• Eurofighter-Zusammenstoß in Urlaubsidylle: „Wir haben das Ding quasi über unserem Kopf abstürzen sehen“

Eurofighter-Zusammenstoß in Urlaubsidylle : „Wir haben das Ding quasi über unserem Kopf abstürzen sehen“

Eine Übung der Luftwaffe an der Müritz endet mit dem Tod eines Piloten. Einige Urlauber wurden Zeugen des Unglücks. Ein Bericht aus Jabel.

Die Bundeswehr richtete eine Sperrzone um die Absturzstellen ein.
Die Bundeswehr richtete eine Sperrzone um die Absturzstellen ein.Foto: Felix Hackenbruch

Das seit Jahren schwerste Unglück der Bundeswehr-Geschichte ereignet sich um 14:02 Uhr. Die Piloten der Luftwaffe brachen am Montagvormittag mit drei Eurofighter in Rostock-Laage auf. Wie üblich flogen die Maschinen des Luftwaffengeschwader 73 „Steinhoff“ nach Süden über die dünn besiedelte Müritz – ihr typisches Übungsgebiet. In der Region sei das Getöse der Jets ein vertrautes Geräusch, sagt ein Anwohner. Trainiert wurde eine Luftkampfübung.

Die Eurofighter seien nicht bewaffnet gewesen, teilte die Luftwaffe mit. Doch dann kommt es einem Sprecher der Luftwaffe zufolge zur Kollision. Wie es dazu kam, ist bis zum Abend völlig unklar. Der dritte unbeteiligte Pilot beobachtet nur noch, wie sich seine Kollegen per Schleudersitz zu retten versuchen. Ein Pilot landet mit seinem Fallschirm in einer Baumkrone und kann später gerettet werden, der andere Pilot überlebt den Absturz nicht.

Ein Flugzeug stürzt am Ortsrand von Nossentiner Hütte auf eine freie Fläche, wie Bürgermeisterin Birgit Kurth der Deutschen Presse Agentur sagte. „Ich bin von Bürgern angerufen worden, die am Drewitzer See waren und den Zusammenstoß der beiden Maschinen sahen“, berichtete sie. Dann sei sie rausgelaufen und habe einen Fallschirm runtergehen sehen. Später sei ein Hubschrauber in der Gegend gekreist, offenbar auf der Suche nach dem Piloten, der dann auch gefunden wurde.

Die Gemeinde mit ihren knapp 700 Einwohnern habe Glück im Unglück gehabt, sagte Kurth. Die Maschine sei gleich hinter der Ortschaft niedergegangen. Im Dorf hätten Trümmerteile gelegen. Der zweite Eurofighter stürzte in der Nähe der zehn Kilometer entfernten Ortschaft Jabel in ein Waldstück.

Dort seien nur Minuten nach dem Unglück lokale Feuerwehreinheiten und die Polizei vor Ort gewesen, wenig später Feldjäger, Bundeswehr und Feuerwehr-Einheiten der Bundeswehr, sagt der Sprecher der Luftwaffe. Die Brände an den Absturzstellen waren am Nachmittag wieder gelöscht. Alle verfügbaren Einsatzkräfte seien herangezogen worden. Allein das Polizeipräsidium Neubrandenburg ist nach eigenen Angaben mit etwa 290 Polizisten und drei Hubschraubern im Einsatz.

Erster Unfall seit 1996

„Das ist der erste Unfall der Staffel seit 1996“, sagte ein Sprecher der Bundeswehr. Angaben zu den Piloten konnte er nicht machen. Der überlebende Mann sei im Moment in einem Universitätsklinikum zur Untersuchung. Über die Schwere seiner Verletzungen wurde zunächst nichts bekannt. In Rostock-Laage bildet die Bundeswehr Piloten aus. Seit 2004 werden dafür der Eurofighter verwendet, laut Bundeswehr hat die Staffel bereits über 100.000 Flugstunden mit dem Eurofighter gesammelt.

Eigentlich wirkt die Gegend rund um die Unglücksstelle so idyllisch sommerlich wie immer. Ein paar Kühe weiden auf den weiten Wiesen, überall sieht man Radfahrer. Die Region ist beliebt bei Urlaubern. Seit einer Woche haben die Nachbarbundesländer Berlin und Brandenburg Sommerferien. Einige haben auch Stunden nach dem Unfall nichts mitbekommen. „Krass, was ist denn hier los“, sagt ein Junge auf seinem Fahrrad zu seinen Freunden als er Hubschrauber, Bundeswehr und Medientross sieht. Die Gruppe war den ganzen Tag am See, vom Unglück haben sie noch nichts gehört.

Von der Leyen zwischen Entsetzen und Hoffnung

Um 18 Uhr trifft Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen in einem Hubschrauber der Luftwaffe ein. Zusammen mit dem Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern, Lorenz Caffier (CDU), und dem Inspekteur der Luftwaffe, Ingo Gerhartz, besichtigt sie die Unglücksstelle in dem Waldstück bei Jabel. „Heute ist der Tag der Trauer und des Schmerzes über den Verlust unseres Soldaten“, sagte die Verteidigungsministerin, die tief getroffen wirkt. „Man schwankt zwischen Entsetzen und Hoffnung“, beschreibt sie die Minuten nach dem Unfall.

Bevor sie nach gut einer Stunde wieder aufbricht, kündigt von der Leyen eine genaue Aufklärung des Unglücks an. Dafür müssen jedoch zunächst die Flugschreiber geborgen und ausgewertet werden, so Gerhartz. Dies habe nun höchste Priorität. Bis zum Abend herrschte jedoch keine Klarheit darüber, ob die Flugschreiber bereits geborgen waren. Das Trümmerfeld sei viele Quadratmeter groß, so ein Sprecher der Luftwaffe. Am Abend wurde bekannt, dass ein General vom Luftfahrtamt der Bundeswehr in Köln die Flugunfallermittlungen übernimmt.

Nicht alle haben Verständnis

Dafür versuche man möglichst alle Wrackteile zu finden. Die Bergungsarbeiten dafür würden voraussichtlich mehrere Tage andauern, sagte der Innenminister von Mecklenburg-Vorpommern Lorenz Caffier (CDU). „Nach so viel Jahren unfallfreien Fliegens ist das eine Zäsur“, sagt der CDU-Politiker. Wie die Verteidigungsministerin bedankte auch er sich bei den Einsatzkräften für ihr schnelles Handeln.

Teile der verunglückten Eurofighter-Maschinen verteilen sich über die Felder in der Nähe von Plau am See.
Teile der verunglückten Eurofighter-Maschinen verteilen sich über die Felder in der Nähe von Plau am See.Foto: REUTERS/Petra Konermann/Nordkurier

Caffier zufolge haben zwei von ihnen bei der Bergung leichte Verletzungen davongetragen, weil sie giftige Gase eingeatmet hatten. Er warb zudem für Verständnis in der Bevölkerung, die durch die Sperrzonen eingeschränkt wird. Das können jedoch nicht alle aufbringen. Am frühen Abend versucht eine Radfahrerin in die militärische Sperrzone zu gelangen. Vor sechs Stunden hat sie das Unglück live erlebt. „Wir haben das Ding quasi über unserem Kopf abstürzen sehen“, sagt sie.

Danach kommt sie nicht mehr zurück zu ihrem Ferienhaus in Jabel, weil die Rettungskräfte die Landstraße sperren. „Wollen Sie mich erschießen. Dann los“, sagt die Frau als sie den Checkpoint ohne Genehmigung überqueren will. Am Ende kann der Militär sie doch noch aufhalten. „Dann schlafe ich eben hier auf der Wiese“ sagt die Frau. Wenig später fährt die Polizei sie zurück nach Jabel. Die Ermittlungen zur Unfallursache haben eben erst begonnen.

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