Die USA und der Nahe Osten : Als mich ein Lügner überzeugte

Ich bin misstrauisch, wenn jemand Beweise präsentiert. Denn ich habe an mir selbst erfahren, wie leicht sich Menschen manipulieren lassen. Eine Erinnerung.

US-Außenminister Colin Powell am 5. Februar 2003 vor dem UN-Sicherheitsrat.
US-Außenminister Colin Powell am 5. Februar 2003 vor dem UN-Sicherheitsrat.Foto: Timothy A. Clary/AFP

Ich war manipuliert worden, und ich hatte mich manipulieren lassen. Das war eine schmerzhafte Erfahrung. Weltbilder stürzten ein, Gewissheiten gerieten ins Wanken. Seitdem bin ich vorsichtig geworden, wenn mir Politiker Beweise präsentieren, angeblich unwiderlegbare Behauptungen aufstellen. Ich bin misstrauisch, wenn Kollegen über Indizien reden, die keinen Zweifel erlauben. Wie kommt es nur, frage ich mich dann, dass die sich so sicher sind?

In solchen Momenten kreist meine Erinnerung um den 5. Februar 2003, einen legendären Tag. In fast allen Ländern der Welt saßen die Menschen gebannt vor dem Fernseher. So auch ich. Als USA-Korrespondent berichtete ich über den Auftritt des amerikanischen Außenministers Colin Powell vor dem UN-Sicherheitsrat. Powell war ein Guter, das Gegenstück zu Dick Cheney und Donald Rumsfeld. Ihm durfte zu trauen sein, dachte ich.

Powells Präsentation dauerte 80 Minuten. Er spielte heimlich abgehörte Tonbandmitschnitte ab, auf denen angeblich zu hören war, wie sich irakische Regierungsvertreter und Militärs über das Verstecken von Material vor den UN-Waffeninspektoren unterhalten. Auf einem der Bänder ist ein irakischer Offizier zu hören, der befiehlt, „Nervengas“ wegzuschaffen.

Powell zeigte Satellitenfotos, auf denen angeblich zu sehen ist, dass Bagdad Raketenstartrampen und Raketen in großen Palmenanlagen versteckt. Auf einem der Bilder ist eine Munitionsfabrik zu sehen, in der leere Gefechtsköpfe für Chemiewaffen gefunden worden waren. Powell zitierte Augenzeugen, die von mobilen Bio-Labors berichten, in denen innerhalb von wenigen Wochen Munition hergestellt werden kann. Ein Chemieingenieur erzählt von der Produktion von Kampfstoffen.

Powell sagte: „Dies sind nicht Behauptungen. Wir geben ihnen Fakten und Schlussfolgerungen auf der Basis solider geheimdienstlicher Erkenntnisse.“ Zu den „Fakten und Schlussfolgerungen“ gehört, dass der Irak weiterhin über biologische und chemische Waffen verfügt. „Hier wird getäuscht, hier wird versteckt und verborgen.“

Es war eine riesige Show, perfekt inszeniert

Es war eine riesige Show, perfekt inszeniert. Die Indizienkette wurde lang und länger. Zuvor war in US-Medien an den 25. Oktober 1962 erinnert worden, die Zeit der Kubakrise, den Auftritt des amerikanischen UN-Vertreters Adlai Stevenson vor dem UN-Sicherheitsrat. Stevenson fragte den sowjetischen UN-Vertreter Valerian Zorin: „Leugnen Sie, dass die UdSSR Mittelstreckenraketen auf Kuba stationiert? Ja oder nein – warten Sie nicht auf die Übersetzung – ja oder nein?“ Zorin wich aus. Dann präsentierte Stevenson 26 großformatige Fotos, auf denen die sowjetischen Raketenanlagen zu sehen sind. Moskau war überführt.

Ein Mosaikstein fügte sich ins andere

Die Parallele drängte sich auf und schien so nahe zu liegen. Und außerdem: Kein prominenter westlicher Politiker bestritt, dass Saddam Hussein Massenvernichtungswaffen hatte. Es gab viele Skeptiker, die nicht überzeugt waren, aber fest vom Gegenteil mochte niemand ausgehen.

Fest stand: In den achtziger Jahren hatte der Irak Chemiewaffen hergestellt und im Krieg gegen den Iran eingesetzt. Später tat er dasselbe gegen die Schiiten und Kurden im eigenen Land. Gegenüber den UN-Waffeninspektoren hielt er sein Biowaffenprogramm geheim. Erst 1995 wurde es enttarnt. Anschließend begann zwar die Vernichtung der Bestände, aber als die Inspektoren 1998 das Land verließen, war die Vernichtung nicht abgeschlossen.

Ich war überzeugt. Ein Mosaikstein fügte sich ins andere. Das Bild, das entstanden war, ließ keine Zweifel mehr zu. Am Tag nach Powells Auftritt schrieb ich in einem Leitartikel: „Wer jetzt noch die Augen verschließt vor den Tricks, mit denen Saddam Hussein operiert, den wird nichts überzeugen. Bis zum Beweis des Gegenteils gilt: Der Irak verfügt über biologische und chemische Waffen.“

Durch Lug und Trug war ein Krieg begründet worden

Irakische Massenvernichtungswaffen wurden nie gefunden. Powell entschuldigte sich später für die von ihm verbreiteten Lügen, die auf Material fußten, das manipuliert worden war. Sein Auftritt vor dem UN-Sicherheitsrat sei ein „Schandfleck“ seiner Karriere gewesen. George W. Bush bezeichnete Behauptungen über irakische Massenvernichtungswaffen als den „größten Fehler“ seiner Amtszeit.

Durch Lug und Trug war ein Krieg begründet worden. Der demokratische US-Senator Henry Waxman untersuchte ein Jahr nach Beginn des Irakkrieges alle Äußerungen der Bush-Regierung und registrierte bei 125 Auftritten 237 Irreführungen. Ausschmückungen, Unterlassungen, Verdrängungen und Übertreibungen waren die Regel, nicht die Ausnahme. Auch ich hatte mich manipulieren lassen. Daran denke ich in diesen Tagen oft.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!