aus dem Westen.

„Aus Putins Sicht können Ukrainer entweder Russen werden oder getötet werden“

Kuleba warnt, der Westen dürfe hier nicht Putins imperalistisches Grundverständnis außer Acht lassen. Putin lehne alle Versuche nach diplomatischen Einigungen ab, da er von „völkermörderischen Absichten getrieben sei“. In Putins Augen sei die bloße Existenz der Ukraine ein Fehler, Ukrainer können entweder Russen werden oder sterben.

Dies sei ein weiterer wichtiger Grund, warum der Westen nicht nachgeben dürfe. „Ein russischer Militärsieg würde nicht nur die Folter, Vergewaltigung und Ermordung von vielen weiteren Tausend unschuldigen Ukrainern ermöglichen. Es würde liberale Werte untergraben“ schreibt Kuleba.

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Waffenlieferungen und Wirtschaftssanktionen

Der dringendste Bedarf bestünde in Hunderten von Mehrfachstartraketensystemen und verschiedenen 155-mm-Artilleriegeschützen. Aber auch Schiffsabwehrraketen, Panzer, gepanzerte Fahrzeuge, Luftverteidigung und Kampfflugzeuge seien notwendig, um wirksame Gegenangriffe starten zu können.

Zudem seien verstärkte Sanktionen gegen Russland wichtig, betont er. Russische Exporte müssten durch ein vollständiges Energieembargo und ein Abschneiden des russischen Zugangs zur internationalen Seeschifffahrtsindustrie unterbunden werden. Der Westen dürfe keine Sanktionsmüdigkeit zeigen – „ungeachtet der allgemeinen wirtschaftlichen Kosten“.

So kann die Ukraine laut Kuleba gewinnen

Kuleba wird jedoch spezifischer und führt aus, wie die Ukraine die russische Armee erfolgreich zurückdrängen könnte. Folgende Schritte nennt er dabei:

• Einerseits müsse die russische Armee im Donbass konsequent zurückgedrängt werden. Die Errungenschaften des Kremls im Donbass mögen zwar Schlagzeilen machen, „aber es ist wichtig, sich daran zu erinnern, dass sie begrenzt sind und zu extrem hohen russischen Verlusten geführt haben“, erinnert Kuleba. Sobald ukrainische Streitkräfte vom Westen bereitgestellte Mehrfachraketensysteme einsetzen und damit die russischen Artillerie zerstören könnten, könnte sich das Blatt entlang der gesamten Frontlinie zugunsten der Ukraine wenden. „Danach werden unsere Truppen darauf abzielen, Landstücke zurückzuerobern und die Russen hier und da zum Rückzug zu zwingen.“

• Gleichzeitig müssen die Streitkräfte im Süden ihre Gegenangriffe fortsetzen. Mit fortschrittlicheren Waffen könnte die feindliche Verteidigung weiter durchbrochen werden. Ziel sei es, die Russen dazu zu bringen, die südukrainische Stadt Cherson aufzugeben. Sie sei der Schlüssel zur strategischen Stabilität der Ukraine.

• Würde die Ukraine sowohl im Süden als auch im Osten vorrücken, so Kulebas Überlegung, würde Putin gezwungen zu wählen: Entweder müsse er südliche Städte wie Cherson und Melitopol aufgeben, um am Donbass festzuhalten, oder er müsse neu besetzte Gebiete wie Donezk und Luhansk aufgeben, um den Süden zu halten. „Wenn wir diesen Moment erreichen, wird Putin die Waffenstillstandsverhandlungen wahrscheinlich ernster nehmen“, erklärt der ukrainische Außenminister seine Überlegung.

Das Aufrechterhalten des Drucks könnte seiner Ansicht nach sogar zu einer Verhandlungslösung führen, in der Putin seine Truppen aus allen besetzten Gebieten abzieht. Gleiches sei in den Gebieten rund um Kiew geschehen, nachdem das russische Militär zahlreiche Rückschläge erlitten hatte.

Kuleba: Putins Gesicht ließe sich wahren

In seine Überlegungen bezieht Kuleba auch Gedanken ein, wie Putin sein Gesicht wahren könne. Wäre das ukrainische Militär erfolgreicher und stärker, würde Putin sich möglicherweise bereits vor weiteren Verhandlungen aus Teilgebieten zurückzuziehen, um dies anschließend „als Akt des guten Willens darzustellen anstatt als Akt peinlicher Notwendigkeit“.

Putin könne sogar behaupten, dass die „Spezialoperation“ ihre Ziele der Entmilitarisierung und Entnazifizierung der Ukraine erfolgreich erreicht habe, analysiert Kuleba. Durch die Veröffentlichung von Bildern zerstörter ukrainischer Einheiten und Ausrüstung würde Putins Propaganda einen Erfolg vermelden können.

Andernfalls müsse die Ukraine so lange weiter nach Luhansk und Donezk vordringen, bis Putin zu Verhandlungen bereit sei oder bis die ukrainische Armee die international anerkannte Grenze der Ukraine erreicht und sichert.

Die Sorge vor einem möglichen Atomkrieg entkräftigt Kuleba. Putin sei nicht selbstmörderisch, stattdessen sei er sich sicher, „dass die Russen selbst mit Sorgen um einen in die Enge getriebenen Putin hausieren gehen, um die westliche Unterstützung für die Ukraine zu schwächen“. Die USA und die EU sollen darauf nicht hereinfallen, warnt er.

„Ein ukrainischer Sieg würde die Welt sicherer machen“

„Anstatt sich auf Putins Gefühle zu konzentrieren, sollten sich die Vereinigten Staaten und Europa auf praktische Schritte konzentrieren, um der Ukraine zu helfen, sich durchzusetzen“, schreibt Kuleba. Man solle sich daran erinnern, dass ein ukrainischer Sieg die Welt sicherer machen, die globale Stabilität auf breiterer Ebene fördern und anderen potenziellen Aggressoren zeigen würde, „dass Barbarei schlecht endet“.

Kuleba endet mit einer Erinnerung. Das Bekenntnis zum Sieg der Ukraine würde Unsicherheiten in den langfristigen Strategien mit Russland beseitigen. Stattdessen würde man künftig mit einem demütigeren und konstruktiveren Moskau verhandeln.

„Jeder Krieg endet mit Diplomatie. Aber dieser Moment ist noch nicht gekommen. Im Moment ist klar, dass Putins Weg an den Verhandlungstisch ausschließlich über Niederlagen auf dem Schlachtfeld führt,“ schließt Kuleba seinen Beitrag.

Waffenversorgung und verstärkte Sanktionen

„Dieser Krieg ist existentiell, und wir sind motiviert zu kämpfen“, argumentiert er. „Richtig bewaffnet können unsere Streitkräfte Putins Truppen – die bereits erschöpft sind – über die Belastungsgrenze hinaus dehnen. Wir können die russischen Streitkräfte sowohl im Süden als auch im Osten der Ukraine kontern und Putin unter Druck setzen, welche seiner Errungenschaften er schützen möchte.“

Um erfolgreich zu sein, müssten die USA und ihre europäischen Verbündeten die Ukraine jedoch schnell mit einer angemessenen Anzahl fortschrittlicher schwerer Waffen versorgen, fordert Kuleba. Zudem müsse man die Sanktionen gegen Russland aufrechterhalten und verstärken. „Und vor allem müssen sie Forderungen nach diplomatischen Lösungen ignorieren, die Putin helfen würden, bevor er ernsthafte Zugeständnisse macht.“

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