Beziehung zu Moskau : Mehrheit der Deutschen gegen Ausweisung russischer Diplomaten

Eine Civey-Umfrage im Auftrag es Tagesspiegels zeigt: Die Deutschen lehnen mehrheitlich schärfere Sanktionen gegen Moskau im Zusammenhang mit dem Giftanschlag in England ab.

Die russische Flagge weht auf dem Gebäude der russischen Botschaft in Berlin.
Die russische Flagge weht auf dem Gebäude der russischen Botschaft in Berlin.Foto: Britta Pedersen/dpa

Eine Mehrheit der Deutschen sieht die Strafmaßnahmen gegenüber Moskau nach der Vergiftung des früheren Doppelagenten Sergej Skripal in Großbritannien kritisch. Eine knappe Mehrheit ist nach einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Civey im Auftrag des Tagesspiegels sowohl gegen die Ausweisung von russischen Diplomaten aus Deutschland als auch gegen eine mögliche Verschärfung der EU-Sanktionen.

Die Bundesregierung hatte Anfang der Woche beschlossen, dass vier russische Diplomaten Deutschland innerhalb einer Woche aufgrund des Giftgasanschlags verlassen müssen. Sergej Skripal und seine Tochter Yulia waren am 4. März bewusstlos auf einer Parkbank im englischen Salisbury entdeckt worden. Die britischen Ermittler gehen davon aus, dass sie mit dem in der früheren Sowjetunion entwickelten Kampfstoff Nowitschok vergiftet wurden. Russland streitet jegliche Verantwortung für den Anschlag ab. Trotzdem wiesen weltweit inzwischen 26 Staaten russische Diplomaten aus.

Gut die Hälfte der Deutschen bewertet die Ausweisung der russischen Diplomaten durch die Bundesregierung als überzogen, davon nennen 30,4 Prozent die Maßnahme "eindeutig überzogen", 21,3 Prozent bezeichnen sie als "eher überzogen". Knapp ein Drittel (28,4 Prozent) nennt den Schritt dagegen "angemessen". Als "zurückhaltend" bewerten die Aktion indes nur rund 15 Prozent der Befragten. Deutlich größer ist die Ablehnung in Ostdeutschland. Dort beurteilen rund 65 Prozent den Schritt mit "überzogen" im Gegensatz zu rund 48 Prozent der Deutschen im Westen.

Anhänger von Union und Grünen am stärksten für Strafmaßnahmen

Auch bei der Parteienpräferenz zeigen sich klare Unterschiede. Unions- und Grünen-Anhängern stufen mit jeweils 45 Prozent, beziehungsweise 41 Prozent den Schritt als "angemessen" ein. Bei AfD- und Linken-Wählern hingegen wird er klar abgelehnt und von 75,2 Prozent, beziehungsweise 69,9 Prozent als "überzogen" eingestuft. Mit rund 53 Prozent hält eine knappe Mehrheit der potenziellen FDP-Wähler die Aktion ebenfalls für "überzogen", bei SPD-Wählern sind es rund 46 Prozent. 32,5 Prozent der SPD-Sympathisanten bewerten ihn als "angemessen.

Was eine mögliche Ausweitung der EU-Sanktionen gegenüber Russland betrifft, sind die Deutschen ebenfalls skeptisch. Eine knappe Mehrheit von 52,6 Prozent ist dagegen; 38,4 Prozent hingegen sind dafür, die europäischen Strafmaßnahmen zu verschärfen, 15 Prozent sind unentschieden. Auch hier ist eine Spaltung in Ost und West klar erkennbar. Während 70 Prozent der Ostdeutschen dagegen sind und nur knapp 17 Prozent dafür, sind rund 37 Prozent der Westdeutschen für eine Verschärfung und nur 47,6 Prozent dagegen.

AfD- und Linken-Wähler klar gegen Sanktionen

Auch in diesem Fall ist die Ablehnung unter den AfD-Wählern mit rund 71 Prozent am höchsten, gefolgt von Anhängern der Linken mit rund 66 Prozent. Bei Grünen-Sympathisanten ist mit 46,5 Prozent die Zustimmung zu einem solchen Schritt am höchsten, 16 Prozent sind unentschieden. Bei den Wählern der Union halten sich Zustimmung und Ablehnung in etwa die Waage, 42,3 Prozent ihrer befragten Wähler sind dafür und rund 41 Prozent dagegen. Beim Koalitionspartner SPD sind rund 43 Prozent der befragten Wähler gegen einen solchen Schritt, rund 40 Prozent würde ihn befürworten. FDP-Wähler sind mit rund 54 Prozent mehrheitlich gegen schärferer EU-Sanktionen, 16,2 Prozent ihrer Anhänger sind unentschieden.

Russische Behörden baten Großbritannien indes offiziell um Einblick in die Ermittlungen zu dem Giftanschlag. Die Tochter des Ex-Agenten Sergej Skripal sei russische Staatsbürgerin, hieß es in einer Mitteilung des Staatlichen Ermittlungskomitees vom Donnerstag in Moskau. Die britischen Behörden wurden aufgefordert, Kopien ihrer Akten zu dem Mordanschlag auf Vater und Tochter von Anfang März zu übermitteln.

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