Eine Jüdin und eine Muslima im Gespräch : „Wir beten ja sogar in dieselbe Richtung“

Die eine Jüdin, die andere Muslima: Gesa Ederberg und Pinar Cetin über die vielen Gemeinsamkeiten zweier Minderheiten in Deutschland – und ihre Freundschaft.

Pinar Cetin (links) und Gesa Ederberg (rechts)
Pinar Cetin (links) und Gesa Ederberg (rechts)Foto: Thilo Rückeis

Die gebürtige Berlinerin Pinar Cetin hat Politikwissenschaften an der FU studiert. Sie ist Diversity- und Antigewalttrainerin und arbeitet als Expertin für Islam, Islamfeindlichkeit und Extremismusprävention. Viele Jahre arbeitete sie ehrenamtlich in der Sehitlik-Moschee in Neukölln. Sie leitet die von ihr mitgegründete Deutsche Islam-Akademie.

Gesa Ederberg ist Gemeinderabbinerin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und zuständig für die Synagoge Oranienburger Straße. Sie ist Gründerin von „Masorti e.V. – Verein zur Förderung der jüdischen Bildung und des jüdischen Lebens“, der unter anderem Träger eines bilingualen Kindergartens und einer bilingualen Grundschule in Berlin ist.

Es ist Weihnachten, ein guter Zeitpunkt, über Religion zu sprechen. Sie allerdings haben die erste – christliche – Adventswoche vor Kurzem dazu genutzt, auf einer Podiumsdiskussion der Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus dem interreligiösen Dialog adieu zu sagen. Warum?
EDERBERG: Wir, die wir das nun teils seit zwanzig Jahren machen, sind in gewisser Weise damit durch. Wir wissen, dass wir einen gemeinsamen Gott haben, wir wissen, dass wir als Gläubige eine transzendentale Wahrheit teilen, die die Religionen unterschiedlich aussprechen. Aber angesichts dessen, was in dieser Gesellschaft gerade los ist, hilft es wenig, wenn wir uns auf unsere religiösen Wurzeln zurückziehen.

Sind Sie sich über den gemeinsamen Gott so sicher? In der evangelischen Kirche gab es vor gut einem Jahrzehnt noch Zweifel. Das ging sogar ein in eine Anleitung zum christlich-muslimischen Dialog.
CETIN: Wir können nicht für alle sprechen. Aber die, die sich seit Jahren treffen, sprechen über einen Gott. Über diesen Punkt wollen wir aber hinaus. Wir brauchen gemeinsame Veranstaltungen, nicht nur zwischen zehn theologisch Interessierten, wir wollen das nach außen tragen, in Kitas und Schulen. Was wir gemeinsam haben, soll sichtbarer werden. Als die jüdische Grundschule, in der wir hier sitzen, vor zwei Jahren eröffnet wurde, war ich dabei. Nicht als Partnerin im interreligiösen Dialog, sondern als Freundin von Gesa. Ich wollte ihre Freude teilen.

EDERBERG: So wie wir auch nicht deshalb gemeinsam bei mir zu Hause feiern. Pinar und ihre Familie würden einfach fehlen, wenn sie nicht mit am Tisch säßen.

CETIN: Und da würden wir eine Journalistin auch gar nicht so gern dabeihaben – so ist das mit der größeren Sichtbarkeit nicht gemeint.

Wie denn?
CETIN: Wir machen häufig jüdisch-muslimische Schulbesuche, informieren gemeinsam über Judentum und Islam und stellen fest: Das gemeinsame Bild bleibt viel stärker in den Köpfen hängen als vieles, was gesagt wird. Das interessiert auch, aber am Ende bleibt das Bild: Die Rabbinerin und die Muslima standen nebeneinander, und in der Pause haben sie sogar zusammen gelacht. Da macht es klick.

Frau Ederberg, Sie gehören Masorti an, einer konservativen Richtung des Judentums, Sie, Frau Cetin, tragen mit dem Kopftuch sowieso das Etikett „streng religiös“. Wie geht das zusammen?
EDERBERG: Das verbindet uns sogar. Weil wir religiös eher konservativ sind, wollen wir nicht den kleinsten gemeinsamen Nenner. Ich lebe mein Judentum voll, du den Islam. Das macht es spannend. Wir passen eben deshalb so gut zusammen, weil wir in einer ähnlichen Verbindung von Tradition und Aufgeschlossenheit leben.

CETIN: Ich glaube, dass religiöse Menschen mehr Verständnis und Empathie füreinander haben. Wenn ich mit einer Jüdin auf einem öffentlichen Podium sitze, fühle ich mich gleich wohler. Wir sehen uns meist als Verbündete, wenn es um Fragen wie Neutralität in Schule und öffentlichem Dienst geht und wir beide sagen: Okay, aber wir wollen auch unsere Religion in der Öffentlichkeit nicht verbergen müssen. Ich bin sicher, dass die Debatte um Beschneidung ganz anders gelaufen wäre, wenn es nicht die jüdischen Verbündeten und Freunde gegeben hätte.

EDERBERG: Wir haben viele ähnliche Regeln, die Gebets- und Essensvorschriften. Wenn wir eine muslimische Gruppe in der Synagoge haben, entsteht keine Verlegenheit, wenn kurz vor dem geplanten Mittagessen deren Gebetszeit gekommen ist und sie einen Gebetsraum brauchen. Wir beten ja sogar in dieselbe Richtung.

CETIN: Sprichst du gerade von Mekka?

EDERBERG: Von Berlin aus gesehen liegt Jerusalem auf dem Weg nach Mekka.

Sind jüdisch-muslimische Bündnisse denn nicht sehr asymmetrisch? Es gibt etwa 200.000 Juden in Deutschland, aber bis zu fünf Millionen Muslime. Andererseits ist die jüdische Community wort- und wirkmächtiger in Deutschland – Sie nannten selbst den Beschneidungskonflikt vor ein paar Jahren –, die muslimische steht dagegen gesellschaftlich am Rande.
CETIN: Wir sind mehr, die Juden sind politisch stärker. Das ergänzt sich doch.

EDERBERG: Ob 200.000 oder Millionen, Minderheit ist Minderheit, jedenfalls im Verhältnis zur Mehrheit. Nebenbei: Wir sind in Deutschland wie die Muslime eine Migrationsgemeinschaft: 80 Prozent etwa der jüdischen Gemeindemitglieder haben einen Einwanderungshintergrund. Hier an der Grundschule gibt es 14 Familiensprachen. In Neukölln würden wir als Brennpunktschule gelten. Aber im gutbürgerlichen Charlottenburg ist das positiv gesehene Vielfalt.

Jetzt sind wir tatsächlich über den interreligiösen Dialog hinaus. Aber genügen diese Gemeinsamkeiten für strategische Bündnisse?
EDERBERG: Ich kann auch in die Geschichte schauen. Die Muslime sind heute in mehrfacher Hinsicht in derselben Lage wie die Juden in Deutschland im 19. Jahrhundert. Wie die Muslime heute wurden sie zu Orientalen erklärt und sie standen unter einem ebenso starken Assimilationsdruck. Wussten Sie, dass es damals schon die Deutschpflicht für Rabbiner gab? In Württemberg wurden sie, um zugelassen zu werden, von katholischen und evangelischen Theologen und Philosophie-Professoren der Universität Tübingen geprüft. Das ist eins zu eins wie heute.

Für die Juden hat sich das aber erledigt.
EDERBERG: Das Misstrauen gegen die Juden, das in den Abgrund der Shoah geführt hat, ist immer noch da. Vor zehn Jahren hätte ich noch gesagt: Ja, wir sind weitergekommen. Inzwischen bin ich anderer Meinung. Was gerade geschieht, damit hätte niemand von uns gerechnet. Die Angriffe auf uns nehmen zu. Und an Anschlägen wie in Halle können Sie sehen, dass Antisemitismus und Hass auf Muslime zusammengehören: Ein antisemitischer Täter scheitert mit seinem Mordplan an der Tür der Synagoge und wendet sich sofort einem Döner-Imbiss zu.

CETIN: Übergriffe auf muslimische Frauen, wenn sie durch Kopftücher erkennbar sind, geschehen inzwischen fast täglich, es wird nur wenig darüber berichtet. Sie werden geschubst, man schlägt ihnen auf den Kopf und beleidigt sie. Die das tun, haben vielleicht auch früher schon entsprechend gedacht, aber seit die AfD in den Parlamenten sitzt, trauen sie sich, auch zu handeln. Es gibt mehr Morddrohungen und vor den Moscheen abgelegte Schweineköpfe oder Blutbeutel. Auch Asche wird verschickt, dahinter die Botschaft: Wir verbrennen euch. Auch da wiederholen sich Motive und Handlungsmuster.

Was heißt das für Ihren eigenen Alltag?
CETIN: Ich habe mehr Angst als früher, ich bin mehr mit dem Auto unterwegs und seltener mit öffentlichen Verkehrsmitteln, vor allem im Osten von Berlin. Ich will das nicht, ich mag meine eigene Vorsicht nicht, aber sie wird stärker, je mehr ich höre und lese. Als mein zweites Kind zur Welt kam, fand ich vor meiner Haustür ein Paket. Mein einziger Gedanke war: Womöglich wieder so etwas. Ich öffnete eine Ecke, stieß auf etwas Weiches – Horror. Und dabei war es ein Teddy, den Nachbarn uns zur Geburt unseres Sohns geschenkt hatten. Ich musste weinen, als ich das begriffen hatte.

Trifft das auch Sie, Frau Ederberg?
EDERBERG: Die Angst ist auch für uns stärker geworden. Jeder Koffer, der scheinbar herrenlos herumsteht, löst sie aus.

CETIN: Und die Moscheen sind nicht einmal geschützt. Dabei sind an hohen Feiertagen und zum Freitagsgebet in großen Moscheen schon einmal tausend und mehr Menschen versammelt. Ein Massaker in der Art von Christchurch in Neuseeland ist auch bei uns denkbar. Gott bewahre…

Wünschen Sie sich Polizeischutz?
CETIN: Eigentlich nicht. Schon der Anblick der jüdischen Einrichtungen macht mich traurig: immer ist Polizei postiert, was enthält das denn für eine Botschaft? Andererseits wäre es gut, wenn wir wüssten, es ist mindestens eine Streife in der Nähe. Ich möchte allerdings alle warnen, die glauben, nun hätten sie’s geschafft: Angst und Unsicherheit werden uns nicht davon abbringen, nach draußen zu gehen. Das stärkt uns beide eher und motiviert uns.

Stichwort draußen – was ist mit dem Inneren von Moschee und Synagoge? Gibt es keinen Widerstand in den Gemeinden gegen Ihre gemeinsamen Aktionen?
CETIN: Ich habe in meinem Umfeld nie Negatives gehört. Ginge es um Israel, wäre das womöglich anders.

Lässt sich das denn so ohne Weiteres trennen?
CETIN: Wir müssen nicht ständig über Israel reden. Ich habe ja auch keine Lust, wegen meiner türkischen Herkunft ständig über Erdogans Politik zu reden. In unserer Stadt haben wir gemeinsame Anliegen, die uns wichtig sind.

Aber jüdisch-muslimischer Dialog ist in Ihrem Umfeld unproblematisch?
CETIN: Ich hatte jedenfalls nie mit Problemen oder Vorbehalten zu tun.

Frau Ederberg, Sie?
EDERBERG: Ich höre schon manchmal: Du bist doch naiv, die tun so liberal und zugänglich, aber das ist doch Fassade, die tarnen sich.

Das war auch einmal ein antisemitisches Versatzstück …
EDERBERG: Ich antworte dann nur: Durch Zusammenarbeit stärken wir den nicht fundamentalistischen Teil der Religion. Oder ich weise darauf hin, dass die meisten Opfer von islamistischem Terror selbst Muslime sind.

CETIN: Was antisemitische Stereotype unter Muslimen angeht, mache ich bei jungen Menschen immer und immer wieder eine sehr ermutigende Erfahrung: Eine einzige Begegnung genügt, um sie wegzufegen. Das Bild vom reichen Juden, der angeblich die Welt beherrscht, verliert gegen den konkreten Menschen. Und das geht oft sehr schnell, wenn Gesa und ich gemeinsam auftreten.

EDERBERG: Auch über das Kopftuch als Zeichen, als Symbol von Unterdrückung kann man alle möglichen Theorien entwickeln. Die werden aber ziemlich wertlos, wenn ich eine kluge, starke, emanzipierte Frau kennenlerne, die es trägt. Statistisch können wir ja immer wieder feststellen, dass Vorurteile bei denen am stärksten sind, die kaum Kontakt mit den Menschen haben, gegen die sie voreingenommen sind.

Wir haben jetzt viel über die Arbeit mit Kindern und jungen Menschen geredet. Was ist mit den Erwachsenen?
EDERBERG: Auch da läuft viel über die Kinder. Wenn die befreundet sind, müssen sich auch die Eltern bewegen. Aber wir haben als jüdische Gemeinde auch regelmäßig ganze Sonntage in Erstunterkünften für Geflüchtete verbracht – da ergaben sich ausgezeichnete Gespräche.

CETIN: Wir versuchen einfach, immer mehr Räume und Gelegenheiten zu schaffen. Ich bin zum Beispiel im Kuratorium für den Wiederaufbau der Synagoge Fraenkelstraße in Kreuzberg. Mein Traum wäre, dass sie eines Tages ein Ort für Begegnungen über die jüdische Gemeinschaft hinaus würde.

EDERBERG: Wir setzen darauf, dass Vielfalt irgendwann selbstverständlich wird, wenn Kinder mehr und mehr mit ihr aufwachsen. Nehmen Sie sexuelle Vielfalt. Heutige Erwachsene mussten sich Toleranz dafür teils noch erarbeiten. Ihre Kinder haben immer öfter Freundinnen und Freunde mit zwei Vätern oder Müttern.

Über Ihr eigenes Engagement hinaus: Was wünschen Sie sich von der sogenannten Mehrheitsgesellschaft?
EDERBERG: Genau diese Selbstverständlichkeit herzustellen. Wir wollen Teenagerromane, in denen Chanukka- neben Weihnachtskerzen vorkommen, ohne dass das Buch von Religion handelt.

CETIN: Eine Mathematiklehrerin soll zu Mathematik angefragt werden, statt zu ihrem Kopftuch. Als Musliminnen und Muslime würden wir sowieso gern auch einmal angesprochen werden, wenn kein Attentäter irgendwo auf der Welt im Namen des Islams Unheil anrichtet. Zu meiner Zeit in der Sehitlik-Moschee hatten wir jedes Jahr 30 000 Gäste.

Aber fast jede Besuchergruppe fragte: Warum macht ihr so wenig aus euch, ihr macht doch so tolle Arbeit? Wir machen in der Tat viel, aber die Presse kam oft nur dann, wenn sie über Probleme sprechen wollte oder über die Übergriffe von Extremisten. Dann waren wir gefragt. Traurig. Wir sind doch ein Teil dieser Gesellschaft und haben durchaus mehr zu berichten.

Frau Cetin, Frau Ederberg, zum Schluss: Sie sind sich in so vielem einig, Sie sind Freundinnen. Gibt es auch etwas, wo Sie religiös oder lebensweltlich gar nicht miteinander können?
CETIN: Ich habe manchmal Probleme, jüdische Freunde einzuladen, weil ich kein getrenntes Geschirr habe, mit dem ich die koschere Trennung von Fleisch und Milch durchhalten könnte.

EDERBERG: Da ist man auf jüdischer Seite durchaus pragmatisch, Pinar. Wir schauen uns den Sinn der Vorschrift an. Das Geschirr wurde getrennt, damit wir nicht versehentlich Milch und Fleisch mischen. Du kannst darauf ja auch einfach aufpassen. Und es kann sein, dass der Wert eines gemeinsamen Essens höher zu veranschlagen ist, als dass die Kaschrut-Regeln in ihrer strengsten Form eingehalten werden.

CETIN: So wie wir uns angewöhnt haben, die Suren im Koran auf ihren Sinn hin zu interpretieren, statt sie wörtlich zu nehmen, also: Was war damals tatsächlich gemeint, als sie offenbart wurden?

EDERBERG: Sag mal, hatten wir bei der letzten Einladung eigentlich Wein auf dem Tisch?

CETIN: Nein, es gab Traubensaft. Roten.

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!