Eine "b’soffene G’schicht" : So reagiert Österreich auf das Strache-Video

Geheime Videoaufnahmen belasten FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache. Muss er zurücktreten? Was macht Kanzler Sebastian Kurz? So reagieren österreichische Medien.

Vizekanzler Heinz-Christian Strache (links) und Kanzler Sebastian Kurz im April.
Vizekanzler Heinz-Christian Strache (links) und Kanzler Sebastian Kurz im April.Foto: REUTERS/Leonhard Foeger

Der österreichische Vizekanzler Heinz-Christian Strache soll einer vermeintlichen russischen Oligarchennichte staatliche Aufträge versprochen haben - gegen Wahlkamphilfe. Das zeigen geheime Videoaufnahmen, die der "Spiegel" und die "Süddeutsche Zeitung" am Freitag enthüllten. Der österreichische Kanzler Sebastian Kurz (ÖVP) hat sich bislang nicht geäußert und kündigt eine Pressekonferenz für Samstag an. Die FPÖ-Politiker selbst sprechen von einem "rein privaten" Treffen in "lockerer, ungezwungener und feuchtfröhlicher Urlaubsatmosphäre". Wir haben einige Reaktionen österreichischer Medien zusammengefasst.

Der Standard: "So besoffen kann keiner sein"

"Nüchtern betrachtet: Für wie besoffen halten Strache und Gudenus eigentlich ihren Koalitionspartner ÖVP, dass sie annehmen können, dass er ihnen nach all den Buben- und Burschenstreichen, die das Land in den vergangenen 500 Tagen der FPÖ-Regierungsbeteiligung bewegt haben, auch diese Geschichte durchgehen lässt? Für wie besoffen halten sie ihre Wähler, denen sie stets versichert haben, dass sie die einzigen Saubermänner der Nation wären?

Dass sie dafür sorgen würden, dass Aufträge nur ganz sauber vergeben würden? Dass Parteispenden nur nach penibelster Prüfung und nur von ganz gewöhnlichen kleinen Leuten angenommen würden? Oder dass die bösen Medien halt nur das Allerböseste über die FPÖ berichten würden, wo die Blauen doch die reinsten Unschuldslamperln wären?", kommentiert Conrad Seidl im "Standard" - und hofft auf einen spannenden Wahlkampf.

Wiener Zeitung: "Ohne Hose, auf Video"

"Die Situation war offensichtlich eine gezielt gestellte Falle. Wobei die Szenerie so hanebüchen klischeehaft anmutet – samt der vorgeblich schwerreichen russischen Oligarchen-Nichte –, dass es fast die schmerzlichste Erkenntnis darstellt, dass zwei, die sich selbst für höchste Ämter berufen fühlen, nicht das geringste Gespür für die Lage aufbringen. Man wähnt sich über allen Normen. Keine Spur eines Gedankens, der über das Ich hinausgeht", schreibt Walter Hämmerle, Chefredakteur der Wiener Zeitung im Leitartikel. Und bezüglich Kurz: "Der Kanzler steht vor einer Entscheidung, die seine höchstpersönliche politische Zukunft prägen wird. So oder so."

OÖNachrichten: "Kurz muss handeln"

"Bilder lügen nicht, sie können nicht dementiert, relativiert oder verniedlicht werden. Gegen diese Bilder wird auch die übliche Verteidigungsmaschinerie der FPÖ daher nichts auszurichten vermögen, es ist diesen Bildern weder eine feindliche "Lügenpresse" vorgeschaltet (eine gebräuchliche Rechtfertigung), sie sind kein "Fake" und es wird nichts helfen, sich auf die Eigendynamik der Situation, böse Mächte oder den Alkohol, der im Spiel gewesen sein dürfte, auszureden. HC Sprache, heute Vizekanzler der Republik, formell damit der dritthöchste Amtsträger dieses Landes, hat sich - damals noch im Wahlkampf - in eine Situation manövriert, die jeder vernünftige Bürger in diesem Land, der dieses Video sehen wird, für unentschuldbar halten muss", kommentiert der Oberöstereichische-Nachrichten-Chefredakteur Gerald Mandlbauer die "Ibiza-Affäre" des Vizekanzlers.

Er erinnert an einen österreichischen Innenminister, der gehen musste, nachdem er sich gegenüber Journalisten als käuflich gezeigt hatte: Ernst Strasser. "Was Spiegel und Süddeutsche nun über HC Sprache und Johann Gudenus publizierten, ist Strasser zum Quadrat", schreibt Mandlbauer.

Die Presse: "Weiterwirken als Vizekanzler kaum möglich"

"Die relevante Frage ist: Ist Heinz-Christian Strache als Vizekanzler noch tragbar?", fragt Oliver Pink von der österreichischen Tageszeitung "Die Presse". Für Strache spreche, dass er in dem Gespräch mit der vermeintlichen russischen Oligarchentochter mehrfach betone, nichts Illegales tun zu wollen. "Das war es dann aber schon. Denn was Strache sonst von sich gibt, macht ein Weiterwirken als Vizekanzler kaum möglich. Er erklärt der falschen Sponsorin, dass sie ihr Geld, das sie der FPÖ zu überweisen gedenke, am Rechnungshof vorbei spielen könne und nicht direkt auf das Konto der Partei einzahlen solle, sondern an einen Verein. So wie es auch andere namhafte Unternehmen machen würden. Auch diese hat Strache nun in die Sache mit hineingezogen bzw. diese werden sich selbst für solch für möglich gehaltene Praktiken ihrerseits rechtfertigen müssen."

Die Affäre könne mehrere Folgen haben, etwa den Rücktritt des Vizekanzlers und dessen Ersatz durch einen anderen FPÖ-Politiker wie Norbert Hofer. "Das würde die Sache aber nur geringfügig besser machen. Denn die Methoden Straches sind letztlich auch die Methoden der FPÖ. Und Hofer müsste sich auch fragen lassen, ob er von diesen Praktiken nichts wusste. Er wäre ja als Infrastrukturminister dann theoretisch für die Abwicklung des „Gegengeschäfts“ verantwortlich gewesen."

Krone: "Attacke auf Krone geplant!"

Und was schreibt die Zeitung, um die es schließlich in der Affäre ging, die teilweise von der vermeintlichen russischen Investorin aufgekauft werden sollte? Die "Kronenzeitung" sieht sich selbst als Opfer: "Die Unabhängigkeit der Krone sollte also geopfert werden, damit die Freiheitliche Partei die Wahl gewinnt", schreibt die Zeitung.

"Mit Mut, Haltung und ihrer kritischen Einstellung gegenüber den Mächtigen hat sie (die Kronenzeitung, Anm.) seit jeher alle Einflüsse abgewehrt und Erfolgsgeschichte geschrieben. Einzig ihren Lesern verpflichtet wird sie das auch weiterhin tun - allen Gewalten zum Trotz!", kommentiert die Zeitung.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!

26 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben