Coronakrise in den USA : Das Virus trifft besonders Detroits Arme

Die einstige „Motor City“ Detroit leidet enorm unter dem Coronavirus. Die Probleme der Stadt verschärfen die Krise. Gefährdet sind vor allem Afroamerikaner.

Unter der Coronavirus-Pandemie leiden in Detroit vor allem die Armen.
Unter der Coronavirus-Pandemie leiden in Detroit vor allem die Armen.Foto: AFP/Jeff Kowalsky

Der Sonntag war für Detroit der bisher tödlichste Tag in der Coronavirus-Krise. 38 Menschen starben in nur 24 Stunden. Damit stieg die Opferzahl in der 670.000 Einwohner-Stadt auf 167. Mehr als 4500 sind mit dem Virus infiziert. Detroit zählt wie New York und Louisiana zu den akuten Epizentren der Krise in den USA, in denen die Experten der Regierung mit deutlich mehr Opfern in dieser Woche rechnen. Und wie im ganzen Bundesstaat Michigan trifft es in Detroit ganz besonders die schwarze Bevölkerung.

Nur 13 Prozent aller Bewohner von Michigan sind schwarz - aber mehr als ein Drittel aller Infizierten und 40 Prozent der an den Folgen des Virus Verstorbenen. Was sie besonders gefährdet ist: die Armut.

„Wir sind sehr beunruhigt darüber, wie unverhältnismäßig stark Michigans schwarze Bevölkerungsgruppe von Covid-19 betroffen ist“, sagte Michigans oberste Gesundheitsexpertin Joneigh Khaldun der regionalen Zeitung „Metro Times“. Ein Risikofaktor für Covid-19 seien chronische Krankheiten, unter denen diese Gruppe besonders leide. Und das habe viel mit der Armut, mangelndem Zugang zu Bildung und der schlechten Wohnsituation zu tun.

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Vor allem in der einstigen „Motor City“ Detroit, die unter dem Niedergang der Automobilindustrie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts und der damit einhergehenden Massenabwanderung wohlhabenderer Schichten extrem litt und sich vor sieben Jahren sogar insolvent erklären musste, ist die Lage dramatisch. Detroit ist eine der ärmsten Städte der USA - schon vor dem Coronavirus und den wirtschaftlichen Auswirkungen, die diese Krise auch hier haben wird.

Knapp vier Fünftel der Einwohner sind Afroamerikaner, mehr als ein Drittel lebt in Armut. In vielen Teilen der Stadt fehlt es an Ärzten und Kliniken, und manchmal auch an Supermärkten. „Wir machen uns wegen Detroit große Sorgen“, sagte der US-Chefimmunologe Anthony Fauci schon vor einigen Tagen.

Und der Bürgermeister der Stadt, Mike Duggan, erklärte am Samstag: „Ich weiß nicht, ob wir es schaffen, die Kurve (der Neuinfektionen) in Detroit abzuflachen. In New York haben sie das nicht geschafft, und die Zahl der Opfer ist schier unvorstellbar.“

Hintergründe zum Coronavirus:

Sorgen muss sich Detroit auch um seine Zukunft machen. Der zarte Aufschwung, über den sich die Stadt seit ein paar Jahren freut, wird aller Voraussicht nach im Zuge der Krise zunichte gemacht. Viele Unternehmen werden pleite gehen, und auch die größte US-Automesse in Detroit fällt dieses Jahr aus, ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Stadt. Das Messegelände dient jetzt als Feldlazarett.

Statt der größten US-Automobilmesse gibt es auf Detroits Messegelände nun ein Feldlazarett.
Statt der größten US-Automobilmesse gibt es auf Detroits Messegelände nun ein Feldlazarett.Foto: AFP/Jeff Kowalsky

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Die verbliebenen Automobilkonzerne General Motors und Ford konzentrieren sich inzwischen auf die Herstellung von Beatmungsgeräten statt auf Autos, auch, weil Präsident Donald Trump sie dazu ultimativ aufgefordert hat. Verdienen werden sie daran eher nichts. Aber sie könnten ihrer Stadt einen großen Dienst erweisen. Denn auch hier sind diese Geräte knapp - und wenn sich die düsteren Prognosen bewahrheiten, werden immer mehr Detroiter in den kommenden Tagen darauf angewiesen sein.

Neue Krisenherde entstehen: Pennsylvania, Colorado und Washington

Derweil bereiten sich andere Bundesstaaten und Städte darauf vor, dass sie als nächstes im Zentrum der Krise stehen werden. So warnten Fauci und die Koordinatorin der Regierungs-Taskforce, Deborah Birx, gerade davor, dass die Zahlen gerade in Pennsylvania, Colorado und in der Hauptstadt Washington stark nach oben gehen.

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Ob die Entwicklung im Bundesstaat New York dagegen schon ein „Licht am Ende des Tunnels“ ist, wie Trump bereits erklärt, ist offen. Zwar meldeten die Behörden am Sonntag mit immerhin noch 594 zusätzlichen Toten erstmals seit einer Woche eine leicht geringere Zahl als am Vortag, als 630 Menschen gestorben waren. Aber Gouverneur Andrew Cuomo warnt vor voreiligen Rückschlüssen: Man könne nicht anhand eines Tages feststellen, ob der Höhepunkt der Krise bereits erreicht sei. Dazu müsse man sich die Entwicklung über drei, vier Tage anschauen.

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