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Junge Flüchtlinge informieren sich auf Arabisch zum Studium an der Freien Universität Berlin.
© Gregor Fischer/dpa/picture alliance

Fachkräftemangel und Flüchtlinge: Deutschland braucht einen Neuanfang - und Mentoren für Geflüchtete

Die Wirtschaft stöhnt, das Wachstum stottert. Grüne und FDP sollten eine Qualifizierungs- und Integrationsoffensive vorantreiben. Ein Kommentar.

Ein Kommentar von Malte Lehming

Bloß kein Weiter-so! Dieses Gelübde haben alle Parteien abgelegt. Es muss einen Neuanfang geben, einen Aufbruch. Das Programm der künftigen Koalition dürfe nicht durch kleinste gemeinsame Nenner definiert werden. Stattdessen brauche die neue Regierung eine große, zeitgemäße Erzählung. Voilà, hier ist ein Teil davon. Er heißt: Qualifizierungs- und Integrationsoffensive.

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Ein Blick auf die Zahlen veranschaulicht die Dringlichkeit des Projekts. Außerdem lässt er ahnen, wie sich in ihm die Humanität der Grünen und die Wirtschaftsfreundlichkeit der FDP auf wundersame Weise ergänzen könnten.

Sechzig Jahre nach Unterzeichnung des Anwerbeabkommens mit der Türkei plagt Deutschland erneut ein Mangel an Arbeitskräften. Dieser Mangel lässt die Wirtschaft stöhnen und das Wachstum stottern. Ob im Bau, bei der Pflege oder im Handwerk – alle Initiativen, um ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte ins Land zu holen, haben sich als unzureichend erwiesen. Die Bundesagentur für Arbeit fordert eine Zuwanderung von 400.000 Fachkräften pro Jahr.

Der Fokus muss sich auf die hier lebenden Menschen richten

Andererseits hat nur fast die Hälfte der Flüchtlinge, die zwischen 2013 und 2016 nach Deutschland kamen, inzwischen Arbeit gefunden. Fast zwei Drittel aller erwerbsfähigen Syrer etwa lebt ganz oder teilweise von Hartz IV. Ein Grund dafür sind traditionelle Familienbilder. Frauen, die Kinder betreuen, fehlen dem Arbeitsmarkt. Ein anderer Grund ist die Corona-Pandemie. Nur wenige Flüchtlinge hatten Jobs, in denen sie vom Homeoffice aus arbeiten konnten.

Wie sähe eine moderne Arbeitsmarkt- und Einwanderungspolitik aus? Statt sich auf die weitere Einwanderung von Fachkräften zu konzentrieren, muss sich der Fokus in doppelter Hinsicht auf die bereits hier lebenden Menschen richten. Das heißt, erstens, eine Großoffensive zur Qualifizierung der Geflüchteten, leichtere Anerkennung von schulischer und betrieblicher Ausbildung, der Aufbau eines Mentorsystems, in dem Einheimische bei Behördengängen oder Bewerbungen behilflich sind.

[Lesen Sie auch: So wird 60 Jahre später in Deutschland nach Fachkräften gesucht (T+)]

Es heißt, zweitens, die Abkehr vom Dogma, dass das Asylrecht kein Einwanderungsrecht sein darf. Menschen jahrelang über ihren Aufenthaltsstatus im Unklaren zu lassen, um sie am Ende einer quälenden Warterei abzuschieben, Kinder aus Klassenverbänden zu reißen, Freundschaften zu kappen, Lebenswege zu blockieren und Freundschaften zu zerstören, ist inhuman.

Qualifizierung wäre integrativer und billiger

Und es ist, angesichts des Fachkräftemangels, dumm. Der deutsche Staat hat in diese Menschen viel Geld investiert. Er hat sie die Sprache lernen lassen, untergebracht, gesundheitlich versorgt. Abschiebung um eines legalistischen Prinzips willen – Straftäter ausgenommen – ist oft ein Akt der Steuerverschwendung.

Gesundheitsminister Jens Spahn wirbt mit enorm hoher Anstrengung Pflegekräfte aus Vietnam, Tunesien und den Philippinen ab, die sich in Deutschland zunächst sehr fremd fühlen. Menschen zu fördern, die bereits seit Jahren hier leben, integriert sind und die Sprache sprechen, wäre integrativer und billiger.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in seiner Rede zum 60. Jahrestag des deutsch-türkischen Anwerbeabkommens gesagt: „Deutschland ist ein Land mit Migrationshintergrund." Es sei höchste Zeit, dass wir uns dazu bekennen. Aufbruch? Ja. Neuanfang? Ja. Auch in dieser Hinsicht.

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