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„Carola sind wir alle“ : Welle der Solidarität für Sea-Watch-Kapitänin

Nicht nur in Deutschland sehen viele Menschen in der Kapitänin Rackete eine Heldin. Auch in Italien gibt es viel Zuspruch, etwa eine „Regatta der Freiheit.“

Carola Rackete auf ihrem Schiff, bevor sie in den Hafen von Lampedusa einlief.
Carola Rackete auf ihrem Schiff, bevor sie in den Hafen von Lampedusa einlief.Foto: Guglielmo Mangiapane/REUTERS

Die Festnahme der deutschen Kapitänin Carola Rackete in Lampedusa hat in Deutschland und Italien eine Welle von Solidarität mit ihr und der ganzen Crew ihre Schiffs „Sea-Watch 3“ ausgelöst.

Am Sonntag kritisierte Bundespräsident Steinmeier Italien scharf: Es könne ja sein, dass es italienische Rechtsvorschriften gebe, wann ein Schiff einen Hafen anlaufen dürfe, sagte er im ZDF. „Nur: Italien ist nicht irgendein Staat. Italien ist inmitten der Europäischen Union, ist Gründungsstaat der Europäischen Union. Und deshalb dürfen wir von einem Land wie Italien erwarten, dass man mit einem solchen Fall anders umgeht.“ Steinmeier forderte eine europäische Antwort auf das Sterben im Mittelmeer: „Da muss mehr geschehen, da muss Europa eine kräftigere Rolle spielen.“

Das Schiff des gleichnamigen Seenotrettungsvereins war am Samstag im sizilianischen Hafen Lampedusa gelandet, nachdem sie seit dem 12. Juni mit anfangs 53 aus Seenot Geretteten im Mittelmeer auf eine Erlaubnis gewartet hatte, in einen sicheren Hafen einzulaufen. Dies hatte Italiens Innenminister Matteo Salvini, den seine Fans „Capitano“ nennen, ihr ebenso verweigert wie etlichen Schiffen zuvor, zehn Menschen in besonders kritischer Lage wurden allerdings aufgenommen.

Mitte der Woche kündigte Rackete in einem Video an, sie werde jetzt trotz Verbots in italienische Gewässer einfahren: „Ich weiß, was ich riskiere, aber die 42 Geretteten sind erschöpft. Ich bringe sie jetzt in Sicherheit.“ Zuvor hatte der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte einen Antrag von Sea-Watch abgelehnt, Italien zur Aufnahme zu verpflichten. Während das internationale Seerecht zur Hilfe für Schiffbrüche verpflichtet und Seeleuten aufgibt, sie in den nächsten sicheren Hafen zu bringen, gibt es keine klaren Pflichten für deren Staaten, das zu akzeptieren.

In der Nacht zum Samstag nahm die italienische Polizei Rackete in Lampedusa fest, ihre 42 Schützlinge durften zugleich von Bord und werden nun auf mehrere EU-Staaten verteilt. In Medienberichten war von Frankreich, Deutschland, Finnland, Luxemburg und Portugal die Rede.

Für die Besatzung des Schiffs, der möglicherweise hohe Haftstrafen drohen, haben sich unterdessen teils prominente Unterstützer stark gemacht. Die Fernsehmoderatoren Jan Böhmermann und Klaas Heufer-Umlauf riefen zu einer Spendenaktion auf, damit die Prozess- und andere Kosten der Kapitänin und der Hilfsorganisation gedeckt werden.

Ihr werden Beihilfe zur illegalen Einwanderung und Verletzung der italienischen Hoheitsgewässer vorgeworfen. „Wer Menschenleben rettet, ist kein Verbrecher“, hieß es in einem Spendenaufruf auf der Plattform Leetchi. Bis Sonntagnachmittag waren bereits über eine halbe Million Euro gespendet worden – Tendenz stark steigend.

Kritik aus Deutschland

In Deutschland stieß die Festnahme auf scharfe Kritik. Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, erklärte, er sei „traurig und zornig“ und sprach von einer „Schande für Europa“. Grünen-Chef Robert Habeck sagte dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND), der eigentliche Skandal seien „das Ertrinken im Mittelmeer, die fehlenden legalen Fluchtwege und ein fehlender Verteilmechanismus in Europa“.

„Nicht jene, die Menschen retten, handeln illegal, sondern die Regierungen der EU, die sie ertrinken lassen“, sagte Stefan Liebich, außenpolitischer Sprecher der Fraktion, der „Welt“. Außenminister Heiko Maas (SPD) formulierte diplomatisch zurückhaltender: Da die Rettung von Menschenleben eine humanitäre Pflicht sei, müsse Italiens Justiz die Vorwürfe gegen Rackete jetzt rasch klären. In Berlin wollen am Montagmorgen Aktivisten vor der italienischen Botschaft demonstrieren.

In Italien wurde die Kapitänin auf Lampedusa unter anderem von erbosten Bürgerinnen empfangen, die skandierten, sie gehöre in Handschellen. Gleichzeitig gibt es auch dort eine Welle der Solidarität: In den sozialen Netzen kursieren Respektbekundungen etwa unter #siamotuttiCarola, „Carola sind wir alle“.

Der Schriftsteller Roberto Saviano, der durch seine Bücher über die Camorra bekannt geworden ist, sprach der in Hambühren bei Celle geborenen 31-Jährigen seine Anerkennung aus: „Carola, danke, dass du dich in diesen Kampf für die Zivilisation geworfen hast.“ In Neapel veranstalteten Bürger mit Unterstützung des Bürgermeisters Luigi de Magistris am Samstag eine „Regatta für die Freiheit“ im Golf vor der Stadt, um ihre Solidarität mit ihr und den privaten Seenotrettern zu bekunden.

Rackete verteidigt ihre Entscheidung

Rackete selbst, der Salvini vorwirft, sie habe eine „Kriegshandlung“ begangen – nach Behördenangaben wäre ein Polizeiboot durch die „Sea-Watch 3“ um ein Haar zerstört worden, als es sie am Anlegen zu hindern versuchte – bat um Entschuldigung. Sie habe das Boot keinesfalls rammen wollen: „Ich hatte nicht die Absicht, irgendjemanden in Gefahr zu bringen. Ihr Vorgehen verteidigte sie: Es sei „kein Akt der Gewalt, sondern nur des Ungehorsams“ in einer verzweifelten Situation gewesen, sagte sie der italienischen Zeitung „Corriere della Sera“.

Rackete hat als Offizierin an Kreuzfahrten und auf Schiffen von Greenpeace und dem Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung an Polarexpeditionen teilgenommen. Sie studierte Naturschutzmanagement in Großbritannien und Nautik an der niedersächsischen Jade-Hochschule. Laut ihrem Vater Ekkehart ist sie „lustig und guter Dinge, sagte er dem RND: „Sie steht unter Hausarrest in Lampedusa und ist bei einer sehr netten Dame untergebracht, die sich rührend um sie kümmert.“ Er erwartet, dass seine Tochter gegen Auflagen bald freikommt.

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