zum Hauptinhalt
Schneebedeckt sind die Gleise am Hamburger Bahnhof Dammtor am frühen Montagmorgen.

© dpa/Marcus Brandt

Die unzuverlässige Bahn : Die fehlende Winterfestigkeit ist nicht das größte Problem

Bahnchaos durch Wintersturm Elli: Die Politik fordert, die Bahn solle sich winterfest machen. Das aber geht am Kern der Probleme vorbei. Mit anderen Maßnahmen wäre Reisenden mehr geholfen. 

Caspar Schwietering
Ein Kommentar von Caspar Schwietering

Stand:

Diesmal hat es die Deutsche Bahn zumindest versucht. Vor einigen Jahren stellte die DB bei so manchem Herbststurm vorsorglich den Bahnverkehr in ganz Norddeutschland ein – aus Angst, dass Bäume auf die Gleise fallen und Fahrgäste auf offener Strecke stranden könnten.

Am vergangenen Wochenende wollte die Bahn den Reisenden trotz des Schneesturms ein eingeschränktes Angebot bieten. Doch das erwies sich als Wunschdenken. Obwohl der Staatskonzern 14.000 Mitarbeiter in den Anti-Schnee-Einsatz schickte, zeigte sich schnell, dass der Staatskonzern in seiner derzeitigen Verfassung dem Wintersturm nicht gewachsen war.

Insbesondere rund um Hannover machten Schneeverwehungen und eingefrorene Weichen der Bahn zu schaffen. Da die Region ein zentrales Drehkreuz ist, stellte der Konzern den Fernverkehr in ganz Norddeutschland schließlich von Freitagmorgen bis Sonntagmorgen ein.

Die Unzufriedenheit mit dem Krisenmanagement der Bahn war danach groß. Von einem „Desaster“ sprach der aus Hamburg kommende CDU-Verkehrspolitiker Christoph Ploß. Auch Verkehrsminister Patrick Schnieder (CDU) glaubt, dass die Bahn bei allem Verständnis für die Unplanbarkeit von extremen Wetterlagen „Abläufe weiter optimieren“ kann.

Wie winterfest muss die Bahn sein?

Worte, aus denen die tradierte Erwartung spricht, dass die Bahn bei jedem Wetter fahren sollte, um die Mobilität der Menschen zu sichern. Das war einst auch das Selbstverständnis der Bundesbahn. Deshalb warb der Konzern in einer legendären Kampagne mit dem berühmten Slogan: „Alle reden vom Wetter. Wir nicht. Wir fahren immer.“

Nur stammt diese Werbung aus dem Jahr 1966. Bevor das allgemeine Bahn-Bashing also weitergeht, sei deshalb hier mal kurz die Frage erlaubt, ob die Idee überhaupt noch zeitgemäß ist, dass die Bahn trotz Schneesturms weiterfahren sollte.

11.01.2025, Niedersachsen, Hannover: Evelyn Palla, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn, gibt im Hauptbahnhof Hannover ein Pressestatement zum Zugverkehr während des Winterwetters ab. Foto: Moritz Frankenberg/dpa +++ dpa-Bildfunk +++
Bahnchefin Evelyn Palla erklärt am Hauptbahnhof Hannover, warum die Bahn dem Winterwetter nicht besser getrotzt hat.

© dpa/Moritz Frankenberg

Denn dafür braucht es sehr viel Spezial-Equipment. Der Chef des Fahrgastverbandes Pro Bahn, Detlef Neuß, rechnete vor, dass die Bahn nur noch über 70 Räumfahrzeuge verfügt. Allein die Reichsbahn der DDR soll früher hingegen 110 Schneepflüge gehabt haben.

Ist das ein Problem? Natürlich kann man beklagen, dass die Bahn nicht mehr ausreichend für einen kalten Winter vorsorgt. Man kann aber auch nüchtern die Frage stellen, ob sich der Aufwand noch lohnt, wenn ein echter Winter mit Schnee und Eis in Deutschland zur großen Ausnahme wird.

Auch wenn kein Schnee und kein Eis den Verkehr behindern, kommen derzeit in vielen Monaten nur die Hälfte aller Fernzüge pünktlich ans Ziel.

Caspar Schwietering

Auch in den Niederlanden hat der Schneesturm Elli den Bahnverkehr weitgehend lahmgelegt. Der Infrastrukturbetreiber Pro Rail und die niederländische Staatsbahn Nederlandse Spoorwegen, die zu den zuverlässigsten und pünktlichsten in ganz Europa gehört, waren für ein solches Wetter ebenfalls nicht gerüstet.

Die pragmatischen Niederländer haben auf den gelegentlichen Wintereinbruch offensichtlich keinen Fokus mehr gelegt. Dass es dann, wenn es doch mal kalt wird, zum Chaos kommt, nimmt man im Nachbarland anscheinend in Kauf.

Auch ohne Schnee ist die Bahn unzuverlässig

Diese Haltung muss man sich nicht zur eigen machen. Schließlich sind viele Menschen auf die Bahn angewiesen. Der Anspruch, dass Züge auch bei Extremwetter möglichst fahren sollten, bleibt grundsätzlich richtig. Nur sollte man zugleich nicht so tun, als sei der Winter das größte Problem der Deutschen Bahn.

Denn auch wenn kein Schnee und kein Eis den Verkehr behindern, kommen derzeit in vielen Monaten nur die Hälfte aller Fernzüge pünktlich ans Ziel. Die Deutsche Bahn muss also dringend zuverlässiger werden.

Im Vordergrund müssen dabei aber Maßnahmen stehen, die bei jedem Wetter helfen und nicht nur bei Minustemperaturen. In den großen Bahnhöfen braucht es mehr Reservezüge samt Personal. Falls ein ICE unterwegs liegen bleibt, muss die Bahn sie ersatzweise losschicken können.

Ebenso braucht es wieder mehr Weichen, damit Züge bei Störungen aufs Nachbargleis ausweichen können. Entlang der Gleise sollten Bäume so beschnitten werden, dass sie gar nicht erst auf die Gleise oder die Oberleitungen fallen können.

All diese Maßnahmen würden den Bahnbetrieb das ganze Jahr stabiler machen. Zugleich helfen sie auch im Winter. Mehr Schneefräsen und Schneepflüge dagegen sind wünschenswert, aber nicht mehr als ein schöner Zusatz.

Zur Startseite

showPaywall:
false
isSubscriber:
false
isPaid:
false
console.debug({ userId: "", verifiedBot: "false", botCategory: "" })