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Fußgängerzone einer deutschen Innenstadt.
© Jan Woitas / dpa

Die Nachbarin mit Benzin verbrannt: „Ein ganz gewöhnlicher Rassist aus der Mitte der Gesellschaft“

Am 14. Oktober 1994 wurde die 62-jährige Alexandra Rousi ermordet. Von Behördenseite hieß es zuvor, man müsse selbst mit dem hasserfüllten Nachbarn klarkommen.

„Deutschland hat uns einfach vergessen.“ Die Stimme von Chara Rousi klingt brüchig. Manchmal fehlen der 54-Jährigen die deutschen Worte, um zu beschreiben, was am 14. Oktober 1994 das Leben ihrer Familie in Paderborn zerstört und Chara Rousi zusammen mit ihrem Ehemann und ihren zwei Kindern nach Griechenland vertrieben hat.

Der Mann, der am Vormittag des 14. Oktober 1994 insgesamt 24 Liter Benzin an einer Tankstelle in zwei Eimer füllt, um sie wenige Minuten später vor der Wohnungstür von Chara Rousi auszukippen, ist kein Unbekannter. Es ist der 62-jährige Nachbar aus der Wohnung im Erdgeschoss.

Sieben Jahre lang haben sie sich täglich im Hausflur oder im Garten des bescheidenen Zweifamilienhauses getroffen. Immer wieder endeten diese Begegnungen mit wüsten rassistischen Anfeindungen und Drohungen des Nachbarn. Auch 26 Jahre später hat Chara Rousi keinen dieser Sätze vergessen.

„‚Ausländerschweine, Scheiß Kanaken, geht dahin, wo ihr herkommt’, damit hat er uns begrüßt und verabschiedet“, sagt Chara Rousi. „Die Drohungen wurden so schlimm, dass die Schulfreunde unserer Kinder nicht mehr zu uns nach Hause kommen wollten, aus Angst, auf den Nachbarn zu treffen“.

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Chara Rousi wurde als Kind griechischer Arbeitsmigranten 1966 in Hamburg geboren und übernahm Ende der 1980er Jahre als junge Frau mit ihrem acht Jahre älteren Ehemann Niko in der Innenstadt von Paderborn einen kleinen Imbiss. „Das Geschäft war unser Lebensmittelpunkt“, erinnert sie sich.

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Stolz erzählt sie, wie aus dem „Gyros Grill bei Nikos’ in wenigen Jahren ein beliebter Anlaufpunkt in der damals 130.000 Einwohnerstadt wurde. „Wir haben so viel geschuftet, bis spät in die Nacht, dass meine Schwiegermutter ihre Arbeit aufgab, um unsere Kinder zu versorgen.“ Den bedrohlichen Nachbarn habe man „so gut es ging“ versucht zu beruhigen oder zu ignorieren.

Denn alle Hilferufe, das städtische Liegenschaftsamt als Verwalter des Zweifamilienhauses dazu zu bewegen, auf den Nachbarn einzuwirken, liefen ins Leere. Immer wieder erhielt Niko Rousi dort die lapidare Antwort, da könne man nichts machen, das müssten die Nachbarn untereinander regeln.

1992 Mölln, 1993 Solingen

Auch als der Nachbar vier Tage vor dem 14. Oktober mit einem Knüppel vor der Familie Rousi stand und drohte, er werde jetzt zuschlagen, wenn sie nicht endlich „nach Griechenland abhauen würden“, geht Niko Rousi erneut zum Liegenschaftsamt. Wieder wird er mit dem Satz abgewimmelt, man könne nichts tun.

Sie hätten in den Nachrichten von den Brandanschlägen auf die Häuser türkeistämmiger Familien im November 1992 in Mölln und im Juni 1993 in Solingen gehört, sagt Chara Rousi. „Aber das erschien sehr weit weg. Unseren Imbiss aufzubauen und unsere kleinen Familie zusammenzuhalten, hat unser Leben ausgefüllt“.

„Ich zünde euch alle an“

Als der Nachbar am Vormittag des 14. Oktober vor der Haustür ihren Ehemann Niko mit zwei gezielten Faustschlägen zu Boden bringt, sind die zwei Kinder der Familie in der Schule. Chara und ihre Schwiegermutter Alexandra Rousi wollen gerade die Wohnung im zweiten Stock verlassen, um mit Niko wie fast jeden Morgen in den Imbiss zu fahren.

Der Hass, mit dem der 62-jährige Nachbar die Drohung „Ich zünde euch alle an“ durch das Treppenhaus brüllt, lässt die beiden Frauen vor der Wohnungstür erstarren. Alexandra Rousi, die jahrelang als Köchin bei den britischen Streitkräften gearbeitet hatte, stellt sich dem gleichaltrigen Nachbarn auf der Treppe entgegen. Gemeinsam mit ihrer Schwiegertochter versucht die 62-Jährige dem Mann die Benzineimer zu entreißen – und scheitert.

Rechtsextremisten haben wischen 1990 und 2020 in Deutschland mindestens 187 Menschen ermordet, in den offiziellen Statistiken tauchen nur 109 von ihnen auf. Sehen Sie hier eine Dokumentation aller Namen und Fälle der Opfer.

Als der Mann ein brennendes Streichholz auf den Boden wirft, der längst benzingetränkt ist, entsteht sofort eine riesige Stichflamme. Alexandra Rousi verbrennt auf der Schwelle zu ihrer Wohnung; Chara Rousi kann sich vor dem Flammenmeer in letzter Minute durch einen Sprung vom Balkon retten. Niko Rousi, der die verzweifelten Schreie seiner Mutter und Ehefrau gehört hatte, erleidet schwere Brandverletzungen als er versucht, durch den brennenden Hausflur zu seiner Mutter zu gelangen.

Als die Feuerwehrleute eintreffen, finden sie im Erdgeschoss den Nachbarn in brennender Kleidung vor der Tür seiner Wohnung und im Stockwerk darüber die verkohlten Überreste von Alexandra Rousi.

Mehr als 80 rechtsextreme Brandanschläge und rund 900 rechtsextreme Gewalttaten und acht rechtsextreme Tötungsdelikte meldet das Bundesamt für Verfassungsschutz in dem Jahr 1994, in dem Alexandra Rousi dem tödlichen Hass ihres Nachbarn zum Opfer fällt. Der Brandanschlag auf die griechischstämmige Familie findet sich nicht darunter. Bis heute wird Alexandra Rousi in keiner der einschlägigen Statistiken und Listen als Opfer einer politisch rechts motivierten, tödlichen Gewalttat genannt.

„Leider weit verbreiteten Wahrnehmungsdefizite“

Der Berliner Politikwissenschaftler Christoph Kopke, der die Erfassungsdefizite bei rechten und rassistisch motivierten Tötungsdelikten in Brandenburg untersucht hat, sieht in dem Fall aus Paderborn, die „leider weit verbreiteten Wahrnehmungsdefizite der so genannten Baseballschlägerjahre“.

Der Täter habe eben nicht dem klassischen Klischee eines neonazistischen Straftäters entsprochen: Er war kurz vor dem Rentenalter und auch kein Mitglied einer der neonazistischen Parteien oder verbotenen Organisationen wie der „Nationalistischen Front“, sondern ein „ganz gewöhnlicher Rassist aus der Mitte der Gesellschaft“, so Kopke.

Damit sei er in dem damals geltenden „eher lückenhaften Klassifikationssystem für politisch motivierte Gewalttaten“ durch viele Raster gefallen. In Paderborn gab man sich damals erleichtert mit der Erklärung der Staatsanwaltschaft zufrieden, es habe sich um die Tat „eines Wahnsinnigen“ gehandelt. Ein Ermittlungsverfahren wird erst gar nicht eröffnet, schließlich starb auch der Täter an seinen schweren Brandverletzungen.

Verletzt und traumatisiert verkauften Chara und Niko Rousi ihren Grillimbiss und verließen Deutschland wenige Monate nach dem tödlichen Anschlag. In Griechenland, das Chara Rousi bis dahin nur aus Familienurlauben kannte, hofften sie auf einen Neuanfang „in Sicherheit.“

Vom 14. Oktober 1994 sind ihrem Ehemann „die Narben am Körper und Seele und die vielen Arztbriefe und Versicherungsschreiben“ geblieben und die Sehnsucht nach der wirtschaftlichen Sicherheit, die der gutgehende ‚Gyros Grill bei Nikos’ in Paderborn geboten hatte.

In einem kleinen Urlaubsort an der Küste des Epirus führt Chara Rousi inzwischen seit vielen Jahren eine Boutique. Ihre liebsten Kunden seien Deutsche, sagt sie. Sie habe „keinen Hass auf Deutsche“. Doch etwas müsse sich ändern: „Der deutsche Staat und die Gesellschaft sollen anerkennen, dass meine Schwiegermutter einem rechten Anschlag zum Opfer gefallen ist.“

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