Coronavirus in Italien : Das sind die Folgen der drastischen Absperrungen

Italien hart Maßnahmen ergriffen, wie sie Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht gesehen hat. Was bedeutet das für das Land? Fragen und Antworten.

Mit Schutzmaske ins Kolosseum.
Mit Schutzmaske ins Kolosseum.Foto: Alberto Pizzoli/AFP

Italien ist der Staat in Europa, der am stärksten vom Coronavirus und der von ihm ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19 betroffen ist. Nun hat die Regierung drastische Maßnahmen ergriffen, um die zuletzt dramatische Verbreitung des Virus zu stoppen.

Wie geht Italien jetzt gegen die Epidemie vor?

Das neue Dekret zur Eindämmung des Coronavirus sieht Maßnahmen vor, wie sie Europa seit dem Zweiten Weltkrieg noch nie gesehen hat: Die gesamte Lombardei mit ihren zehn Millionen Einwohnern sowie 14 Provinzen mit weiteren insgesamt sechs Millionen Einwohnern (Parma, Piacenza, Rimini, Reggio Emilia, Modena, Pesaro und Urbino, Venedig, Padua, Treviso, Alessandria, Verbano-Cusio-Ossola, Novara, Vercelli und Asti) werden abgeriegelt. Sie dürfen – vorerst bis zum 3. April – weder betreten noch verlassen werden.

Supermärkte werden nur noch von Montag bis Freitag geöffnet sein; Schulen, Kinos, Theater, Museen, Schwimmbäder, Skigebiete und Fitnesszentren bleiben geschlossen. Mitarbeiter des Gesundheitssystems dürfen keinen Urlaub nehmen. Auch Pubs und Diskotheken sollen geschlossen bleiben, Feiern und Konzerte werden abgesagt.

Religiöse Zeremonien, darunter Hochzeiten und Beerdigungen, müssen verschoben werden. Bars und Restaurants dürfen geöffnet bleiben, aber nur, wenn sie sicherstellen können, dass zwischen den Gästen eine Mindestdistanz von einem Meter eingehalten werden kann. Viele dieser Vorschriften gelten auch für den Rest des Landes. Italien befindet sich im Katastrophenmodus.

Was bedeuten die Maßnahmen für die Bewegungsfreiheit der Bevölkerung?

Ministerpräsident Giuseppe Conte sagte zwar, dass die verordneten Maßnahmen „Unannehmlichkeiten bereiten werden und persönliche Opfer erfordern“. Gleichzeitig betonte er, dass das neue, gigantische Sperrgebiet nicht einfach „zum Stillstand“ kommen werde: Wer „dringende Gründe“ nachweisen könne – zum Beispiel berufliche –, dem bleibe die Ein- und Ausreise erlaubt.

Auch Flug- und Bahnverkehr würden nicht komplett gestoppt. Ortswechsel – auch innerhalb der Sperrzonen – müssten aber immer begründet werden: Die Polizeikräfte seien befugt, die Bürger anzuhalten und von ihnen Rechenschaft über ihre Bewegungen außerhalb der eigenen vier Wände zu verlangen.

Was hat die Regierung zu den drastischen Maßnahmen veranlasst?

Der Grund für die neuen Maßnahmen ist die weiterhin galoppierende Ausbreitung des Coronavirus in Italien: Am Samstag verzeichnete das Land die bislang größte Zunahme an Infektionen mit dem neuen Virus an einem Tag.

Nach Angaben der nationalen Zivilschutzbehörde vom Samstag stieg die Zahl der Fälle in 24 Stunden um 1247. Insgesamt waren damit am Samstag 5883 Menschen mit dem Virus infiziert. In dem Zeitraum starben 36 Menschen an der von dem Virus ausgelösten Lungenkrankheit Covid-19, insgesamt sind es seit Beginn des Ausbruchs am 21. Februar bereits 233 Todesfälle.

„Wir müssen die Ausbreitung der Infektionen begrenzen – und gleichzeitig müssen wir so vorgehen, dass eine Überlastung der Krankenhauseinrichtungen vermieden wird“, betonte Conte.

Ist das italienische Gesundheitssystem der Epidemie gewachsen?

Dies ist in der Tat die größte Sorge der Behörden. „Norditalien hat eines der besten Gesundheitssysteme der Welt, und dennoch stehen wir einen Schritt vor dem Kollaps“, sagte Antonio Pesenti, Chef des lombardischen Krisenstabs für Intensivmedizin. Bereits heute befänden sich in 50 Spitälern der Region etwa 600 an Covid-19 erkrankte Patienten auf der Intensivstation.

Weil sich die Zahl der Infizierten seit dem Beginn der Epidemie durchschnittlich alle 2,5 Tage verdoppelt, rechnet Pesenti allein für die Lombardei bis zum 26. März mit 18000 Personen, die positiv auf das Virus getestet werden; davon würden zwischen 2700 bis 3200 Intensivpflege benötigen.

„Wenn die Leute nicht endlich begreifen, dass sie zu Hause bleiben sollen, dann gibt es eine Katastrophe“, warnte der 68-jährige Mediziner. Um dem drohenden Zusammenbruch des Gesundheitssystems vorzubeugen, hat die Regierung Conte in der vergangenen Woche beschlossen, rund 20000 neue Ärzte, Pfleger und andere Hilfskräfte in Krankenhäusern und Gesundheitsämtern einzustellen.

Wie hat die Bevölkerung in den neuen Sperrzonen reagiert?

Die bereits am späten Samstagabend durchgesickerten Nachrichten über die neuen Notmaßnahmen haben in den betroffenen Gebieten zunächst zu großer Verunsicherung und zum Teil zu regelrechter Panik geführt.

Nur wenige Minuten nach Bekanntwerden des Dekrets hatten am Mailänder Bahnhof Porta Garibaldi Hunderte Studenten und Gastarbeiter aus Süditalien versucht, mit dem Nachtzug in ihre Heimat zu gelangen.

Wie italienische Medien berichteten, war der letzte Intercity des Tages um 23.20 Uhr übervoll, als er abfuhr. Inzwischen hat sich die Lage beruhigt. Um die ansässige Bevölkerung zu schützen, verhängten die Regionalpräsidenten Süditaliens für alle Rückkehrer eine zweiwöchige Heimquarantäne.

Was bedeuten die Maßnahmen für die Wirtschaft?

Die Folgen der neuen Notmaßnahmen für die Wirtschaft sind derzeit noch nicht absehbar: In den neuen Sperrzonen werden rund 40 Prozent des italienischen Bruttosozialprodukts und 60 Prozent der Exporte produziert.

Dass Italien mit seiner riesigen Staatsverschuldung und seiner stagnierenden Wirtschaft wegen der Corona-Epidemie in diesem Jahr in eine Rezession abrutschen wird, galt bereits wegen der zuvor eingeführten Maßnahmen als sicher.

Insbesondere die für Italien strategische Tourismusbranche erlebt schon jetzt ein veritables Desaster: Die Buchungen sind zum Teil um bis zu 90 Prozent zurückgegangen. Das neue Dekret hat in einigen der betroffenen wirtschaftsstarken Regionen bereits Proteste ausgelöst. Der Präsident der Region Venetien, Luca Zaia, hat am Sonntag die Rücknahme des Notdekrets gefordert. Der Bürgermeister von Asti, Maurizio Rasero, bezeichnete den neuen Erlass als „Verrücktheit“ und als „Desaster“.

Können die anderen EU-Länder von Italien lernen?

Paolo Bonanni, Hygiene-Professor in Florenz, ist überzeugt, dass Italien den Nachbarländern bei der Zahl der Corona-Fälle einfach eine oder zwei Wochen voraus ist. „Wahrscheinlich wird die Entwicklung in den anderen Ländern ähnlich verlaufen wie bei uns“, sagte Bonanni.

Die Nachbarn könnten aber von den Erfahrungen in Italien profitieren: „Wenn unsere Maßnahmen greifen, können sie von den anderen Ländern etwas früher eingeführt werden.“ Italien sei „ein Labor für andere Länder“ geworden.

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