• Fachkräftegipfel im Bundeskanzleramt: Welche Stellen fehlen und woher Hilfe kommen könnte

Fachkräftegipfel im Bundeskanzleramt : Welche Stellen fehlen und woher Hilfe kommen könnte

Deutschland fehlen viele Fachkräfte. Die Bundesregierung und Wirtschaftsvertreter wollen jetzt gegensteuern. Welche Stellen nötig sind und wer helfen kann.

Fachkräfte arbeiten an einer Turbine in einem Gasturbinenwerk
Fachkräfte arbeiten an einer Turbine in einem GasturbinenwerkFoto: imago/ IPON

An diesem Montag kommt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit Spitzenvertretern aus Regierung und der Wirtschaft zum Fachkräftegipfel im Kanzleramt zusammen. „Die Sicherung des Fachkräftebedarfs ist eine der größten Herausforderungen für den Wirtschaftsstandort Deutschland“, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) vor dem Treffen. „Klar ist: Nur mit ausreichend gut qualifizierten Fachkräften werden unsere Unternehmen ihre Innovationskraft bewahren, weiterhin im globalen Wettbewerb bestehen und letztlich unseren Wohlstand sichern können.“

Wie dramatisch ist die Situation?

In ganz Deutschland fehlen Fachkräfte. Das ist im Gesundheits- und Pflegebereich der Fall, in technischen Berufen, aber auch im Handwerk und der Bauwirtschaft, wie die Engpass-Analyse der Bundesagentur für Arbeit (BA) zeigt. Aktuell werden bundesweit Klempner genauso gesucht wie Altenpfleger und Physiotherapeuten, Fachkräfte in der Energietechnik ebenso wie Lkw-Fahrer. Bei IT-Spezialisten sieht die Lage – je nach Bundesland –anders aus: In Baden-Württemberg herrscht Fachkräftemangel, auch in Bayern gibt es Anzeichen für Engpässe bei Informatikern, Entwicklern und Programmierern. In Berlin und Brandenburg hingegen sind laut BA-Analyse ausreichend qualifizierte Arbeitskräfte auf dem Markt.

Aus Sicht der Wirtschaft wird der Fachkräftemangel mehr und mehr zum Geschäftsrisiko. In der aktuellen Konjunkturumfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) aus dem Herbst gaben mehr als die Hälfte der Betriebe (56 Prozent) an, dass sie sich wegen fehlender Fachkräfte Sorgen machen. Vor allem Mittelständler haben Schwierigkeiten, Stellen zu besetzen. In Großunternehmen hätten die Probleme auch stark zugenommen, heißt es in der Umfrage. Besonders würden Kandidaten mit dualer Berufsausbildung gesucht. Jedes dritte Unternehmen sucht erfolglos Hochschulabsolventen.

Allerdings können viele Menschen die Klagen nicht nachvollziehen. Manch einer bekommt wegen seines Alters keinen Job mehr. Anderen fehlt eine wichtige Qualifikation – oder eine Alleinerziehende bekommt keine Aussicht auf flexible Arbeitszeiten. Kritiker sagen außerdem: Wäre die Not tatsächlich so groß, würden die Löhne steigen.

Wie misst man Fachkräftemangel?

Als Fachkräftemangel bezeichnet man, wenn Unternehmen in bestimmten Branchen ernsthafte Probleme haben, ihre offenen Stellen zu besetzen, weil es zu wenig passend qualifizierte Arbeitskräfte gibt. Ein Indikator ist, wie lange Stellen unbesetzt bleiben. Über alle Berufe hinweg ist die durchschnittliche Vakanzzeit in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, wie aktuelle Daten der Bundesagentur für Arbeit aus dem November zeigen: Im Schnitt blieben Stellen 125 Tage lang unbesetzt. Vor zehn Jahren waren es lediglich 61 Tage.

Ein weiterer Indikator für einen Fachkräftemangel ist das Verhältnis von Arbeitslosen zu sozialversicherungspflichtigen Stellen. Auf hundert offene Stellen kamen zuletzt 233 Arbeitslose. Das ist ein spürbarer Rückgang gegenüber dem Jahr 2009. Damals waren es 1083 Arbeitslose. Doch trotz gestiegener Vakanzzeit und einer knapper gewordenen Relation von Arbeitslosen zu Stellen spricht die Bundesagentur noch nicht von einem „umfassenden“ Fachkräftemangel. Es gebe vielmehr in bestimmten Regionen und Berufen „spürbare Probleme“.

Was versucht die Politik, um Fachkräfte im Inland zu gewinnen?

Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) setzt bei der Suche nach Fachkräften auf dieselbe Strategie wie seine Amtsvorgänger. Neben Zuwanderung müssten im Inland alle Potenziale für mehr Beschäftigung ausgeschöpft werden, sagt er. Übersetzt heißt das: Der Anteil der älteren Arbeitnehmer soll ebenso steigen wie der Anteil der berufstätigen Frauen. Außerdem sollen Arbeitslose so qualifiziert werden, dass sie eine Chance auf dem Jobmarkt haben. Das Problem ist nur, dass diese Potenziale in den vergangenen Jahren schon ausgeschöpft wurden. Bestärkt durch die gute Lage am Arbeitsmarkt ist die Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren deutlich gestiegen.

Zugleich wird der „negative demografische Trend“ immer stärker, wie eine Studie des Instituts für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) zeigt. Deutschland hat nach Japan schon jetzt die zweitälteste Gesellschaft der Welt. Im kommenden Jahrzehnt geht die Generation der Babyboomer in Rente.

Betrachtet man allein die Alterung der Bevölkerung, sinkt die Zahl der Arbeitskräfte im nächsten Jahr schon um 340000 Personen. Unter dieser Entwicklung droht der Sozialstaat zu kollabieren. Auch deswegen konzentriert sich die Politik auf Fachkräfte aus dem Ausland.

Wie sollen Zuwanderer das Problem lösen?

Vor Kurzem hatte das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung berechnet, dass bis 2060 jedes Jahr 260000 Menschen nach Deutschland einwandern müssten, um Mangel an Fachkräften auszugleichen. Die Bundesregierung hofft, dass durch das Einwanderungsgesetz zumindest 25000 Menschen im Jahr kommen werden. Der Bundesrat hatte das Gesetz im Juni als Teil des Migrationspakets der Großen Koalition gebilligt. Es soll zum 1. März 2020 in Kraft treten – und konzentriert sich auf Fachkräfte aus Drittstaaten. Viele EU-Mitgliedstaaten durchlaufen nämlich ähnliche oder noch gravierendere demographische Entwicklungen als Deutschland.

Das Gesetz sieht Folgendes vor: Wer außerhalb der Europäischen Union lebt und beruflich gut qualifiziert ist, soll künftig auch ohne Arbeitsvertrag kommen und ein halbes Jahr lang einen Job suchen können. Das war bislang nur Akademikern möglich. Die Beschränkung auf sogenannte Engpassberufe, in denen die Personalnot besonders groß ist, entfällt. Ebenso die Vorrangprüfung. Eine Fachkraft darf kommen, ohne dass erst geguckt wird, ob der Arbeitsplatz nicht auch mit einem Bewerber aus Deutschland oder der EU besetzt werden kann. Die Voraussetzungen sind notwendige deutsche Sprachkenntnisse und die Sicherung des Lebensunterhalts. Was jemand gelernt hat, muss mit der deutschen Qualifikation vergleichbar sein.

Warum wird das Gesetz kritisiert?

Die Gewerkschaften rügen das Gesetz, weil ein Wechsel des Unternehmens schwer gemacht werde. „Wenn eine Fachkraft aufgrund von miserablen Arbeitsbedingungen kündigt oder gekündigt wird, ist sie allein vom guten Willen der Ausländerbehörde abhängig“, findet Annelie Buntenbach, Vorstandsmitglied des Deutschen Gewerkschaftsbunds. Das öffne „Tür und Tor für kriminelle Praktiken wie Lohn- und Sozialdumping“, befürchtet die Gewerkschafterin.

Was beinhaltet die Regierungsstrategie, die im Kanzleramt besprochen wird?

Erstens soll genau analysiert werden, in welchen Berufen ein besonderer Fachkräftemangel besteht und „welche Länder über die notwendigen Fachkräftepotenziale verfügen“. Damit die Menschen in fernen Ländern wissen, dass sie hier gesucht werden, soll es dort Informationskampagnen geben. Haben Fachkräfte und Unternehmen Interesse, sollen sie umfangreich zum Zuwanderungsprozess beraten werden. Das mehrsprachige Internetportal „Make it in Germany“ werde zu diesem Zweck ausgebaut.

Die Regierung ist sich außerdem bewusst: Wer nach Deutschland kommen möchte, muss auch dazu befähigt werden. Deswegen soll es Angebote zur Sprachförderung im In- und Ausland und mehr Möglichkeiten geben, um bestimmte Qualifikationen nachzuholen. Verfahren zur Visumsvergabe sollen schneller ablaufen. Ebenso die Anerkennung von Abschlüssen. Für deren Prüfung sind derzeit 1500 verschiedene Stellen in Deutschland zuständig. Künftig soll es in jedem Bundesland eine Behörde geben.

Welche Länder stehen im Fokus?

Das Wirtschaftsministerium fördert ab 2020 drei Pilotprojekte. Diese konzentrierten sich auf Berufe, in denen ein ausgewiesener Fachkräftemangel in Deutschland bestehe. Früheren Angaben des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK) zufolge sind dies Gesundheitsdienstleister, Logistiker, das Baugewerbe und IT-Spezialisten. Die Projekte sollen laut Ministerium in ausgewählten Partnerländern stattfinden, in denen ausreichend Fachkräfte zur Verfügung stehen und die an einer Zusammenarbeit interessiert sind. So geht es in einem Projekt des DIHKs um Fachkräfte aus Indien, Vietnam und Brasilien. Ein Projekt des Zentralverbands des Deutschen Handwerks konzentriert sich auf die drei Berufe Elektroniker, Metallbauer und Anlagenmechaniker für Sanitär-, Heizungs- und Klimatechnik. Pilot-Partnerland ist Bosnien und Herzegowina.

Was tun deutsche Unternehmen?

Immer mehr junge Menschen streben in Deutschland an die Universitäten. Für Betriebe ist die Akademisierung ein Problem. Der Zentralverband des Deutschen Handwerks freut sich deswegen über die Wiedereinführung der Meisterpflicht in zwölf Gewerken. Das Handwerk werde dadurch wieder aufgewertet. Mehr Meister würden mehr junge Menschen ausbilden.

Unternehmen sind aber auch gezwungen, für sich zu werben. Ein wichtiger Hebel ist die Vereinbarkeit der Arbeit mit anderen Lebensaufgaben wie der Erziehung von Kindern oder Pflege der Eltern. „Zu den betrieblichen Angeboten zählen insbesondere solche zur Flexibilisierung der Arbeitszeit, wie Gleitzeit oder Teilzeit, zur Flexibilisierung der Arbeitsorganisation sowie zum erleichterten Wiedereinstieg nach Erwerbspausen“, sagt die Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände. Ein Beispiel: Das IT-Unternehmen Hewlett Packard Enterprise (HPE) bietet seinen Angestellten seit kurzem eine sechsmonatige Elternzeit bei voller Weiterbezahlung an. Der Schritt des baden-württembergischen Unternehmens steht beispielhaft dafür, wie Firmen um junge Arbeitnehmer konkurrieren, die nicht nur den Job im Fokus haben. Andere Unternehmen locken mit Sabbaticals oder helfen bei der Wohnungssuche.

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