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Zwei Jungs auf dem Nachhauseweg von ihrer Schule in Nairobi: Schon bald werden 60 Prozent der Afrikaner unter 25 Jahre alt sein.
© Thomas Mukoya/Reuters

Gipfel mit der EU in Abidjan sucht auch neue Migrationswege: Diesseits von Afrika

Wenn am Mittwoch der EU-Afrika-Gipfel beginnt, geht es vor allem um die Gespräch im Umfeld des Treffens. Auch die Bundeskanzlerin wird dabei sein.

Anspruch und Wirklichkeit liegen in den Beziehungen der Europäischen Union mit ihrem Nachbarkontinent Afrika oft weit auseinander. Beim Gipfeltreffen an diesem Mittwoch in Côte d’Ivoire wollen sich die Partner auf Augenhöhe begegnen. Natürlich. Doch wie ungleich die Partner sind, wurde schon bei der Organisation des Treffens deutlich. Den Gastgeber stellte es vor enorme Schwierigkeiten, in der ivorischen Hauptstadt Abidjan einen geeigneten Tagungsort für eine so große Veranstaltung zu finden. 54 Staaten umfasst der afrikanische Kontinent, 28 hat derzeit noch die EU.

Konkrete Vereinbarungen sind bei der zweitägigen Zusammenkunft in diesem Format kaum zu erwarten. Schließlich sind die Interessen und Ausgangspositionen der Afrikaner ebenso unterschiedlich, wie man es aus Europa gewohnt ist. Bitterarme Länder, in denen die Bevölkerung Hunger leidet, sind ebenso vertreten wie die Industrienation Südafrika, das ölreiche Nigeria und die arabischen Staaten Nordafrikas. Auf europäischer Seite verbinden vor allem Großbritannien und Frankreich handfeste Wirtschaftsinteressen mit Afrika, die Osteuropäer hingegen schauen auf den Kontinent erst, seit sich die EU mit einer wachsenden Zahl von Migranten aus Afrika konfrontiert sieht.

Die Bundeswehr ist in sechs afrikanischen Ländern aktiv

Deutschland wiederum investiert traditionell viel in die Entwicklung des Kontinents und hat Schritt für Schritt auch sein militärisches Engagement ausgeweitet – um Bürgerkriege und Staatszerfall zu verhindern und islamistische Bewegungen einzudämmen. Aktuell ist die Bundeswehr in sechs afrikanischen Ländern aktiv. Der Einsatz in Mali hat mit rund 1000 entsandten Soldaten inzwischen sogar eine größere Bedeutung als der in Afghanistan.

Die Migrationskrise setzt die Europäer unter Druck. Zwar haben nur die wenigsten Afrikaner, die nach Europa kommen, einen Anspruch auf Flüchtlingsschutz oder politisches Asyl. Dennoch gehen in der Hoffnung auf ein besseres Leben Hunderttausende große Risiken ein, um in die EU zu gelangen. Mehr als 2800 Migranten sind in diesem Jahr bereits im Mittelmeer ertrunken. Fast alle stammten aus Afrika. Seit einigen Monaten sind zwar deutlich weniger Flüchtlingsboote auf dem Mittelmeer unterwegs – die Ankunftszahlen von Migranten in Italien liegen mit knapp 117000 deutlich unter denen des vergangenen Jahres –, dafür machen nun aber Berichte über unmenschliche Bedingungen in den Transitländern die Runde. Besonders kritisch ist die Lage in Libyen. Seit Italien auf eigene Faust, aber wohl mit dem Einverständnis seiner europäischen Partner die libysche Regierung und einzelne Milizen für die Eindämmung von Schlepperbanden bezahlt, werden in dem Land Zehntausende Afrikaner in Lagern festgehalten, manche gar auf Sklavenmärkten für Arbeiten in der Landwirtschaft oder in der Ölwirtschaft angeboten. Die Kritik an den Zuständen fällt auf die EU zurück. „Die sogenannten europäischen Kooperationsangebote sind in Wahrheit schmutzige Deals mit Regimen, in denen eklatante Menschenrechtsverletzungen an der Tagesordnung sind“, sagt etwa Ramona Lenz von Medico International.

60 Prozent aller Afrikaner sind jünger als 25 Jahre

Beim Gipfel in Abidjan soll über Rückführungsprogramme für gestrandete Migranten gesprochen werden. Darüber hinaus wollen die Staats- und Regierungschefs aber auch über langfristige Hilfen beraten, die darauf abzielen, jungen Afrikanern Perspektiven in der eigenen Heimat zu eröffnen. Die Fakten sprechen eine klare Sprache: Bis 2050 könnte sich die Bevölkerung des Kontinents auf 2,5 Milliarden Menschen verdoppeln; schon heute sind mehr als 60 Prozent aller Afrikaner jünger als 25 Jahre.

Doch die wenigsten Länder des Kontinents kommen wirtschaftlich voran, Hunger und Armut steigen sogar wieder an – trotz massiver Entwicklungshilfe. Patentrezepte haben die Europäer nicht anzubieten. Sie wollen aber die Wirtschaft stärker ins Boot holen und mehr Investitionsanreize für Unternehmen schaffen. Die oft kritisierten Handelsverträge der EU mit afrikanischen Staaten, die vor dem G-20-Gipfel auch von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) als nicht ausgewogen bezeichnet wurden, stehen in Abidjan indes nicht auf der Tagesordnung.

Es geht auch um zirkuläre Migration - die Rückkehr in die Heimat nach einer Ausbildung in Europa

Wie auch bei anderen großen Gipfeln sind Ergebnisse ohnehin eher von bilateralen Gesprächen im Umfeld des Treffens zu erwarten. Die Bundeskanzlerin wird in Abidjan mehrere afrikanische Staatschefs treffen. Dabei wird es möglicherweise auch um legale Mirgrationswege nach Deutschland gehen. Merkel hatte schon im Wahlkampf angekündigt, dass sie sich entsprechende Regelungen vorstellen könne. Denkbar wären offenbar bilaterale Vereinbarungen, die jungen Afrikanern ein Studium oder eine Ausbildung sowie einige Jahre Berufserfahrung in Deutschland ermöglichen würden. Danach müssten die jungen Leute allerdings in ihre Heimat zurückkehren. Zirkuläre Migration nennt sich das. In den Sondierungsgesprächen für eine Jamaika-Koalition wurde später auch über ein Einwanderungsgesetz verhandelt. Ob das in einer anderen Regierungskonstellation ebenfalls wieder zum Thema wird, ist unklar.

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