Eng an Chinas Seite : Weltgesundheitsorganisation in der Kritik

Die WHO reagierte sehr spät auf die Ausbreitung des Coronavirus. Viele werfen ihr eine zu große Nähe zu Chinas Regierung vor – auch Donald Trump.

Ning Wang
WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus
WHO-Chef Tedros Adhanom GhebreyesusFoto: Reuters/Denis Balibouse

In dieser Woche hat der Generalsekretär der Weltgesundheitsorganisation (WHO) eine überraschende Anschuldigung gemacht. Seit Beginn der Coronavirus-Pandemie, sagte der Äthiopier Tedros Adhanom Ghebreyesus, sei er Beleidigungen und rassistischen Verunglimpfungen aus Taiwan ausgesetzt. „Vor drei Monaten kamen diese Attacken“, sagte er, das dortige Außenministerium wüsste Bescheid. Beweise legte er nicht vor.

Taiwan protestierte und forderte eine Entschuldigung wegen „Verleumdung“. Hintergrund von Tedros’ Behauptung dürften die Angriffe von US-Präsident Donald Trump sein, die WHO sei in der Coronakrise zu „chinazentriert“. Sie vertrete zu sehr die Interessen der Volksrepublik.

Mit Taiwan, das von China als eigener Landesteil angesehen wird und auf chinesisches Betreiben hin kein Mitglied der WHO sein darf, hätte Tedros einen Schuldigen ausgemacht für die fortwährende Kritik an der Weltgesundheitsorganisation. Dabei ist diese alles andere als unbegründet.

Frühzeitig hatte sich seine Organisation hinter Chinas Führung gestellt. Als einige Staaten begannen, Einreiseverbote für Menschen aus China auszusprechen, bezeichnete die WHO diese Maßnahmen als unnötig.

Mehrfach lobte Generaldirektor Tedros China regelrecht für seine „totale“ Offenheit, „exzellente Leistung“ und sprach sogar davon, dass „die Welt in der Schuld Pekings“ stünde.

Nach Medienberichten stammt die erste bekannte Infizierung mit Sars-CoV-2 von Mitte November. Bereits im Dezember gab es offenbar Hunderte nun bestätigte Infektionen, um die Weihnachtstage wurde das Erbgut analysiert.

Doch lange beschwichtigte die Weltgesundheitsorganisation unter Berufung auf Stellungnahmen des chinesischen Regimes: Mitte Januar erklärte sie noch, das Virus sei vermutlich nicht von Mensch zu Mensch übertragbar – erst Ende Januar korrigierte sie dies.

China hielt Informationen über Covid-19 zurück

Dabei lagen chinesischen Behörden offenbar schon im Dezember Informationen vor, dass medizinisches Personal infiziert war – Experten aus Taiwan haben die WHO hierüber bereits im Dezember informiert.

Doch vielfach verschloss die UN-Organisation ihre Augen vor der echten Lage in China – und lobte die Maßnahmen Pekings, obwohl viele Experten diese kritisch sahen. Ein Teil des Lobes dürfte dem Zweck gedient haben, dass Peking WHO-Experten ins Land reisen lässt, was zuvor nicht gelang.

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Doch auch sonst gibt es enge Beziehungen: Tedros wurde 2017 mit Unterstützung Chinas gewählt. China ist einer der wichtigsten Partner seines Heimatlands Äthiopien, in dessen Regierung er zuvor über viele Jahre Minister war – mit Milliardenkrediten aus Fernost.

„Angesichts eines vorher unbekannten Virus hat China die vielleicht ehrgeizigsten, agilsten und aggressiven Eindämmungsstrategien der Geschichte ausgerollt“, erklärte das Team der WHO-Experten im Februar nach ihrer Reise. Es handele sich um einen Ansatz „der ganzen Regierung und der ganzen Gesellschaft“, der eine stärkere Verteidigungslinie gegen die internationale Ausbreitung geschaffen habe.

Die WHO reagierte spät auf das Virus

Dabei hatte sich das Virus bereits im Januar in mehreren Ländern ausgebreitet – als die WHO noch behauptete, es sei nicht übertragbar. Nach Medienberichten soll Peking außerdem von fünfzig Prozent mehr Infektionen wissen, als gemeldet wurden – die WHO jedoch behauptet, China habe alle Fälle gemeldet.

Vermutet wird auch, dass in Wuhan viel mehr Menschen gestorben sind. Auf die Frage, ob China Informationen verheimliche, erklärte WHO-Experte Bruce Aylward hingegen: „Nein, das machen sie nicht.“

Peking zeige, wie die Welt auf das Virus reagieren sollte – und dass eine Eindämmung möglich sei, erklärten WHO-Fachleute. „Es ist nicht überraschend, dass so etwas wirkt“, sagt hingegen Richard Neher, Virologe an der Uni Basel. Was die WHO ignorierte und wozu sie keine Daten sammelte, ist entscheidend: die Nebenwirkungen der Schritte.

Peking nutzt das Virus als Propagandainstrument

Es gebe „erhebliche Menschenrechtsbedenken“, sagt Lawrence O. Gostin, der ein WHO-Kollaborationszentrum für globales Gesundheitsrecht an der Georgetown-Universität in Washington leitet. Die WHO erklärte auf Anfrage, sie habe „nicht genug Daten“, um dies einzuordnen.

„Indem die WHO Chinas Schritte in positivem Licht präsentiert, kann die chinesische Regierung ihre Propagandakampagne zur Vertuschung ihrer früheren Fehler als glaubwürdig erscheinen lassen“, sagt Steve Tsang, Direktor des China-Instituts an der SOAS Universität in London. Gleichzeitig würden so die menschlichen, gesellschaftlichen und ökonomischen Kosten der Maßnahmen ignoriert.

Wer in China Quarantäneregeln verletzt, dem droht die Todesstrafe

Peking setzt ohnehin viel auf Zwang: Wenn infizierte Personen die Quarantäneregeln brechen, müssen sie für mindestens drei Jahre ins Gefängnis – in schweren Fällen droht die Todesstrafe, stellte der Oberste Volksgerichtshof klar.

Die WHO wollte hiervon offenbar nichts wissen. Die Bevölkerung habe „mit Mut und Hingabe“ reagiert, hieß es. „In China wurden keine Maßnahmen ergriffen, die nicht auch anderswo umgesetzt werden könnten“, behauptete Aylward sogar in einem Interview.

Er berichtete auch, dass Menschen in China ihm immer gesagt haben, dass sie sich der gemeinsamen Sache hingäben. „Da schrillen bei mir die Alarmglocken“, sagt Mareike Ohlberg vom Mercator-Institut für Chinastudien.

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Die Aussagen der WHO sieht sie als stark von den Interessen der Kommunistischen Partei beeinflusst. „Die offiziellen Aussagen der chinesischen Regierung und die von ihr stark gefilterten Aussagen unkritisch zu wiederholen, ist aus meiner Sicht respektlos gegenüber den Menschen in Wuhan und denen, die versuchen, die Krise zu dokumentieren“, sagt Ohlberg.

Länder wie Südkorea oder Taiwan zeigen derzeit, dass man mit humaneren Methoden die Ausbreitung kontrollieren kann – andere wie die USA hingegen, welche dramatischen Auswirkungen unzureichendes Krisenmanagement hat.

„Autoritarismus ist schlecht für die Gesundheit“

Fragen zu Taiwan – das nicht Teil der WHO ist – wollte WHO-Mitarbeiter Aylward in einem Interview nicht beantworten. Später behandelte er Taiwan wie eine Provinz Pekings. Dies „verdeutlicht noch einmal, unter welchem Druck die WHO in der Taiwan-Frage stehen muss“, sagt Ohlberg.

„Wir kümmern uns um die Armen“, erklärte Tedros – Politik würde die WHO nicht machen. Doch ihr Agieren zeigt das Gegenteil.

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Dies nutzen Populisten wie US-Präsident Donald Trump aus. „Die WHO hat wirklich versagt“, erklärte er in einem Tweet und drohte, die Millionenzahlungen einzustellen. Die Bundesregierung hingegen sieht auf Nachfrage kein Problem: Der Austausch mit der WHO sei „gut eingespielt und vertrauensvoll“, erklärt eine Sprecherin dem Tagesspiegel.

„Wir werden vielleicht nie ein klares Bild haben, wie das Virus sich ausgebreitet hat“, sagt Sophie Richardson von der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. Wer starb, wer warum keine Behandlung erhalten hat. Die Welt lebe mit den Konsequenzen der Zensur des chinesischen Staates – Ähnliches könne sich in Zukunft wiederholen. „Aus Menschenrechtsperspektive ist Autoritarismus schlecht für die Gesundheit.“

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